Die Wessis : Über Ossis

Klugscheißer, Nichtskönner: Friedrich Thießen zu westdeutschen Führungskräften in Ostdeutschland. Dieses Buch ist ein Gewinn und eine Zumutung zugleich.

Matthias Schlegel

Ersteres, weil es eine Lücke schließt: Auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gibt es kaum sachkundige Beschreibungen über die Leistungen, Ansichten und Erfahrungen derjenigen Westdeutschen, die von Anfang der 90er Jahre an im Osten Deutschlands Aufbauhilfe leisteten. Das ist ein umso kurioseres Defizit, als sich die Stammtische Ost seit zwei Jahrzehnten darin einig sind, was sie von den „Wessis“, so auch der umgeschminkte Titel dieses Bandes, zu halten haben: Klugscheißerische Nichtskönner, die nur die eigene Karriere im Blick und/oder das Plattmachen der Ost-Konkurrenz im Sinn hatten. Im kräftigen Kontrast dazu standen als einzige verbale Zeugnisse westlichen Pioniergeistes die Sonntagsreden der Politiker am „Tag der deutschen Einheit“. Das eine wie das andere für die Nachwelt ein so ungeeigneter wie tendenziöser Befund.

Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der TU Chemnitz, selbst Wessi, hat in dem von ihm herausgegebenen Band den verdienstvollen Versuch gemacht, in Selbstzeugnissen von Westdeutschen deren Erfahrungen widerzuspiegeln. Versammelt sind 33 Beiträge über die Rolle von westdeutschen Führungskräften in staatlichen Verwaltungen, in Architektur und Bauwesen, im Handel, in der Industrie, in den Medien, bei den Kirchen, im Rechtswesen, bei Banken und Versicherungen. Unvermittelt finden sich dazwischen einige Beiträge von Ostdeutschen, die wiederum ihre Eindrücke von westlichen Aufbauhelfern schildern.

Der Wert der Berichte besteht darin, dass sie von Machern im besten Wortsinn geschrieben sind. Die meisten sind keiner Political Correctness verpflichtet, die dem Geschehen ganz unvermeidlich den Stempel eines hehren Einsatzes für das Zusammenwachsen des deutsch-deutschen Vaterlandes aufdrücken würde. Sie schreiben sich Erinnerungen von der Seele, wenngleich man sich gelegentlich noch mehr Emotio statt Ratio gewünscht hätte. Doch wenn etwa Wolfgang Kappen, der am 3. Oktober um Mitternacht im sachsen-anhaltischen Weißenfels ein Bataillon der NVA übernahm, den erbarmungswürdigen Zustand der Kasernen und der Moral der Volksarmisten schildert, hat man das Grau in Grau wieder vor Augen, den Ruß der Kohlenheizungen in der Nase. Und etwas von der inneren Zerrissenheit, die diese Grenze auch in den Seelen angerichtet hat, teilt sich mit, wenn er berichtet, wie er einen seiner besten Kommandeure entlassen musste – er hatte einst einen Flüchtling an der Grenze erschossen.

Da fügen sich Erfolgsstorys an Geschichten vom Scheitern, da wird der Umgang mit dem Vorurteil vom Besserwessi geschildert. Es scheint das Bild vom unselbstständigen Ossi-Werktätigen auf, der nur auf Anweisungen wartet. Autoren beider Seiten kommen gelegentlich zu deckungsgleichen Einsichten – etwa, dass westdeutsche Investoren von der Treuhand oder öffentlichen Auftraggebern eben deshalb bevorzugt wurden, weil sie ein solideres Finanzierungskonzept vorzuweisen hatten. Allen gemeinsam ist der Geist des Aufbruchs – freilich nach den Regeln der Westdeutschen, was manche Ostdeutschen zu der Einschätzung veranlasst, es seien Chancen verpasst, neue Wege außerhalb der Denkschablonen erlernter Marktwirtschaft ignoriert worden.

Die Authentizität der Erinnerungen macht den Wert des Buches aus – und führt doch geradewegs ins Dilemma: Weil die Aussagen möglichst unverfälscht wiedergegeben werden sollten, wird der Leser über lange Strecken mit dem gespreizten Stil von Leuten gequält, die zupackende Aufbauhelfer gewesen sein mögen, aber eben nicht immer wortmächtige Autoren sind. Kundiges Lektorieren hätte dem Buch nichts von seiner Wirkung genommen – im Gegenteil.

– Friedrich Thießen (Hg.):„Die Wessis“ – Westdeutsche

Führungskräfte

beim Aufbau Ost. Böhlau Verlag, Köln 2009.

359 Seiten, 29,90 Euro.

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