Literatur : Duft von Orangenblüten

Tahar Ben Jelloun erzählt vom langsamen Sterben seiner Mutter

Marie Luise Knott

Seit ihrer Erkrankung ist meine Mutter zu einem kleinen Wesen mit schwankenden Erinnerungen geworden“: Mit diesem Satz beginnt „Yemma“, der Roman des marokkanischen Schriftstellers Tahar Ben Jelloun über Krankheit und Tod seiner Mutter. Die Titelheldin, mit bürgerlichem Namen Lalla Fatma, ist an Alzheimer erkrankt. Während vieler Stunden des Tages lebt sie in einer Welt à part, in der die Vergangenheit die Gegenwart auszulöschen droht. Dann liegt sie im Bett, imaginiert sich als junge Frau, redet mit toten Familienmitgliedern oder bereitet das Essen für ihren ersten Ehemann, der starb, als sie nicht einmal 20 war.

Manchmal redet sie auch von ihrer eigenen Beerdigung. Wenn der Sohn sie mit einem „Aber der ist doch schon lange tot“ in die Gegenwart zurückholen will, antwortet die Mutter stereotyp: „Niemand erzählt mir was!“ Stattdessen erzählt sie sich in langen Monologen ihr Leben: „Als ich jung war, kam ihr Mann, mein kleiner Bruder, der mit vierzig gestorben ist, mich oft besuchen. Er fuhr mich mit dem Auto umher und zeigte mir die Stadt. Als er starb, glaubte ich, auch sterben zu müssen. Wir alle hatten glühende Kohlen auf dem Herzen. Neulich hat er mich besucht... Er erzählte mir, dass sein ältester Bruder schon wieder Geld von ihm geliehen hat.“

Unterbrochen werden diese Passagen von Erinnerungen des Ich-Erzählers, etwa daran, wie er mit viel zu kurzen Beinen hinter dem Steuer des erwähnten Wagens saß. Die Geschichte der Mutter handelt von Glück und Unglück, von ihrer Kindheit in Fes, vom Bangen vor der ersten Ehe mit einem ihr fremden Mann, von den Zukunftsängsten nach dessen Tod und ihrer Wiederverheiratung mit einem alten Mann. Das Blatt ihres Lebens wendet sich viele Male.

Die Gegenwart ist bestimmt von körperlichen Gebrechen, von Misstrauen, gegenseitigen Beschuldigungen und von dem verzweifelten Bemühen, die allseitige Überforderung einzudämmen. Die Tochter erträgt den Zustand der Mutter nicht und reist ab. Keltoum, die Pflegerin, ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs, die Mutter beherrscht mit ihren Gebrechen, ihrer Inkontinenz und ihren fixen Ideen das Haus. Keltoum, die rund um die Uhr die Kranke betreut, gerät in den Verdacht, sich durch die Vergesslichkeit der Kranken heimlich zu bereichern.

„Meine Mutter hielt ihr Haus wie einen Palast. Jetzt ist alles heruntergekommen“, konstatiert der Ich-Erzähler. Die Leere ist unerträglich. In der Küche stapelt sich das schmutzige Geschirr und häuft sich die schmutzige Wäsche. Nicht nur die Umstände, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen werden immer prekärer. Doch so reduziert das Leben der Mutter ist, die Erzählung verteidigt den Zauber des gelebten Lebens in seiner Einmaligkeit. Ben Jellouns ruhiger, sanfter Ton mit seiner gekonnt verlangsamten Erzählweise, die man von anderen Werken bereits kennt, wirkt hier besonders überzeugend. „Die fünfziger Jahre in Fès haben den Geschmack kleiner tiefschwarzer Kirschen, den Duft von Orangenblüten und die Farben einer verflossenen Zeit“, beginnt eine Passage, in der das Sticken für die Aussteuer, das Erlernen der geometrischen Muster und die Erwartung des Mannes sich verbinden mit dem Wunsch der todkranken Mutter, noch einmal in der Altstadt ihrer Kindheit herumzuschlendern. Sie, die für alle und alles zeitlebens Sorge trug, flüchtet in die „feuchten Spalten der Vergangenheit aus einer Situation, vor der ihr das ganze Leben gegraust hat“ – davor nämlich, auf andere angewiesen zu sein. Dort, wo die Menschen sich viel zu nahe kommen, weil in der allgemeinen Anspannung längst die Hüllen der Normalität gefallen sind, gibt der – im Deutschen schön eingefangene – rhythmische Erzählgestus des Romans der Wirklichkeit von Mutter und Sohn Raum und Atem. Meisterhaft gelingt es Ben Jelloun so, die im Alltag bedrohte Integrität der Person wiederzuerschaffen.

Wie Albert Camus in „Der erste Mensch“ hat auch Tahar Ben Jelloun im Abschied von der Mutter die Gerüche, Geräusche und Gefühle eines vergangenen Frauenlebens evoziert. Für den Ich-Erzähler im Roman sind die Verhältnisse klar: In Marokko, wo die Alten zu Hause sterben, ist es allemal besser als in Europa, wo die Alten in Heime abgeschoben werden. Derartige Betrachtungen bleiben die Ausnahme. Pflegedramen taugen nun einmal nicht für Kulturkämpfe. Nirgends.

Tahar Ben Jelloun: Yemma, meine

Mutter, mein Kind.

Roman. Aus dem

Französischen von Christiane Kayser.

Berlin Verlag, Berlin 2007. 250 Seiten, 18 €.

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