E-Book : Ein Phantom nimmt Gestalt an

Das E-Book steht, ein Jahr nach seiner Einführung in Deutschland, vor dem Durchbruch. Wie wird es das Lesen, das Schreiben und die Verlage verändern? Spekulationen über die Zukunft eines grenzenlosen Mediums.

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Der Abschied vom Gutenberg-Zeitalter, verspricht die Werbung, wird wundervoll sein. Wir bekommen das Wertvollste von gestern, das Beste von heute – und die Zukunft sowieso. Wir werden, wie der jüngste Kinospot von Nintendo behauptet, gemütlich auf dem Sofa sitzen, unser DSi XL aufklappen und Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ lesen. Schönheitsfehler eins: Wer beschäftigt sich schon freiwillig mit einem Drama? Schönheitsfehler zwei: Wer außer dem Besitzer einer solchen Konsole und anderer geschlossener Systeme würde das Stück zusammen mit 99 weiteren Klassikern, die der Deutsche Taschenbuch Verlag elektronisch aufbereitet hat, überhaupt noch kaufen? Wedekinds gesammelte Werke sind für jeden Besitzer eines Computers, eines Kindle oder eines iPhone über das Internet-Archiv (www.archive.org) und andere Portale längst in allen gängigen Formaten kostenlos erhältlich. Schönheitsfehler drei: Wer würde auf einem zunächst fürs Spielen ausgelegten Gerät die Gelegenheit zu konzentriertem Lesen suchen?

Die Botschaft des Spots mag absurd sein. In der Suggestion, dass Erwachsene neben Gehirnjogging und Daddelei sich (und ihren Kindern) auch tiefere Inhalte vermitteln können, ist sie raffiniert. Vor allem charakterisiert sie unseren allgemeinen Umgang mit der digitalen Revolution. In dem Maß, in dem wir uns damit beruhigen, dass alles, was unseren Erfahrungsraum ausmacht, im Wesentlichen so weitergeht wie bisher, hysterisieren wir uns, mal freudig, mal ängstlich damit, dass eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Die Idee von Kontinuität konkurriert mit der des Bruchs. So kommen Bilder wie die der Bikinischönheit zustande, die mit ihrem E-Reader genussvoll am Strand liegt, während jeder vernünftige Mensch dabei den Sand leise am Display knirschen hört.

Ein Jahr nach seiner Einführung auf dem deutschen Markt ist das E-Book in Deutschland noch ein Phantom. Doch seine Unsichtbarkeit täuscht. Die Branche kennt kaum ein anderes Thema. In den Verlagen tagen die Arbeitsgruppen, der stationäre Buchhandel zittert, und die Hardwareindustrie sinnt auf Konkurrenz zu Apples iPad, das als Multimediastation den Sturm entfachen könnte, auf den Sony mit seinem allein für die Textdarstellung konzipierten Reader vergeblich hoffte. Die Ahnung, dass die kognitive Wende hinter uns liegt und nur noch keinen angemessenen technologischen Ausdruck gefunden hat, treibt alle um.

Während weder das Google Book Settlement vom Tisch ist noch das iPad auf dem Markt, macht jeder seine eigene Wette auf das Kommende. Der Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter bietet ab sofort seine gesamte Backlist seit dem Jahr 1749 an: als E-Book zum Download oder –mit einer Lieferfrist von zehn Wochen – als Hardcover Reprint. 60 000 für die Langzeitarchivierung aufbereitete Titel sind in dieser sogenannten E-dition erhältlich.

Der bisher als reiner Publikumsverlag bekannte Berlin Verlag kündigt für den Sommer die Online-Plattform Berlin Academic an, auf der geistes- und sozialwissenschaftliche Publikationen nach dem Open-Access-Modell gratis veröffentlicht werden sollen: Die Kosten trägt nicht der Leser, sondern der Wissenschaftler oder dessen Institution. Der Verlag tritt als reiner Dienstleister auf – bei den momentan üblichen Gebühren von mehreren tausend Euro unter Umständen eine lukrative Sache. Das Berliner IT-Startup Smart Media Technologies wiederum stellt einen codierten USB-Stick vor, dessen Buch- oder Zeitschrifteninhalte an jedem beliebigen Endgerät lesbar sein sollen: ein Mittelding zwischen digitalem Datensatz und materiellem Träger, mit dem man der Piraterie ein Schnippchen schlagen will.

