Literatur : Die Legion leuchtet

„Lost City Radio“: Daniel Alarcóns meisterhafter Roman über Peru und sein Bürgerkriegstrauma

Ulrich Rüdenauer

Um Tote kann man trauern. Man kann sie begraben und von ihnen Abschied nehmen. Verschwundene aber sind Gespenster; sie spuken noch unter den Lebenden herum. Man fürchtet sich sogar vor ihnen: Was wird, wenn sie zurückkehren? Wie werden sie die Überlebenden anblicken? Werden sie ihnen Vorwürfe machen? Schlimmer als diese Vorstellungen wäre nur, sie kämen gar nicht mehr zurück.

Der erste Roman des 1977 in Lima geborenen Daniel Alarcón, der in den USA aufgewachsen ist und auf Englisch schreibt, handelt von Verschwundenen. Er spielt in einem fiktiven lateinamerikanischen Land, aber wer mag, kann darin Peru und seine jüngste Geschichte wiederentdecken, das in den letzten Jahrzehnten „Episoden von Guerillakämpfen unterschiedlicher Heftigkeit“ durchlebt hat, von „Pöbelmilizen“ mit „leeren Ideologien“ heimgesucht und von „schlecht bewaffneten Banden“ durchkämmt wurde.

Das Militär hat in Alarcóns diktatorischem Überwachungsstaat während des Bürgerkriegs ebenso gewütet wie die linksgerichteten Kämpfer der Befreiungsbewegung „Illegale Legion“. Man fühlt sich erinnert an die Rebellen des „Leuchtenden Pfads“ in Peru, die mit ungeheurer Grausamkeit vorgingen, die wiederum die Armee mit genauso brutaler Gewalt vergalt. Über 70 000 Menschen wurden damals getötet.

Obwohl die blutigen Auseinandersetzungen in Alarcóns Roman schon zehn Jahre zurückliegen, gibt es keine Spur von jenen, die seinerzeit von der Junta verhaftet und verschleppt wurden. Wer „auf den Mond“ verbracht wurde – so umschreibt man euphemistisch die Gefängnisse –, kehrte gebrochen heim oder gar nicht. Diese Folterkammern gab es offiziell nicht, wie alles Unliebsame hier nie existiert hat. Auch die Aufständischen wurden aus den Geburtenbüchern gestrichen – wer nicht gelebt hat, kann auch nicht gestorben sein. Es herrscht eine Atmosphäre der Furcht, die von Alarcón bis in kleine Bewegungen hinein registriert wird. Die Nervosität hat sich in seine Figuren eingepflanzt; keiner rechnet damit, verschont zu bleiben. Noch immer leben die Traumatisierten in der Hoffnung, die Verschwundenen wiederzusehen. Diese Hoffnung hat eine Stimme: Sie gehört der Radiomoderatorin Norma. Niemand, der sie je gehört hat, kann Norma vergessen, und das unter Schock stehende Land, diese „Nation am Ende der Welt“, lässt sich von ihrer sanfter Stimme trösten. Selbst im tiefen Urwald, da, wo die Dörfer keine Namen, sondern nur noch Nummern haben, bildet man einen Kreis um das Transistorradio. In ihrer Sendung „Lost City Radio“ liest Norma Vermisstenlisten vor. Die Zuhörer rufen an, eingeschüchtert und mutig zugleich, geben Auskunft und berichten von verschollenen Freunden. Manchmal lässt der geschäftstüchtige Intendant Schauspieler die Rollen von Wiedergefundenen übernehmen – die Inszenierung von Hoffnung funktioniert nur, wenn sie wenigstens manchmal erfüllt wird. So profitiert der Sender von diesem gefährlichen Spiel.

Norma selbst weiß zu gut, wie sich ihre Anrufer fühlen: Ihr Mann Rey, ein Biologe, gehört selbst zu den Verschwundenen. Von Anfang an lässt Alarcón den Leser teilhaben an einem Klima der Ungewissheit und des Verdachts: Reys Aktivitäten, die im Rückblick erzählt werden, bleiben mysteriös; man ahnt kaum von seiner Tätigkeit für die „Illegale Legion“, und manchmal wirkt es, als tappe auch er im Dunkeln und sei sich seines revolutionären Auftrags keineswegs sicher.

Als der elfjährige Dorfbewohner Victor beim Radiosender auftaucht, im Gepäck eine Liste, auf der auch Reys Deckname steht, vermischen sich Albtraumschemen zu immer deutlicheren Bildern. Was zunächst als reine Suche nach den Verschwundenen erscheint, wird mehr und mehr zur Suche nach der eigenen Identität. „Die Person, die Norma in Reys Abwesenheit am meisten vermisste, war nicht Rey, sondern sie selbst, als sie noch mit ihm zusammenlebte.“ In Alarcóns meisterlichem Roman werden so immer weitere Schichten des Alltäglichen und Privaten offengelegt.

Daniel Alarcón verknüpft die parallel laufenden Lebensgeschichten von Norma, Rey, Victor und dessen jungem Lehrer Manau mit großer Raffinesse, behände zwischen verschiedenen, dicht in Szene gesetzten Orten, zwischen Stadt, Slums und ärmlichen Provinzdörfern hin- und herspringend. Die verschiedenen Zeitebenen lösen sich in rascher Folge ab, kleine Szenen und Erinnerungsfetzen werden dicht aneinander montiert, es entsteht eine flirrende Unruhe. Die Sprache des jungen Autors, der die Kriegserlebnisse seiner Landsleute einige Jahre lang in seinem Geburtsland Peru recherchiert hat, ist dabei von präziser Knappheit: Als würde jede Ausschmückung, jede sprachliche Extravaganz ablenken von dem gewagten Versuch, die einmal im Roman geäußerte Vermutung doch zu widerlegen: „Der Krieg war – vielleicht von Anfang an – ein nicht zu entschlüsselnder Text gewesen.“ In Alarcóns souveränem Debüt werden der Krieg und die Gräuel zwar nicht entschlüsselt, aber als existenzielle Erfahrung beängstigend fühlbar.

Daniel Alarcón: Lost City Radio. Roman. Aus dem Amerikanischen von Friederike Meltendorf.

Wagenbach Verlag, Berlin 2008. 315 Seiten, 22,90 €.

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