Deutsche Mythen : Land ohne Geschichten

In der mythenfreien Zone: Herfried Münkler referiert die (wenigen) Großerzählungen der Deutschen. Sein Buch ist eine heimliche Hommage an das Bildungsbürgertum.

Alexander Cammann

Die Geschichte menschlicher Gesellschaften ist auch eine Geschichte von Erzählgemeinschaften. Menschen kommunizieren miteinander über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Unseren Bedarf an vergangenen Geschichten hat der Philosoph Odo Marquard pointiert zusammengefasst: „Zukunft braucht Herkunft.“ Und jene zu Mythen geronnenen Erzählungen darüber, woher wir kommen und was wir sind, können enorme politische Wirkung entfalten. So ist das Charisma Barack Obamas nicht nur durch sein Lächeln zu erklären oder durch die Tatsache, dass er der erste farbige Präsident der USA ist. Vielmehr verkörpert er auch eine alte amerikanische Geschichte: die vom Leiden, vom Kampf und schließlich von der Befreiung der Afro-Amerikaner – ein höchst kraftvoller politischer Mythos.

Wie steht es hierzulande um die großen Erzählungen? Die Bundesrepublik sei eine „weithin mythenfreie Zone“, erklärt Herfried Münkler zu Beginn seines Buches „Die Deutschen und ihre Mythen“, für das er am vergangenen Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Der an der Humboldt-Universität lehrende Politikwissenschaftler ist schon lange einer der originellsten Köpfe seines Faches. Bekannt wurde er vor allem durch seine Bücher über die „neuen Kriege“ (2002) und Imperien (2005). Zum Jubiläumsjahr 2009 präsentiert Münkler nun unserer relativ mythenfreien Gegenwart anschaulich und nüchtern jene Mythen, die uns dennoch geprägt haben – von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zum Wirtschaftswunder.

Mythen sind dabei nicht etwa Unwahrheiten, die man entlarven muss. Politische Mythen drücken vielmehr „das Selbstbewusstsein eines politischen Verbandes“ aus. Sie sind die „narrative Grundlage der symbolischen Ordnung eines Gemeinwesens“. Mythen wandeln sich ständig und sind instrumentalisierbar. Keineswegs will Münkler noch einmal ideologiekritisch die mythisch aufgeladenen Irrwege der Deutschen bis 1945 entlarven. Vielmehr sieht er in der Mythenfeindlichkeit hierzulande durchaus Risiken: „Das Defizit politischer Mythen in Deutschland hat einen Preis, und der besteht im Fehlen von Großerzählungen, die Zutrauen und Mut erzeugen und politische Reformen begleiten und absichern können.“ Das hat überraschende Konsequenzen: „Mangel an politischen Mythen und struktureller Konservatismus gehen offenbar Hand in Hand.“ Aber auch Münkler weiß, dass die Geschichte nicht glücklicher verlief, als die Deutschen noch mythenseliger waren. Er erklärt die Ursachen für diese einstige Fixierung auf „Hirngespinste“ im „Luftrevier“ (Heinrich Heine): Deutschland wurde zum „Dorado der politischen Mythographie“, weil bis 1871 Mythen und Symbole die einzigen Ausdrucksformen der verspäteten Nation waren. „Was im politischen Erfahrungsraum nicht der Fall war, wurde mit umso größerer Intensität in den Erwartungshorizont hineingeschrieben, und der wurde über weite Strecken durch Mythen illustriert.“

Münkler verfolgt das blutrünstige, deutsche Opfer ideologisch überhöhende Schicksal der Nibelungensage. Er schildert die seltsame Barbarossa-Hoffnung, wonach der mittelalterliche Kaiser auferstehen und als Wiedergänger das deutsche Reich einen könnte. Überall witterten die Deutschen Feinde – zahllose Mythen über den Kampf gegen Fremde entstanden, so über Luthers Rebellion gegen Rom oder die Erbfeindschaft mit den Franzosen. Und der rasche Aufstieg Preußens im 18. Jahrhundert, von Friedrich dem Großen bis Königin Luise und den Befreiungskriegen, war äußerst mythenträchtig – mit Nachwirkungen bis zum Attentat vom 20. Juli. Münklers Buch ist eine heimliche Hommage an das deutsche Bildungsbürgertum; die Lust, mit der er die Dichter und Denker zitiert, spricht eine deutliche Sprache. Das Weimar der Klassiker bekommt folgerichtig einen mythischen Platz zugewiesen. Und Münkler schaut auf die Erzählung vom Doktor Faust, der sich um der Erkenntnis willen dem Teufel verschreibt – der deutsche Intellektuellenmythos schlechthin.

Am Ende verblasst Münklers Mythenzauber etwas. Nach dem erfreulichen Bruch der mythischen Traditionen 1945 gibt es für den Autor eigentlich nur das sattsam bekannte Wirtschaftswunder und den gescheiterten antifaschistischen Gründungsmythos der DDR. Hingegen unterschätzt er die Mythentauglichkeit von 1968, jener auch heute noch erstaunlich wirkmächtigen Erzählung der alten Bundesrepublik. Und wer sieht, welche erschütternde Erzählwirkung für Jung und Alt vom Holocaust ausgeht, der muss sich über die gravierendste Lücke in Münklers Mythenprogramm wundern: Auschwitz, der zentrale negative deutsche Mythos nach 1945, kommt nicht vor. Scharfsinnig sind dagegen Münklers nüchtern-bedauernde Reflexionen darüber, warum der 9. November 1989 trotz so vieler Tränen vor dem Fernsehschirm nicht zum Gründungsmythos der Deutschen wurde: die westdeutsche Mehrheit der Nation war „bloß Zuschauer eines Geschehens, zu dem sie nichts beitragen konnte“.

Über die Frage, ob Mythen nur eine intellektuelle Begleitmusik für gesellschaftliche Prozesse sind, wird man weiterhin streiten, ebenso darüber, welche Rolle sie in einer postnationalen Einwanderungsgesellschaft mit neuen Traditionsmischungen spielen werden. Münklers frisch geputzte Mythenkammer jedenfalls versammelt den geistigen Stoff, aus dem die Deutschen bislang gemacht sind.

– Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Rowohlt Berlin, Berlin 2009. 607 Seiten,

24,90 Euro.

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