Literatur : Dung und Reinigung

Wojciech Kuczoks Familienroman „Dreckskerl“

Katrin Hillgruber

Gewalt und beklemmende Enge herrschen im oberschlesischen Romankosmos von Wojciech Kuczok. Auf mehreren Etagen eines einst herrschaftlichen Hauses dreht sich alles um den alten K., einen Patriarchen, wie man ihn sich unangenehmer nicht vorstellen könnte. „Dreckskerl“ pflegt er seinen einzigen Sohn zu nennen. Dieser hat sich über die Jahre das Schimpfwort als eine Art Kampfnamen zu eigen gemacht. Schon die Geburt des Kindes stellte für den verhinderten Künstler K. eine Kränkung seines Egos dar.

„Gnój“ heißt der Roman im Original, auf Deutsch Dung oder Mist. Mit seinem unorthodoxen Debüt gewann Wojciech Kuczok, 1972 in Chorzów geboren, den wichtigsten polnischen Literaturpreis NIKE. Seine Generation sei in einem „Ozean der kommunistischen Trostlosigkeit“ aufgewachsen, schrieb der Autor in einem Essay. Dadurch sei die Rebellion gegen die Eltern zu kurz gekommen. Dasselbe gilt für Kuczoks tragischen Helden, eben jenen „Dreckskerl“. Er genießt es, krank zu sein, weil er wenigstens dann von den Schlägen des Vaters verschont bleibt. Dem übermächtigen Katholizismus und dem Mythos Familie begegnet er mit beißendem Spott. So hört die Schwester des alten K. den ganzen Tag das „Einzige Radio Der Wahren Polen“, den kirchlichen Sender Radio Maryja. Die Streitgespräche transponieren die Übersetzerinnen in einen Kunstdialekt, der gewöhnungsbedürftig ist.

Das Leiden des „Dreckskerls“ wird als eine einzige schwarzgrundige Burleske geschildert. Kunstvoll spiegelt sich die Geschichte Polens im Mikrokosmos einer Familie. Der Roman ist in drei Partien gegliedert: „Damals“ zur Zeit der deutschen Besatzung, „Dann“ ab 1945 und schließlich „Danach“. Dieses Danach mündet in eine Rachefantasie: In einer Vision des gedemütigten Helden versinkt das Elternhaus in einer Sintflut aus Jauche. Katrin Hillgruber

Wojciech Kuczok: Dreckskerl. Eine Antibiographie. Aus dem Polnischen von Gabriele Leupold und Dorota Stroinska. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 174 Seiten, 19,80 €.

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