Durs Grünbein : Korrespondent des Unendlichen

Durs Grünbein hält eine Berliner Lektion. Er erzählt wie er unter die Dichter fiel, um "eines der letzten singulären Abenteuer" unserer Zeit zu bestehen.

Gregor Dotzauer

Wie jemand zu dem wird, was er ist, lässt sich von außen wie von innen gleich schwer beschreiben. Von sich selbst kann einer letztlich nur sagen, als was er sich versteht, und aus dieser Perspektive ein Bild der Vergangenheit entwerfen. Er kehrt die Geschichte seiner Entwicklung quasi um, und indem er das tut, nimmt er wiederum seine Gegenwart ins Visier. Wenn Durs Grünbein erzählt, wie er unter die Dichter fiel, um „eines der letzten singulären Abenteuer“ unserer Zeit zu bestehen, gehört die metaphernglitzernde Eleganz seiner Berliner Lektion über die Erziehung seines Herzens zum „Korrespondenten des Unendlichen“ so untrennbar zum Vermögen seiner poetischen Einbildungskraft wie der Akt der Erinnerung selbst. Und wenn Dichtung, wie er am Sonntagmorgen im Renaissancetheater mit seltener Heiterkeit erklärte, „das Geschäft des tausendmal Gesagten“ ist, „in der Hoffnung, beim 1001. Mal eine geglückte Formulierung zu finden“, dann versteht sich von selbst, dass es keine abschließende, in Prosamarmor gemeißelte Auskunft geben kann, sondern höchstens ein immer wieder neu ansetzendes, mal fabulierendes, mal begrifflich zupackendes Sichvergegenwärtigen von Kindheitsszenen.

Er malte also aus, wie er in den Sommerferien beim Großvater im thüringischen Gotha in die Geheimnisse der Kreuzworträtselherstellung eingeweiht wurde und in den Knobeleien „das einzelne Wort als nervlichen Knotenpunkt im großen Kreuzworträtsel des Unbewussten“ kennenlernte. Es war für ihn, so glaubt er heute, „der Beginn einer namenlosen Erregung“, die ihn geradewegs zur Dichtung führte. Und er bündelte die Erfahrung in der Formel, er habe durch die „Drehtür des Nominalismus“ das Reich der Imagination betreten: ein Reich, das er still jubelnd in einem Satz von Baudelaire entdeckte, demzufolge die Fantasie die Königin aller Vermögen ist.

Zu solchen Zielen führen gewöhnlich nur Umwege. Als solchen musste man auch den Titel der Berliner Lektion verstehen, die schnell zu einer Dresdner Lektion mutierte: „Meine Jahre im Zoo“. Noch mit zehn wollte der 1962 geborene Grünbein Zoodirektor seiner Heimatstadt werden, wenig später Tierforscher in der Serengeti. Schon als Fünfjähriger hatte er mit einem cremefarbenen Hund auf Rädern im Schlepptau den Dresdner Zoo mit dem Schneeleoparden aus China und den vietnamesischen Hängebauchschweinen als träumerisches Tor zur Welt entdeckt – nicht ahnend, dass er selbst in einem Zoo namens DDR eingeschlossen war. Solche Verspiegelungen besorgt erst das Geschäft der dichtenden Erinnerung. Gregor Dotzauer

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