Literatur : Dunkler Fleck

Multikulturelle Mythen entzaubern: Richard Wagners „Das reiche Mädchen“

Volker Sielaff

Alles beginnt mit einem Interview zwischen ihr, der gelernten Ethnologin, und ihm, dem Flüchtling. Sie ist Deutsche, er ein Rom, ein Zigeuner. An einem Tisch sitzen sie einander gegenüber, sie befragt ihn nach seinen Fluchtgründen, er antwortet ihr, weitschweifig. „Sie sprechen wie Menschen, die am Faden ihrer Geschichte hängen“, konstatiert Richard Wagner, der deutsche Schriftsteller aus Rumänien. Er weiß, wovon er spricht, er kennt das Procedere solcher für die Betreffenden peinlichen Befragungen, denn Wagner kam 1987 selbst als Aussiedler in die Bundesrepublik. Nun hat er für seinen neuen Roman ein Paar erfunden, das nur auf den ersten Blick exotisch anmutet.

Wagner geht es von Anfang an darum, die multikulturellen Mythen, mit denen wir uns eingerichtet haben, zu entzaubern. Das hat er jüngst wieder in seinen brillant geschriebenen Sachbüchern über die Geschichte und Kultur des Balkans („Der leere Himmel“, 2003) und in der Sammlung „Der Deutsche Horizont – Vom Schicksal eines guten Landes“ (2006) getan; und das tut er, bisweilen, auch hier, auf die Gefahr hin, eigene Ansichten allzu deutlich seinen Protagonisten „anzudichten“. Für diese Art von Räsonnement scheint die Rahmenhandlung seines neuen Romans „Das reiche Mädchen“ überhaupt erst erfunden worden zu sein: Drehbuchautor trifft Regisseurin, um zusammen mit ihr ein Filmprojekt voranzutreiben. Leider kommt Wagners Drehbuchautoren-Ich gelegentlich ein wenig altklug daher und bleibt weitestgehend der Stichwortgeber für das Eigentliche, die Liebesgeschichte von Bille Sundermann und Dejan Ferari. Roman- und Drehbuchhandlung überschneiden sich hier, diese spiegelt jene, als literarischer Trick funktioniert das aber gut. Auffällig ist, wie detailliert Wagner über die Begrenztheiten beider Lebenswelten, Billes und Dejans, Bescheid weiß. Man merkt, das ist sein Thema. Seitenhiebe gegen die 68er inbegriffen: „Alles in allem wartete er auf bessere Zeiten für die Utopie, und die Zeit bis dahin vertrieb er sich mit einem ex officio unauffälligen Projekt, mit seiner Verbeamtung“, lesen wir über einen Schulkameraden Billes, der später Karriere macht.

Bille ist das reiche Mädchen des Titels, ihre Sippe hat am Krieg verdient, der Großvater, ein Baumaschinenfabrikant, der Zwangsarbeiter für seine Firma arbeiten ließ, gab das Geschäft an ihren Vater weiter. Der ist zwar ein tüchtiger, aber im eigenen Pragmatismus erstarrter Mann, der auf Billes Beziehung zu Dejan nur mit Verachtung reagiert. Man spricht in dieser Familie ohnehin nicht gern über die dunklen Jahre, der Rom könnte alte Geschichten wieder aufwühlen, denn Großvaters Zwangsarbeiter waren ja auch Roma.

Billes Lebensweg scheint nun die Quittung für solches Verhalten zu sein: sie plagt sich mit Schuldgefühlen. Doch sie verdrängt nicht, sie romantisiert: „Wer dem Frust des unverdient eigenen Geldes ausweichen will, dem Erbensyndrom, landet meistens bei der Gerechtigkeitsfrage“, kommentiert unser Drehbuchautor prompt. Und behält sogar Recht damit, denn Bille macht ihren Roma-Geliebten umgehend zum Objekt: Sie „präsentiert“ ihn auf Tagungen, er wird zum Vorzeige-Rom.

„Das reiche Mädchen“ ist ein Buch der sorgfältig und lakonisch verschränkten Gegensätze: Arm und Reich, Schuld und Sühne, Fanatismus und Gleichgültigkeit. Man könnte auch herzklopfende Suspense-Literatur aus diesem Stoff machen. Allein – darum geht es dem Autor nicht. Schon auf der ersten Seite erfährt der Leser vom Scheitern der Liebesbeziehung, die womöglich auf einem doppelten Irrtum beruhte. Hier das diffuse Ideal einer „Völkerverständigung“, dort der überdrehte Stolz von Dejans „Balkan-Männerwelt“. „Beziehung als Beweisführung“, so bringt eine Nebenfigur das Dilemma auf den Punkt.

Richard Wagner beschreibt sein Multikulti-Paar, das natürlich keines ist, mit wenigen, gekonnten Strichen. Der Leser erlebt bei aller Kargheit der Figurenzeichnung, wie Bille und Dejan immer mehr auseinanderdriften. Sie erhöht ihr Engagement für die Entrechteten, das am Ende doch nicht mehr als ein böses Spiel ist, er hängt unter dem Vorwand, einen Autohandel aufzuziehen, zunehmend mit seinen Kameraden herum. Ein gemeinsames Kind vermag nicht, ihre Beziehung zu kitten.

An dieser Stelle schwächelt leider auch der Roman, als wäre dem Autor nicht eingefallen, wie er die Zeit herumbringen soll, bis Dejan Bille im Affekt ermordet. Wagner führt eine innere Stimme Dejans in den Roman ein, den „König“. Der „König“ spricht zu Dejan, er ist der dunkle Fleck auf der geplagten und stolzen Flüchtlingsseele, er stachelt Dejan zu seiner Tat an.

Der König, das ist Dejans abwesender Vater. Sei mein Vater, sagt Dejan zum König, doch der König schweigt. Man geht wohl nicht zu weit, die Figur des Königs als eine Art Menetekel der vaterlosen Gesellschaften des Balkan zu verstehen, wo die Männer, statt ihren Platz als Väter einzunehmen, in den Krieg ziehen mussten. Am Ende sehen wir Dejan, aus dem Gefängnis entlassen, alleine durch Berlin streifen. Die meisten seiner Kameraden sind längst in ihre Heimatländer abgeschoben worden. Und er, Dejan, wird zu seiner Mutter zurückgehen: „Sie wird sich um alles kümmern, sie wird's richten. Irgendwie wird sie’s richten.“

Richard Wagner: Das reiche Mädchen. Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2007. 256 S., 19,95 €.

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