Deutscher Buchpreis : Turmhoch

Jetzt wird es ernst, für Schriftsteller wie Verlage, nicht zuletzt, weil es um entscheidend höhere Buchverkäufe und damit um Geld geht. 6 aus 20: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Gerrit Bartels

Gestern verkündete die Jury des Deutschen Buchpreises, wen sie von ihrer zwanzig Titel umfassenden Vorauswahl für die aus sechs Büchern bestehende Shortlist ausgewählt hat. Faustdicke Überraschungen sind nach der inhaltlich und formal vielfältig bestückten Longlist keine dabei. Mit Dietmar Dath, Sherko Fatah, Iris Hanika und Rolf Lappert stehen aber gleich vier Namen auf der Liste, von denen ein größeres Publikum vermutlich noch nie was gehört hat. Ingo Schulze ist da ein anderes Kaliber, und Uwe Tellkamp, der Sechste im Bunde, hat 2004 schon mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis auf sich aufmerksam machen können.

Überraschend könnte man finden, dass Uwe Timm mit „Halbschatten“ nicht mehr dabei ist. Timm war für viele ein Top-Kandidat, weil sein Verlag Kiepenheuer & Witsch nach zwei knappen Niederlagen in den Vorjahren (Thomas Hettche, Katja Lange-Müller) mal dran gewesen wäre und der Preis für ihn anders als für Walser und Handke nichts Peinigendes gehabt hätte. Anderseits: Bücher verkauft Uwe Timm auch ohne Buchpreisehren in hoher Zahl.

Wer nun die besten Chancen hat, darüber darf bis zur Verleihung am 13. Oktober im Frankfurter Römer spekuliert werden. Möglich ist wieder alles und nichts. Dath ist zu wirr, zu unverdichtet, zu wenig marktgängig. Er ist aber Autor beim Suhrkamp Verlag, und der preist seinen Roman so an: „Wenn Charles Darwin ,Krieg der Welten‘ geschrieben hätte, vielleicht wäre ein Buch wie dieses dabei herausgekommen.“ Sherko Fatahs Roman „Das dunkle Schiff“ stand im Frühjahr schon auf der Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse, hat aber viel politische Relevanz, erzählt er doch, wie ein kurdischer Junge zum Terroristen wird. Iris Hanikas Roman „Treffen sich zwei“ dreht sich um die Liebe, darum, wie sich zwei im Kreuzberger „Bierhimmel“ kennenlernen und was bei ihnen dann physiologisch wie psychisch abläuft. Ein feines Buch, aber reicht das?

Der Schweizer Rolf Lappert wiederum steht mit „Nach Hause schwimmen“ für das so gern gesehene „lebenspralle“ Erzählen, dürfte aber genauso wenig infrage kommen wie Ingo Schulze mit „Adam und Evelyn“ – denn über allen steht Uwe Tellkamp mit seinem Monumentalwerk „Der Turm“ über das Ende der DDR. Hier ist ein großer Dichter und Erzähler am Werk gewesen, und wenn einer den Preis aus inhaltlichen wie literarischen Gründen verdient, dann Tellkamp. Sein Roman ragt in diesem Herbst weit heraus. Wohl genau deshalb (und weil 1000 Seiten viel Lese-Atem benötigen) wird er nicht gewinnen. Also: Vorhang noch zu, und alle Fragen offen. 

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