Literatur : Der Kapitalismus ist super, wenn er kein Superkapitalismus ist

In den Fängen der Lobbyisten: Robert Reich stellt fest, dass die amerikanische Demokratie von der Wirtschaft überwältigt wurde

Stefan Kaiser

Wie kommt es, fragt Robert Reich, dass der Kapitalismus so stark geworden ist und die Demokratie so schwach? In seinem neuen Buch „Superkapitalismus“ seziert der Wirtschaftswissenschaftler die Strukturen, in denen Wirtschaft und Politik in den USA miteinander verwoben sind.

„Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust“ – bei Goethe steht der Satz für die innere Zerrissenheit der Hauptfigur Faust. Reich zitiert den Satz, um ein scheinbares Paradoxon der Wirtschaft zu beschreiben: Warum schreien wir Konsumenten einerseits auf, wenn ein Konzern Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, wie etwa jüngst bei Nokia – suchen aber selbst beim Einkaufen immer nach den billigsten Schnäppchen?

Reich löst den Widerspruch so auf: Er teilt den Einzelnen in zwei Hälften. Die eine Hälfte ist der Verbraucher oder Anleger. Er will eine große Auswahl an günstigen Produkten und hohe Gewinne mit Aktien oder Investmentfonds. Die andere Hälfte ist der politische Bürger. Er wünscht sich sichere Arbeitsplätze und eine intakte Umwelt. Die Balance zwischen diesen sich widersprechenden Interessen, argumentiert Reich, sei in den vergangenen 20 Jahren verloren gegangen – zu Lasten des Bürgers und zum Vorteil des Verbrauchers.

Der Grund dafür liege, meint Reich, vor allem in der Entwicklung des demokratischen Kapitalismus zum Superkapitalismus. Mit diesem Begriff bezeichnet er die heutige globalisierte Weltwirtschaft, die eine fundamental andere Struktur hat als noch der Kapitalismus der 70er Jahre. Wo sich früher einige wenige Großkonzerne den Markt aufteilten und dabei auch noch Rücksicht auf Beschäftigte und nationale Interessen nehmen konnten, herrscht heute ein knallharter Wettbewerb, der die Unternehmen dazu zwingt, ebenso hart zu kalkulieren. Die Verbraucher finden heute eine riesige Auswahl an Produkten zu günstigsten Preisen, und auch den Anlegern haben sich mit dem Wachstum und der Deregulierung der Finanzmärkte neue Renditechancen eröffnet. Die Interessen der Bürger sind dabei jedoch auf der Strecke geblieben. Sie müssten eigentlich von der Politik vertreten werden. Doch die hat laut Reich ihre Hoheit über das eigene Handeln verloren. Die amerikanische Demokratie wurde von der Wirtschaft überwältigt – ein Schicksal, das übrigens auch Deutschland in zehn Jahren blühe, wie Reich im Vorwort zur gerade erschienenen deutschen Ausgabe prophezeit.

Die Politik ist in Reichs Darstellung getrieben von einem Heer von Wirtschaftslobbyisten, das die Gesetzgebung weitestgehend bestimmt. Und Reich weiß, wovon er schreibt. Der Ökonomieprofessor in Berkeley war Mitte der 90er Jahre Arbeitsminister unter dem Präsidenten Bill Clinton. Schon damals habe es rund 10 000 Lobbyisten in Washington gegeben, erinnert sich Reich. Mittlerweile sei die Zahl auf mehr als 30 000 angestiegen. Hinzu kommen die riesigen Wahlkampfspenden der Unternehmen, ohne die ein amerikanischer Politiker es nie zu etwas bringen kann.

Reich ist heute nicht nur Wissenschaftler, er ist auch ein anerkannter Intellektueller, seine Einschätzungen zu Wirtschaft und Politik sind in den US-Medien gefragt. Denn Reich versteht es, Geschichten anschaulich zu erzählen. Immer wieder zieht er in seinem Buch Beispiele heran, die seine Thesen untermauern und seine Leser unterhalten. Etwa das des Internetkonzerns Google, der bis zu seinem Börsengang im Jahr 2005 keinerlei Lobbyisten beschäftigte, danach aber kräftig „aufrüsten“ musste, um nicht gegenüber den Konkurrenten Microsoft und Yahoo ins Hintertreffen zu geraten.

Robert Reich betreibt keine Unternehmensschelte. Das hebt ihn von anderen kapitalismuskritischen Autoren ab. Gerade börsennotierte Konzerne müssten unter den gegebenen Strukturen nun einmal gewinnmaximierend handeln, argumentiert er. Dies sei ihre Aufgabe und ihre Verpflichtung gegenüber den Aktionären. Wenn sie Einsparpotenziale nicht nutzen, werden sie dafür von den Kunden bestraft, die zur Konkurrenz wechseln. Von einer sozialen Verantwortung der Unternehmen hält Reich deshalb nichts. Für ihn ist es vielmehr Aufgabe der Politik, für eine Balance der Interessen von Bürgern und Verbrauchern zu sorgen. Doch dazu müsste die Demokratie ihre Entscheidungshoheit zurückgewinnen.

Wie das geschehen soll, bleibt jedoch unklar. Nur halbherzig reißt der Autor Vorschläge an, wie etwa die Begrenzung von Wahlkampfspenden, ohne dabei überzeugende Antworten zu geben. Zudem lässt er eine wichtige Frage außer Acht, die er noch in seinem wegweisenden Buch „Die neue Weltwirtschaft“ Anfang der 90er Jahre aufgeworfen hatte: Welchen Spielraum hat die nationale Politik überhaupt noch gegenüber globalisierten Unternehmen? Vielleicht folgt die Antwort im nächsten Buch.





– Robert Reich:
Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2008. 326 Seiten, 24,90 Euro.

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