Literatur : Die Stimme meiner Mutter

Familienleben und andere Unglücksfälle: Léda Forgós Debütroman Albträume, Tagträume: Die Toten sind ihr die Liebsten

Volker Sielaff

Eine Mutter will keine Mutter sein. Sie will nicht gebären. Zweimal, am Anfang und am Ende des Buches, klingt dieses Motiv an; und zweimal ist Revolution. Erst der Ungarnaufstand 1956, dreihundert Seiten später die samtene Revolution und ihre Niederschlagung durch russische Panzer im Jahre 1968 in Prag. So weit spannt Léda Forgó, 1973 in Ungarn geboren, den Bogen in „Der Körper meines Bruders“. Es ist ein Roman über Verluste und darüber, wie Kinder damit umgehen. Kein Familienepos, wie der Klappentext behauptet, eher ein Entwicklungsroman.

Léda Forgó, die für ihren Debütroman soeben den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis zugesprochen bekommen hat, ist in Budapest aufgewachsen, übersiedelte als junge Frau nach Stuttgart, lebt heute mit ihren drei Kindern in Berlin, und schreibt auf Deutsch. Ihr Roman ist überinstrumentiert, und es mangelt ihm an Ruhestellen. Forgós große Stärke jedoch sind die Minidramen, mit denen dieses Buch ausgestattet ist und die einem immer wieder frische Luft zufächeln und einen durchatmen lassen.

„Der Körper meines Bruders“ handelt von Borka, einem Mädchen, das ein Tagedieb aus Notwehr wird. Eine, die auch am Tag oft ihren Träumen nachhängt, weil da alles besser ist: „Die inszenierte Welt half mir, mich aus der realen zu entfernen.“ Als Dreijährige verliert Borka zuerst ihren geliebten Zwillingsbruder Palkó, der während des Ungarnaufstandes von einem Querschläger getroffen wird, kurze Zeit später auch ihren Vater, der sich auf dem Dachboden erhängt.

Es hat seinen Reiz, die Geschichte aus der Sicht des Kindes zu erzählen, es ist aber auch problematisch. Denn Forgó jubelt dem Kind manchmal ihre eigenen, recht „erwachsen“ wirkenden Reflexionen unter, so dass die Ich-Erzählerin eigentlich aus zwei bisweilen unentwirrbar ineinander verflochtenen Stimmen besteht. Immerhin scheint das Programm zu sein.

Das Buch ist ein einziges Ansprechen gegen die Stimme ihrer Mutter Mo. Es stellt die Frage, was geschieht, wenn eine Mutter ihr Kind nicht will – und wie ein Kind damit zurechtkommt: „Abgesehen von ein paar flüchtigen Berührungen, war ich es nicht gewohnt, von ihr in den Arm genommen zu werden. Mich überkam ab und zu Ekel, und ein heftiger Schwall von Sehnsucht nach meinem Vater und meinem Bruder.“

Die Ablehnung der Mutter, die sich als Dekorateurin für Jubelfeiern dem kommunistischen Regime zur Verfügung stellt und sich bald in einen Mann verliebt, den Borka zunächst nur als „Genosse“ kennenlernt, eröffnet der Ich-Erzählung einen Erinnerungs- und Sehnsuchtsraum. Neben ihrem Vater und dem toten Zwillingsbruder, die Borkas Tagträume bevölkern, führt Forgó eine ganze Reihe von Personen ein. Da ist vor allem jener „Genosse“, der Borkas Stiefvater werden soll und von dem sie später sogar ein Kind erwarten wird. Das Einzige, was die beiden verbindet, ist ihre gegenseitige Abneigung.

Aber es gibt auch sympathischere Figuren. Bei Tante Gyöngyi, die falsche Personalausweise für Flüchtlinge herstellt und als Kindergärtnerin arbeitet, und bei dem dicken Gombócs, einem Liebhaber ihrer Mutter, empfindet Borka zum ersten Mal so etwas wie Angenommensein. Und auch bei Pastor Zorán, einem Dissidenten, der in seinem Versteck sogenannte „Blitzgottesdienste“ abhält und später vermutlich von der ungarischen Geheimpolizei verschleppt wird, hat Borka es gut: „Dass jemand mich richtig mochte, der nicht meine Mutter oder meine Tante war, war für mich eine neue Erfahrung.“

Vor den Sehnsuchtsraum setzt Léda Forgó immer wieder jene dunklen Tatsachen, mit der Borka fertig werden muss. Borka wird geschlagen (von ihrem Stiefvater) und lernt in der Schule zurückzuschlagen. Im Zentrum dieses Buches steht jedoch die komplizierte Mutter- Tochter-Beziehung, und es bleibt offen, ob diese Mos psychischer Verfassung oder den widrigen äußeren Umständen geschuldet ist. Am Ende jedenfalls kommt es zu einer Annäherung zwischen Borka und Mo, obwohl auch Borka das Kind, das sie von ihrem Stiefvater hat, eigentlich nicht zur Welt bringen will. Und wieder, wie schon bei Borka, ist es eine Zangengeburt mit einer Wunde am Kopf. Hier schließt sich dieser Höllenkreis realsozialistischer Wirklichkeit. Am Ende steht aber doch ein zartes Du: „Ich weinte beleidigt, als ich dich sah, und schlief ein.“

Léda Forgó: Der Körper meines Bruders. Roman. Atrium Verlag, Zürich 2007.

334 Seiten, 19,90 €.

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