Literatur : Die Überlebenden

Terrence Des Pres stellt Menschen vor, die den Terror in NS-Konzentrationslagern und sowjetischen Gefangenenlagern überstanden

Ralf Altenhof

Er stellt nicht den Toten, der vielfach Faszination erweckt und zum Heldenmythos verkommt, in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, sondern den Überlebenden. Um die „Struktur“ des Überlebens sichtbar zu machen, beruft sich Terrence Des Pres auf Berichte von Häftlingen aus NS-Konzentrationslagern und den sowjetischen Gefangenenlagern.

Die lesenswerte Studie, die 1976 in den USA erschien, wurde weltweit beachtet, vor allem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Israel und Japan. Es hat lange gedauert, bis sie in Deutschland ankam. Arno Gruen, der im Nachwort treffend von einem epochalen Werk spricht, hatte Klett-Cotta auf den „Überlebenden“ aufmerksam gemacht, so dass der Verlag eine Übersetzung in Auftrag gab.

Der Überlebende möchte aus einem Selbsterhaltungsbedürfnis heraus Zeugnis ablegen und seine Erinnerungen anderen mitteilen. Des Pres zitiert häufig aus den Berichten der Betroffenen, um deren Selbstverständnis zu veranschaulichen. Mithin ist die Lektüre schwer erträglich, weil die menschenverachtende Wirklichkeit in den Lagern deutlich vor Augen tritt, wie folgende Schilderung einer Holocaust-Überlebenden belegt: „Jeder im Block hatte Typhus ... In Bergen-Belsen hatten wir die heftigste, schmerzhafteste und tödlichste Form. Der Durchfall war nicht zu kontrollieren. Flüssiger Kot überflutete die Böden der Schlafboxen und tropfte durch die Risse auf die Gesichter der Frauen, die in den Kojen darunter lagen. Vermischt mit Blut, Urin und Eiter bildete er einen schleimigen, stinkenden Sumpf auf den Fußböden der Baracke.“

Das System der Konzentrationslager war bestrebt, den Menschen – jenseits der physischen Vernichtung – geistig auszulöschen. Es ging, so der Verfasser, um das „Töten der Seele“. Wer das erkannte, hatte zwei Alternativen: aufgeben oder Widerstand leisten. Letzteres konnte schon bedeuten, sich zu waschen, wenn die Möglichkeit dazu bestand, um rein äußerlich Menschengestalt und -würde zu bewahren. Wer unter solchen Bedingungen keine Körperpflege mehr betrieb, lautete ein eisernes Gesetz, starb bald.

Der Schlaf in den Lagern konnte Ruhe bringen, aber ebenso den Tod. Es verwundert kaum, dass das Aufstehen, wie zahlreiche Quellen belegen, für die Lagerinsassen stets eine Überwindung bedeutete, denn die Realität war schlimmer als der schrecklichste Albtraum. Es war mit einem Schock verbunden, ähnlich dem, schreibt der Autor, den die Neuankömmlinge in einem Lager erlebten. Wie groß die Schockwirkung gewesen sein muss, lässt sich daran ermessen, dass viele bereits in den ersten Wochen als „Muselmänner“ starben. Es galt, weder zu verzweifeln, noch die Würde zu verlieren. Nur wer die Apathie hinter sich ließ, hatte die Chance zu überleben. Und damit war stets eine Anpassung an die Verhältnisse verbunden.

Aber man musste dem System auch entgegentreten, gleichsam Widerstand leisten, etwa indem jemand Essen oder Kleidung „organisierte“, was am ehesten gelang, wenn mehrere zusammenarbeiteten. „Einzelkämpfer“ hatten kaum eine Chance. Das Agieren auf zwei unterschiedlichen Ebenen – hier die lebensnotwendige Anpassung, dort der Versuch, kleine Handlungsspielräume zu erobern – ist ein typisches Merkmal des Lebens im Extremen, betont Des Pres. Da es im Lager um die nackte Existenz ging, hatte dies auch Auswirkungen auf den Zeitbezug. Es zählte nur das Hier und Heute. „Wer ‚im Gestern lebte‘, verlor unwiderruflich seinen Halt in der Gegenwart. Die Aufmerksamkeit und die Disziplin nahmen ab, und am Ende starben sie. Um stark zu bleiben, mussten Überlebende deshalb eine Art strategisches Vergessen kultivieren.“

Die Bedeutung von Des Pres’ Arbeit liegt unter anderem darin, den Fokus auf den „bloß“ Überlebenden gerichtet zu haben. Der Autor zieht die analytische Schlussfolgerung aus der Vielzahl der Überlebensberichte. Wolfgang Sofskys großartiges Werk über „Die Ordnung des Terrors“, das dieser 1993 über das System der Konzentrationslager vorlegte und wofür er den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, wurde von Des Pres zum Teil bereits vorweggenommen. Des Pres’ „Überlebender“ ist in Deutschland noch zu entdecken.

– Terrence Des Pres: Der Überlebende – Anatomie der Todeslager. Aus dem Amerikanischen von Monika Schiffer, Klett-Cotta, Stuttgart 2008,

248 Seiten, 22,50 Euro.

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