Dirk Boll : Schein für Schein

Kann man ihm trauen? Einem Autor wie Dirk Boll, der über die Strukturen des Kunstmarktes schreibt und dabei European Director von Christie’s International ist? Boll wird sich das ebenfalls gefragt haben, bevor er „Kunst ist käuflich“ geschrieben hat.

Christiane Meixner

Und vielleicht verweist er deshalb häufiger auf jenes dritte Kapitel, das sich dem Kartell von Christie’s und Sotheby’s in den neunziger Jahren widmet: Damals sprachen beide ihre Preise für Dienstleistungen ab. Christie’s zeigte sich dann selbst an und genoss nach amerikanischem Recht Immunität. Bei Sotheby’s gab es Haftstrafen, und gemeinsam entschädigte man die empörten Kunden mit über 250 Millionen Dollar.

Dass sein Haus sich damals moralisch verbogen hat, kommentiert Boll selbstredend nicht. Doch der Raum, den der promovierte Jurist den Verfehlungen gibt und die Genauigkeit der Nacherzählung machen klar, dass sein Buch niemals als Erfolgsgeschichte der Auktionshäuser geplant war. Basis war vielmehr Bolls Dissertation von 2004, die er zum besseren Verständnis umformuliert und um anschauliche Beispiele ergänzt hat.

Es beginnt mit der Geschichte des Kunsthandels bis in die Gegenwart des Finanzcrashs. Boll wagt zum Schluss ein paar Prognosen – aus der Sicht des nüchternen Analysten, für den Kunst in solchen Momenten vor allem Ware ist. Ihre Käuflichkeit bewertet Boll nicht, er stellt sie dar. Mit vertrauten Begriffen wie Authentizität, Marktfrische oder Blue Chip, die er immer auch erklärt, so dass nachher keiner mehr mit Halbwissen blenden muss. Erläutert werden dazu Themen wie Folgerecht, Scheinauktion, Mangelverwaltung oder Beschaffungsmarkt. Süchtig wird man von dem Buch allerdings nicht. Es lässt sich kaum in einem weglesen, und vom scharfen, lästerlichen Stil eines Robert Hughes, der Auktionen zum Thriller werden lassen kann, ist Boll weit entfernt. Er formuliert wie ein Jurist und bietet statt spitzer Kunstbetrachtung ein sachliches Standardwerk.

Seine Innenansicht von Christie’s, dem größten globalen Auktionshaus, erweist sich dabei als hilfreich. Natürlich bleibt Boll auch hier diskret und beschreibt allgemein die Mechanismen des Verkaufens und Versteigerns, die er nach zehn Jahren im Geschäft bestens kennt. Für alle, die bloß vom Auktionssaal auf das Geschehen blicken, ist das dennoch ein echter Wissensgewinn. Und wer mehr über Sammelgebiete, Fälschungen oder Kunst als Investment erfahren möchte, der nutzt das detaillierten Inhaltsverzeichnis und liest einzelne Kapitel.

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