Literatur : Durch Lektüre zum Meisterredner?

Kathrin Hanke

Nur den Wenigsten ist es in die Wiege gelegt: Perfekt in der Öffentlichkeit zu glänzen. Viele wären schon froh, die richtigen Worte bei einer Rede zu finden - so, dass am Ende zumindest respektvoll höflicher Beifall kommt. Rote Köpfe, Schweißausbrüche, Lampenfieber und folgenschwere Blamagen sind eher die Regel. Doch Reden müssen sein: Der Teamleiter muss vor der Gruppe sprechen, der Vertriebschef vor den Verkäufern oder auch den Kunden, der Vorstand vor den Aktionären oder das Betriebsratsmitglied vor der Belegschaft.

Reden kann man lernen. Nicht umsonst zählt die Rhetorik schon seit der Antike zu den hohen Künsten.Die Weggefährten Ciceros verließen sich nicht allein auf ihre natürliche Begabung. Sie hingen aufmerksam an den Lippen des Meisters - oder lasen "Rhetorica ad Herennium". Um 85 vor Christus entstanden, galt es lange Jahre als das Rhetorik-Lehrbuch. Heute muss es sich den Platz im Bücherregal mit einer wahren Flut von Neuerscheinungen teilen. Zum Beispiel mit dem von Rhetorikprofi Matthias Pöhm. Provozierend fordert er von seinen Lesern: "Vergessen Sie alles über Rhetorik". Und nennt so auch gleich sein neuestes Buch. Den Lesern verspricht es handfeste Anleitungen, um durch oder gerade trotz freier Rede "Faszination" auszulösen. Ein hoher Anspruch, doch bei so manchem lesewilligen Autodidakten auf der Suche nach der einzig wahren Redelehre könnte Pöhm mit seinem Tabula-rasa-Appell durchaus ins Schwarze treffen. Pöhm kennt die Sehnsüchte und die Nöte seiner Zielgruppe aus eigener Erfahrung. In seiner unberedten Vergangenheit als Software-Ingenieur bei einem Genfer Unternehmen hat der Buch-Autor etliche Bücher gewälzt, um den sagenhaften Stein des Weisen zu finden. Es gelang ihm - nach eigener Aussage - nicht.

Pöhm zieht die Werbung zu Rate. Ihre Tipps und Tricks sieht er als exzellentes Vorbild fürs Redenhalten: Spannend, unterhaltsam, emotional - wenige, plakative Botschaften und eine kurze Abfolge von Bildern seien auch das A und O einer guten Rede. Laut Pöhm soll sich der Redner als Entertainer verstehen. Wer in das "Unterbewusstsein seiner Zuhörer eindringen kann", sagt Pöhm, hat sie auf seiner Seite. Eine einnehmende These. Genauso einnehmend wie das Bekenntnis: "Ich schaue mir eine Rhetorikregel an, probiere sie aus und entscheide aus dem Bauch heraus, wie sie auf mich wirkt. Dann nehme ich genau das Gegenteil dieser Regel, probiere es aus, und höre wieder auf meinen Bauch. Wenn mein Bauch die neue Version von der Wirkung her als besser einstuft, dann wird sie zur Regel." Hört sich gut an - und selbstbewusst.

Nicht nur für den redelustigen Pöhm ist Selbstbewusstsein ein zentrales Thema. Sein Autoren-Kollege Heinz Ryborz propagiert in seinem Checklisten-gespickten Buch "Geschickt kontern: Nie mehr sprachlos!": Ohne gesundes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl schafft es keiner. Original-Worte Ryborz: "Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, geht wenig selbstbewusst an die Dinge heran. Und wagt nichts Neues, da er Angst vor Misserfolgen hat. Zwangsläufig leidet auch sein Selbstwertgefühl, und das Selbstbewusstsein nimmt ab." Ein Teufelskreis - und die Botschaft, daraus zu entkommen und bald ein verbaler Jongleur zu sein, ist deutlich: Üben, üben und nochmals üben.

Wie die meisten ihrer Zunft schreiben Pöhm und Ryborz nicht nur kluge Bücher. Sie bieten Lern- und Redewilligen außerdem Seminare an. Mit erfolgreicher Wirkung. Für alle Beteiligten. Denn Seminare haben gegenüber einer Publikation den Vorteil des echten Dialogs. Der Lehrer kann seinen Schülern individuell Rede und Antwort stehen. Auch wäre ein Seminar kein Seminar und vor allem keines für Rhetorik, wenn nicht ebenso die Teilnehmer mal ein gutes Wort einlegen müssten. Um zu zeigen, was sie schon können und was eben nicht.

Die Lektionen wollen gelernt sein. Bei Pöhm ist darum jeder mal dran. Ganz nach dem Zufallsprinzip. Da kann es schon passieren, dass der eine oder andere sich wieder an seine Schulzeit erinnert und sich eine zauberhafte Tarnkappe herbeisehnt. Doch Pöhm kennt keine Gnade. Gemäß dem bereits erwähnten Credo: Übung macht den Meister.

Selbstverständlich sind Fehler erlaubt, ja sogar erwünscht und mitnichten eine Schande. Sogleich im Kurs besprochen, analysiert und korrigiert prägen sie sich erfahrungsgemäß schnell ins Gedächtnis ein. Sie werden auf diese Weise hoffentlich nur ein Mal - während des Trainings - gemacht und nicht mehr dann, wenn es darauf ankommt.

Beim Lesen eines Buches im stillen Bürokämmerlein oder zuhause unter der Decke ist das nicht möglich. Allerdings wählt man mit der einsameren Alternative auch sein eigenes Lerntempo und kann dem Kurzzeitgedächtnis ein Schnippchen schlagen. Und: Gebundenes Papier ist bekanntlich genügsam und jederzeit zu rekapitulieren. Ein Griff in den Bücherschrank genügt. Auch der Griff ins Portemonnaie ist lange nicht so tief. Fazit: Alles hat seine guten Seiten - ob gedruckt oder gesprochen.

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