Literatur : Die Rückseite der Dinge

Apollo 11 über Andalusien: Antonio Muñoz Molinas Roman „Mondwind“

von
322970_0_b8bf5d0a.jpg
Olé. Die Mondflieger Edwin Aldrin, Michael Collins und Neil Armstrong (v. l. n. r.) während ihrer Welttournee in Madrid. Foto:...Keystone Pressedienst

Die Idee, den Mond zu erobern, gehört zu den nutzlosesten Vorhaben in der Geschichte der Menschheit. Doch die sechziger Jahre waren diesbezüglich ein Jahrzehnt des ungebremsten, ziellosen Fortschrittsglaubens. Der Mensch im Weltall war bereits an sich ein Wert, ungeachtet der berechtigten Frage, was er denn da oben eigentlich zu suchen hat. Ganz davon abgesehen, dass die Reise in den Himmel (oder die Fortbewegung in aberwitzig konstruierten Fortbewegungsmitteln generell) schon seit dem 19. Jahrhundert ein großes utopisches und poetisches Potenzial besaß – man denke an Jules Vernes „Nautilus“ oder die Geschichte von der Reise „Von der Erde zum Mond“.

All das schwingt auch im neuen Roman von Antonio Muñoz Molina mit: die Sehnsucht nach Weite, nicht nur der des Alls, sondern auch der des Geistes; das geradezu verzweifelte Vertrauen in die Entwicklungen der Zivilisation – und deren Konfrontation mit einer ländlich-religiös geprägten Alltagswirklichkeit. Mágina heißt der Ort in Andalusien, in dem der dreizehnjährige Ich-Erzähler aufwächst; eine kleine Stadt, etwa 100 Kilometer nördlich von Granada gelegen. Der Vater, ein harter, schweigsamer Mann, ernährt die Familie durch den Verkauf der Erträge seiner Felder mehr schlecht als recht; die Großeltern leben unter demselben Dach; ganz oben, in einer Art Einsiedlerklause, hat der Ich-Erzähler sich eingerichtet, mit Büchern und den Gedanken an die ihn erwartenden Verkrüppelungen und Höllenfeuer; Strafen für den soeben in ihm erwachten Drang zur Onanie.

Antonio Muñoz Molina hat dem Hauptstrang seines Romans einen festen zeitlichen Rahmen gegeben: die Zeit vom 14. bis zum 20. Juli 1969; jene Tage vom Start der Raumfahrtmission Apollo 11 bis hin zur Landung auf dem Mond. Gebannt, fasziniert und von seiner Familie bestenfalls nachsichtig belächelt verfolgt der Junge am soeben angeschafften Fernseher (fließendes Wasser dagegen gibt es noch nicht) die Ereignisse am Himmel, während das harte Landleben seinen Gang nimmt und die Großmutter anmerkt, dass es wohl für die Astronauten verdammt schwierig werden könnte, auf so einer schmalen Mondsichel, wie sie sich derzeit zeige, zu landen. Wenn die Fernsehansagerin einen guten Abend wünscht, grüßt man zurück.

Das klingt nach einer allzu simplifizierten Gegenüberstellung, doch Muñoz Molina, 1956 unweit von Mágina geboren, hat einen erstaunlich klischeefreien Roman über das Aufeinanderprallen von Weltbildern geschrieben; ein Buch, das geschickt die Dichotomien von oben und unten, Welt und Gott, Gegenwart und Vergangenheit in Szene setzt. Während Armstrong und Co in Apollo 11 gen Himmel streben, erzählt der Leiter der von Padres geleiteten Schule, auf die der Junge geht, von den göttlichen Strafen, die auf die Vermessenheit der Ungläubigen stehen. Während der frisch angeheiratete (und misstrauisch beäugte) Onkel mit seinen Versuchen, der Familie einen Kühlschrank anzudrehen, scheitert, stirbt im Haus nebenan der reiche Baltasar, der seinen Wohlstand auf politischen Opportunismus gegründet hat und, wie man nach und nach erfährt, dabei auch den während des Krieges auf republikanischer Seite stehenden Großvater um seine Ersparnisse gebracht hat, um kurz darauf für dessen politische Unbedenklichkeit zu bürgen. Während der Dreizehnjährige Darwins Lehren in sich hineinschlingt, fühlt er das Leben, das er führen muss, auf sich lasten wie die Astronauten die Schwerkraft. So wie der einsam kreisende Michael Collins die dunkle Seite des Mondes sieht, betrachtet auch der Ich-Erzähler die Rückseite der Dinge.

Es ist das Einnehmende an „Mondwind“, dass Muñoz Molina den grundpositivistischen Fortschrittsbegriff seines Helden und dessen daran gekoppelte Sehnsüchte gleichberechtigt neben dem Ptolemäischen Weltbild stehen lässt. Das, was man gemeinhin „Pubertät“ nennt, ist nicht nur eine schreckliche Phase mit Pickeln, sondern auch unbedingt eine Aneinanderreihung von Momenten der Wahrheit und der Erkenntnis. So wird „Mondwind“ zu einem originellen und – trotz seines Gegenstandes – gut geerdeten Entwicklungsroman, der zudem die Atmosphäre der Zeit glänzend einfängt.

Eines Abends sitzt man gemeinsam am Tisch. Der altkluge Erzähler erklärt, dass der Mond ein toter Trabant sei, und zwar schon immer. „Aber“, so wirft der Großvater ein, „wenn auf dem Mond nichts ist, warum wollen sie dann unbedingt hin?“ Die einzig berechtigte Frage in diesem Zusammenhang. Nicht immer regiert auf dem Land die Dummheit.

Antonio Muñoz Molina: Mondwind. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.

Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010.

336 Seiten, 19,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben