Dokumentarroman : Fall Columbine - Prognose: gut

Der Autor hatte schon deshalb Magenschmerzen, weil er ja tut, was die Mörder wollten – er trägt sein Scherflein zu ihrer Berühmtheit bei: Joachim Gaertners Dokumentarroman über das Massaker an der Columbine High School.

Martin Zähringer

Vor fast genau zehn Jahren, am 20. April 1999, erschossen die beiden Oberschüler Eric Harris und Dylan Klebold an ihrer Schule in Columbine im amerikanischen Bundesstaat Colorado 13 Lehrer und Schüler, verwundeteten 21 und erschossen sich anschließend selbst. Zehn Jahre danach hat schon wieder ein Jugendlicher in Deutschland diesen irren Akt der Zerstörung nachgeahmt, und eben dies zu genau dem Zeitpunkt, an dem Joachim Gaertners Dokumentarroman über das Columbine Massaker erscheint. Was für ein makabres Timing für ein Buch, dessen Autor schon deshalb Magenschmerzen bekommen hat, weil er ja tut, was die Mörder wollten – er trägt sein Scherflein zu ihrer Berühmtheit bei. Diese Magenschmerzen werden jetzt wohl noch zunehmen, aber wer annäherungsweise etwas von dem verstehen will, was in solchen Tätern vor sich geht, sollte dieses Buch lesen.

Es ist nicht sensationell, sondern sehr nüchtern. Joachim Gaertner rekonstruiert die Ereignisse in einer Dokumentation, die auf jeden Kommentar (bis auf ein Nachwort) verzichtet. Die Dokumente kommen aus dem gesamten Umfeld, als Dokumentarroman aber kann es bezeichnet werden, weil man das Innenleben der Täter betritt, in ihren Tagebüchern und anderen Texten erlebt, wie sie ihren Akt der Zerstörung vorbereiten und begründen, wie sie ihn mit dem Code NBK („Natural Born Killers“) versehen und darüber lachen, dass die Medien sie zu Berühmtheiten machen werden. Sie steigern sich in einen triumphalen Macht- und Racherausch, dokumentieren ihre Emotionen und Haltungen in klaren und sogar literarisch anmutenden Texten. Sie halten die kühle Fassade der relativen Harmlosigkeit auch noch aufrecht, als sie wegen eines Autoeinbruchs zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt werden. Mit dem Ergebnis, dass sie sich von der guten Seite zeigen, vorzeitig entlassen werden und sich sogar höchst förmlich bei dem Autobesitzer entschuldigen.

Zitat aus dem Abschlussbericht Erziehungsprogramm: „Prognose: gut. Dylan ist ein intelligenter junger Mann mit einem großen Potenzial. Wenn er sein Potenzial abrufen und sich selbst motivieren kann, sollte er es zu etwas bringen im Leben … Er ist intelligent genug, um jeden Traum Realität werden zu lassen, aber er muss lernen, dass harte Arbeit dafür nötig ist.“ So stellt man sich das im Normalfall vor, Dylan aber hat zu der Zeit schon seinen ganz besonderen Traum. Auch sein Partner Eric Harris hat intellektuelles Potenzial, wie in seinem Tagebuch sichtbar wird: „Hast du dich schon mal gefragt, warum wir in die Schule gehen? Außer um eine sogenannte Bildung zu kriegen? Die meisten von euch Dummsäcken werden nicht drauf kommen, aber die, die ein bisschen mehr und tiefer denken, sollten es kapieren. Auf diese Weise will die Gesellschaft alle jungen Leute in gute kleine Roboter und Fabrikarbeiter verwandeln.“

Man bleibt ratlos nach der Lektüre des Buches. Dabei wäre es leicht, Verantwortlichkeiten bei anderen zu suchen. Im Fall Columbine etwa bei der amerikanischen Waffengesetzgebung, das kann man im Fall Erfurt 2002 und jetzt Winnenden 2009 nicht. Es gibt klare Hinweise in Gaertners Buch, dass eine allgemeine Stimmung des Mobbing an amerikanischen Schulen die psychische Isolation und Vereinsamung fördert, und Harris und Klebold standen ganz unten in der Hierarchie. Aber ist das auch an deutschen Schulen so? Man kann die Killerspiele und Gewaltfilme als Auslöser zur tödlichen Grenzüberschreitung verurteilen, auf die wahnhafte Freiheitsidee und das faschistoide Wunschdenken der Mörder von Columbine hinweisen, auf die verborgenen Mechanismen einer gewaltbefördernden Ideologie.

Aber wenn sich auch in den Dokumenten dieses Falles die rettungslose Verirrung in eine absolut irrationale Aktion zeigt, bleibt doch die bittere Wahrheit, dass solche Täter sich ganz rational die Freiheit nehmen, im Rausch des Tötens und der Vernichtung ihr perverses Gefühl von Selbstverwirklichung zu erleben. Das ist krank, wohl wahr, und Joachim Gaertner belässt es bei der Diagnose, die sich durch die Dokumente selbst stellt. Es ist nur ein schwacher Trost, dass die Angehörigen der Opfer der Publikation zugestimmt haben, denn „diese Dokumente könnten der Öffentlichkeit und betroffenen Eltern verständlich machen, was im Kopf der beiden Jungs vorging …“ Eine traurige, aber ehrliche Position im Angesicht dieses Phänomens.

– Joachim Gaertner: Ich bin voller Hass – und das liebe ich!! Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 192 Seiten,

16,95 Euro.

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