Doppelbiographie : Blondgefärbt im Ring

Der Boxer und der Fußballstar: Roger Repplingers Doppelbiografie über den Sinti Johann Trollmann und seinen KZ-Aufseher Tull Harder.

Boris Peter
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Johann Trollmann 1931. -Foto: Ullstein

Als Johann Trollmann am 9. Juni 1933 in der Kreuzberger Bockbierbrauerei gegen Adolf Witt um den deutschen Titel im Halbschwergewicht antrat, hatte er nur in der ersten Runde Probleme. Danach boxte er den Kontrahenten klar aus. Doch das Kampfgericht weigerte sich den Sinto zum Sieger zu erklären. Unter den Zuschauern kam es zu einem Tumult – sie hatten Trollmann eindeutig vorne gesehen.

Aber das Boxen war den Nationalsozialisten viel zu wichtig, als dass ein Athlet „nichtarischer“ Abstammung noch eine faire Chance erhalten hätte. Dazu kam der elegante Stil des Sinto, welcher als „undeutsches Instinktboxen“ geschmäht wurde. Würde Trollmann weiter tänzeln, verlöre er die Lizenz, drohten ihm Funktionäre vor dem folgenden Kampf gegen den späteren Europameister Gustav Eder an. Was folgte war ein groteskes Schauspiel: Trollmann betrat den Ring mit blond gefärbten Haaren und seine Haut war mit Puder bestäubt. Anstatt seinem Stil entsprechend den Gegner auszukontern, ließ er sich sogleich auf eine Keilerei ein, die er freilich nur verlieren konnte. Nach zwei schweren Kopftreffern ging er in der fünften Runde zu Boden. Er sollte nie mehr auf die Beine kommen. Der Sohn eines Schirmmachers aus einem Armenviertel von Hannover bestritt noch einige bedeutungslose Kämpfe, bevor er sich dann als Kirmesboxer verdingte.

Über den Umgang mit den Sinti und Roma waren sich die Nazis lange unschlüssig. Zeitweilig zwangen sie die „Zigeuner“ zur Sterilisation. Ungeachtet dessen wurden zu Kriegsbeginn auch Sinti in die Wehrmacht eingezogen. Als Trollmann 1941 an der Ostfront verwundet wurde, hatten Einsatzgruppen von SD und Sicherheitspolizei bereits mit dem Massenmord an Sinti und Roma begonnen. 1942 aus der Wehrmacht entlassen, wird Trollmann noch im selben Jahr in das KZ Neuengamme verschleppt. Dort machten sich SS-Männer einen Spaß daraus, mit dem entkräfteten Boxer zu sparren. Im Herbst 1944 wurde Trollmann schließlich im Außenlager Wittenberge von einem Kapo mit einem Knüppel erschlagen.

Über die Umstände von Trollmanns Tod herrschte bislang Unklarheit. Dank der Recherchen Roger Repplingers werden diese nun genauer beleuchtet. Vor allem aber kommt dem Journalisten das Verdienst zu, mit seiner Biografie den großen Sportler, der im Dezember 2007 hundert Jahre alt geworden wäre, dem Vergessen zu entreißen.

Zugleich stellt der Autor dem „Zigeunerboxer“ den „arischen“ Fußballstar Tull Harder gegenüber und legt damit eine Doppelbiografie vor. Was aber verbindet die zwei Sportler? Irgendwann im Winter 1942 dürften sich die beiden in Neuengamme begegnet sein, Trollmann als Häftling, Harder als Aufseher. Dieser hatte es als Stürmer des Hamburger Sportvereins einst bis zum Nationalspieler gebracht. Nach dem Ende seiner Karriere vorübergehend als Versicherungsvertreter tätig, wurde das Mitglied der SS bei Kriegsbeginn der Wachmannschaft in Neuengamme zugeteilt. Im Grunde mutet die Geschichte Harders nicht sonderlich spektakulär an. Höchst aufschlussreich sind jedoch die Passagen über seinen Prozess im Frühjahr 1947.

Angeklagt wurde Harder vor allem wegen seiner späteren Funktion als Leiter des Außenlagers Ahlem bei Hannover seit 1944, wo polnische Juden durch Sklavenarbeit zu Tode geschunden worden waren. Bei seiner Verteidigung bediente sich der Angeklagte einer gängigen Argumentation: Allen Ernstes behauptete der KZ-Kommandant, dass er von den grauenhaften Vorgängen in seinem Lager keine Kenntnis gehabt hätte. Zu Übergriffen durch einzelne SS-Männer und Kapos sei es allenfalls hinter seinem Rücken gekommen, er selbst hätte sich stets anständig verhalten. Harder konnte dem Galgen entgehen und wurde stattdessen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Bereits Weihnachten 1951 war er wieder ein freier Mann. Auch für ein Auskommen war gesorgt, stand ihm doch als ehemaligem SS-Untersturmführer eine Pension zu. Auf ähnliche Fürsorge durch den Staat hofften die überlebenden Sinti und Roma vergebens: Nach Auffassung der Gerichte wurden die „Zigeuner“ nicht wegen ihrer Rasse verfolgt, sondern saßen als Kriminelle im KZ. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis sich diese Praxis änderte.

Repplingers lesenswertes Buch endet mit dem Hinweis, dass Mitglieder der Familie Trollmann im Dezember 2003 doch noch den Meisterschaftsgürtel entgegennehmen konnten. Dass die Veranstaltung in einem eher würdelosen Rahmen in einem kleinen Boxgym in Köpenick stattfand und Mitglieder des Vorstands des Bundes Deutscher Berufsboxer nicht anwesend waren, wird allerdings nicht mehr erwähnt.





– Roger Repplinger:
Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder. Piper Verlag, München/Zürich 2008. 368 Seiten, 22,90 Euro.

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