Literatur : Der Sohn des Lagerkommandanten

Der Ire John Boyne wählt für seinen Roman eine ungewöhnliche Perspektive

Simone Leinkauf

Der Sohn des Auschwitzkommandanten und sein Blick auf das Jahr 1943: Der Ire John Boyne wählt eine ungewöhnliche Perspektive für eine ungewöhnliche Geschichte, die tief berührt und den Leser gleichzeitig sprachlos zurücklässt.

Bruno ist entsetzt, als er erfährt, dass er sein geliebtes Berliner Zuhause und seine Freunde aufgeben muss, nur weil der Vater befördert worden ist. Welche Arbeit sein Vater verrichtet und warum die ganze Familie dazu schweigt, das weiß und hinterfragt der Neunjährige nicht. Nur dass er eine schicke Uniform trägt und irgendwie ganz wichtig ist – und dass der „Furor“ auch schon mal mit einer gut aussehenden blonden Frau zum Abendessen kommt, um dem Vater seine Aufwartung zu machen, das weiß Bruno. Dann sind alle immer ganz aufgeregt und die Kinder dürfen nicht dabei sein.

Doch nun steht der unerwünschte Umzug an, in ein Haus irgendwo mitten in der Pampa. Keine anderen Häuser und keine Straßencafés wie in Berlin, noch nicht einmal eine Schule gibt es in der Nähe. Bruno und seine Schwester werden von einem Privatlehrer unterrichtet. Das ganze Leben ändert sich radikal und für Bruno in einer nicht nachvollziehbaren Weise. Was es mit den neuen Nachbarn auf sich hat, die in „Aus-Wisch“ alle hinter einem Zaun leben und stets gestreifte Pyjamas tragen, versteht Bruno nicht. Er sieht nur, dass sie alle immer irgendwie traurig wirken. Bruno freundet sich mit Schmuel an, einem der Jungen in den gestreiften Pyjamas. Für Bruno werden die heimlichen Treffen mit Schmuel schließlich zum Mittelpunkt seines neuen Lebens. John Boyne erzählt eine konstruierte Geschichte mitten aus dem größten Trauma der Deutschen. Er erzählt sie höchst subjektiv, indem er sich auf den naiven Blick eines Jungen einlässt, der die Zusammenhänge der großen Politik und die bittere Tragödie, die sich um ihn herum abspielt, nicht begreift. Bruno schaut nicht genau hin, will vielleicht gar nicht wissen, was sich hinter dem Zaun und den ernsten Gesichtern, die niemals lachen, verbirgt.

Auch wenn das auf den ersten Blick nicht besonders realistisch für einen Neunjährigen wirkt, der sich selbst immer wieder als „Forscher“ bezeichnet – verhält sich Bruno da nicht genau so, wie sich Hunderttausende von Deutschen verhalten haben, die jahrelang die Augen verschlossen vor dem Treiben der SS-Männer? Die nicht wissen wollten, was mit den jüdischen Nachbarn passierte, wenn sie abgeholt wurden? Die hinterher nichts davon wussten, dass Züge Tausende von Menschen ins Verderben fuhren? Die Geschichte von Bruno und Schmuel ist einfühlsam und auf hohem literarischen Niveau erzählt und hat international schon eine Reihe von Preisen erhalten. Sie funktioniert allerdings nur, wenn der Leser bereit ist, sich auf die Konstruktion der Erzählung einzulassen, die Glaubwürdigkeit nicht hinterfragt.

„Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist eine Fabel und kein historischer Tatsachenbericht. Es ist eine Fabel, die sich bewusst nicht nur an Kinder, sondern auch an erwachsene Leser wendet. Vielleicht ist es sogar eine Geschichte, die sich vor allem an Erwachsene richtet, weil viele Jugendliche mit dem ruhigen Erzählfluss, mit der Nachdenklichkeit und letztendlich der zwischen den Zeilen erzählten Grausamkeit vermutlich nichts anfangen können. Es ist eine Geschichte der Zwischentöne, der feinen Wahrnehmung von Gesten und Stimmungen, welche die eigentliche Wahrheit transportieren. Möglicherweise ist das Wissen um die historischen Zusammenhänge notwendig, um die eigentliche Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Simone Leinkauf



John Boyne:
Der Junge im gestreiften Pyjama. Aus dem

Englischen von

Brigitte Jakobeit,

Fischer Schatzinsel, Frankfurt/M 2007, 272 Seiten, 13,90 Euro. Ab zwölf Jahren.

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