Literatur : Die eigene Stimme

Alan Bennetts Queen-Novelle „Die souveräne Leserin“

Christina Tilmann

Dass man beim Lesen ständig Helen Mirrens Gesicht aus Stephen Frears’ Film „Die Queen“ vor Augen hat – das stört nicht wirklich. Die Vermenschlichung der eisernen Königin, die der Film „The Queen“ am traumatischen Erlebnis des Diana-Tods festmachte, setzt der britische Autor Alan Bennett nun auf fiktivem Feld fort. Die Queen wird in seiner Novelle zur „souveränen Leserin“ – und wechselt am Ende gar vom Königreich der Briten ins Königreich der Bücher.

Das ist natürlich zunächst eine hinreißende Liebeserklärung an die Literatur. Literatur, die die bei allem Hofstaatgewusel recht einsame Queen zunächst mithilfe eines Charity-Bücherbusses und des behutsamen Nachhilfeunterrichts ihres schwulen Küchenjungen Norman kennen und schätzen lernt – bis sie sich schließlich als Leserin emanzipiert und aus dieser neuen Qualität Stärke und Eigensinn für diverse Begegnungen mit Staatsoberhäuptern, Privatsekretären und Premierministern zieht. Meisterhaft komisch die Diskussion mit dem französischen Präsidenten über Jean Genet.

Bald beginnt die Queen ihre ganze Umgebung mit Zitaten und Lesevorschlägen zu nerven – der Verdacht auf altersbedingte Geistesschwäche, welchen der verunsicherte Hofstaat als Erklärung für dieses so ungewöhnliche Verhalten zunächst äußert, kehrt sich ins Gegenteil. Denn dass Literatur Zeitverschwendung, Zeichen von Arroganz und vor allem ein unnützes Hobby sei, wird in dem Maße widerlegt, in dem die Queen durch die Lektüre Eigenständigkeit und eigenes Denken lernt. Wahre Souveränität eben.

Doch vor allem ist „Die souveräne Leserin“ (original: „The uncommon Reader“) eine Liebeserklärung an die Queen. Ihr trockener Ton, ihr lakonischer Witz – die „eigene Stimme“, die sie laut Bennett so lange in der Literatur gesucht hat, bis sie sich entschloss, von der Leserin zur Schreiberin zu wechseln – tragen den schmalen Band und machen ihn zu einer hintergründig vertrackten Huldigung an „The uncommon Queen“. Dass diese auch in Wirklichkeit einmal den Weg in die prachtvolle Bibliothek des Buckingham Palace finden könnte – überraschen würde es nicht. Dieses Büchlein sollte sie sich auf jeden Fall aus dem Regal suchen lassen. Christina Tilmann

Alan Bennett: Die souveräne Leserin. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag, Berlin 2008. 116 Seiten, 14,90 €.

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