"Die russische Fracht" : Kurs auf Vineta

Ein Traum von St. Petersburg: Oleg Jurjew besteigt in seinem neuen Roman ein Gespensterschiff.

Wiebke Porombka

Peter der Große, der Erbauer von St. Petersburg, erblickte in seiner Stadt ein Paradies. Kaum merklich über dem sumpfigen Erdboden schwebend, wie die Legende behauptet, schien dieser Garten Eden, von dem aus die sozialistische Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt erobern wollte, sogar eine realgeschichtliche Verankerung zu finden. Der heillose Verlauf der russischen Geschichte hat das nicht bestätigt. Wohl deshalb will Weniamin Jasytschnik, kurz Wenka, der Erzähler aus Oleg Jurjews neuem Roman „Die russische Fracht“, in seiner Dissertation den Beweis führen, dass St. Petersburg mit einer anderen sagenumwobenen Stadt identisch ist: Vineta, das am Hochmut seiner Bewohner unterging.

Der Impuls, der hinter dieser Utopie steckt, ist nicht allein die wiederkehrende Zarenverehrung, sondern auch dieVerleugnung der Gegenwart: Was in der postsowjetischen Gesellschaft an Korruption und Kriminalität zutage tritt, soll bitte nichts zu tun haben mit dem Wunder dieser Stadt.

Viel Zeit, in seinen Theorien zu schwelgen, bleibt Wenka nicht. Nachdem sein Stiefvater, eine Größe im dubiosen Petersburger Geschäftsleben – unter anderem schmuggelte er als Zwergschafe getarnte Bologneserhündchen – mit zerbissener Kehle aufgefunden wurde, ist ihm klar, dass auch er die Stadt verlassen sollte. Der Schienenweg scheint ungünstig: „Nach Moskau führe ich als Leiche mit einem todfest gefassten zinnernen Teeglashalter in der erkalteten Hand.“

Also entscheidet sich Wenka für den Weg über das Wasser und besteigt als illegaler Passagier das ukrainische Frachtschiff Atenov, Typ Ulysses, das auf dem Weg nach Lübeck ist und dessen Besatzung, wie man ihm sogleich mitteilt, „etwas spezifisch“ sei. Spezifisch ist ein schönes, nun ja: beschönigendes Wort für das, was auf diesem Schiff im undurchdringlichen Nebel passiert.

Es beginnt mit einem Delirium. Wenka erwacht nach seiner ersten Nacht an Bord mit einem grandiosen Kater und – ohne Unterhose. Von der Einsicht, dass sich einzig noch ein fliederfarbener Tanga in seinem Gepäck befindet, erlöst ihn ein Unterhosenfetischist, der Wenka ein züchtigeres Modell zum Tausch anbietet. Mit schwerem Kopf und einem dringenden Bedürfnis verlässt Wenka seine Kabine – und findet statt der Toilette seinen tiefgefrorenen Stiefvater.

Ob es sich hierbei nun um eine besonders ausgeklügelte Methode der illegalen Emigration, um die Flucht eines Halbweltlers handelt, der den eigenen Tod lediglich vorgetäuscht hat, oder ob Wenka diese Begegnung nur halluziniert, bleibt so rätselhaft wie alles andere, was sich auf der Fahrt der Atenov ereignet. Zusammenhänge scheinen sich für Momente zu ergeben, Anspielungen auf politische und historische Konstellationen blitzen auf, ohne dass die Referenzen je ganz klar würden, als wäre Wenka aus seinem Delirium nie erwacht und würde durch die verschachtelten, sich ständig verschiebenden Gänge des Schiffes taumeln und dabei immer mehr seltsamen Gestalten, lebenden wie toten, begegnen.

Nicht zufällig heißt Jurjews Roman in der deutschen Übersetzung „Die russische Fracht“: Dieses Schiff scheint den ganzen Ballast der russischen Geschichte und die verdrängten Bruchstücke aus der Biografie des Erzählers in seinem Bauch zu bergen – nicht ohne das alles kräftig durcheinanderzuschütteln. Ein sprachlich virtuoser Slapstick, der zwischen historischer Hellsicht und grobem Unfug pendelt und der auf allen Ebenen Erwartungen unterläuft, zwischen hohem Ton und Beiläufigkeit abwechselt, so dass es einem bald so schwindelt wie dem armen Wenka.

Erneut zeigt sich Jurjew in „Die russische Fracht“ als feinsinniger Psychograph des postsowjetischen Russland, der durch grauselig Groteskes und derb kalauernde Komik die Untiefen und Fallstricke seines Erzählens immer noch extremer und absurder zu machen weiß, ohne dabei seine Sache aus dem Auge zu verlieren.

Entwarf zuletzt etwa Vladimir Sorokin in „Tag des Opritschnik“ ein düsteres Bild von der Allgegenwart des russischen Überwachungsstaates, dann kann auch bei Jurjew der Kapitän fortwährend das Geschehen auf der Atenov überblicken und sich darin einschalten, allerdings über knarzende Lautsprecher und zumeist nur, um nörgelnd nach seinem Kaffee zu verlangen oder russische Lieder zum Besten zu geben. Auch an Versatzstücken aus der Populärkultur fehlt es nicht. An dem Fernglas, das Wenka von seinem Doktorvater bekommen hat, befindet sich ein versteckter Knopf, durch dessen Betätigung sämtliche anvisierten Ziele vernichtet werden könnten. James Bond hätte seine Freude daran.

All das, was Wenka mit seiner Flucht hinter sich lassen will, die Miseren der russischen Gegenwart und der eigenen Vergangenheit, findet sich auf diesem Schiff wieder. Wohin die Fahrt diesseits und jenseits des Petersburger Hafens geht, weiß keiner. Umso glorreicher erstrahlt am Ende zwischen Silvesterraketen und Gläserklingen die Apotheose von Peter dem Großen auf dem Kompassdeck, der den Kurs nach Vineta ausruft.

Oleg Jurjew: Die russische Fracht. Roman. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 223 Seiten, 22,80 €. – Der Autor stellt sein Buch heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus vor.

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