Statt über die kulturellen Werte zu reden, die bei solchen Geschäftsmodellen zur Disposition stehen, landet man in der Regel schnell bei technischen Details. Das Verzwickte aber ist, dass sich das eine vom anderen nicht trennen lässt, schon gar nicht bei der entscheidenden Frage: Wer zahlt wofür an welcher Stelle? Hilft nur die direkte Kapitalisierung? Welche Umwegfinanzierungen sind möglich? Ist eine neue Kultur denkbar, die geistiges Eigentum zum Nutzen aller zur Verfügung stellt?

Hinter jeder Antwort verbergen sich politische Entscheidungen, die auch das derzeitige Urheberrecht auf die Probe stellen. Obgleich das deutsche Grundgesetz keine dem Artikel Eins der amerikanischen Verfassung entsprechende Formulierung enthält, geht es dabei auch um das überpersönliche Interesse, „den Fortschritt der Wissenschaft und der Künste voranzubringen“.

Wenn es zutrifft, dass die Zukunft des E-Books in Multimedia-Geräten liegt, muss man den Blick indes zugleich auf Spiele, Musik und Filme richten – als Konkurrenz und mögliche Erweiterung der reinen Textgestalt. Je realer das Thema des elektronischen Buchs, desto mehr verliert es an Kontur. Im Grunde enthält jede Nachricht zum Strukturwandel im Internet eine Aussage über die Entwicklung des E-Books. So wird es auch nicht folgenlos bleiben, dass die Masse der Informationen den Nutzer bald weniger über Suchmaschinen wie Google als über soziale Netzwerke wie Facebook erreicht – eine beispiellose Tribalisierung unserer Aufmerksamkeit, vielleicht auch eine Trivialisierung.

In welche Formen sich das E-Book in den nächsten Jahren aber auflöst oder verfestigt – das Buch hat es nie gegeben. Die Dissertation und der Roman, das Lehrbuch und das Lexikon, das Lyrikbändchen und der Reiseführer: Sie alle erfüllen ihre Aufgabe, und in den Bereichen, die in erster Linie Information vermitteln wollen, könnte sich das multimedial erweiterte E-Book als didaktische Offenbarung erweisen. Auch die Entgrenzung des Erzählens wird Meisterwerke hervorbringen. Zugleich lebt die Literatur von jenem unvergleichlichen Reichtum, der ganz allein aus der Sprache kommt, jener Konzentration des Ausdrucks, die sich mit der Idee eines vollkommenen Gedichts verbindet, die aber auch für jede gelungene wissenschaftliche oder philosophische Prosa gilt. Es gibt, für das Denk- wie für das Imaginationsvermögen, wenig Effektiveres als das prägnante Wort.

Die Gefahr, die mediale Überschreitung zum Programm zu erheben, lässt sich nicht leugnen. Führt dann die Abwesenheit spezifischer Trägermedien, ja ihre gezielte Zusammenführung in einem einzigen Gerät, nicht zwangsläufig dazu, das je Eigene in seinen Möglichkeiten zu reduzieren? Die amerikanische Verlegerlegende Jason Epstein weist in seinem gerade in der „New York Review of Books“ erschienenen Essay „Publishing: The Revolutionary Future“ zurecht darauf hin, dass Literatur als Form im Lauf ihrer Geschichte bemerkenswert konservativ geblieben sei: „Der Akt des Lesens verabscheut jede Ablenkung wie die webbasierten Erweiterungen – musikalische Unterlegung, Animation, kritischen Kommentar und andere Metadaten –, die manche Propheten des digitalen Zeitalters als profitable Nebenprodukte für Content Provider ansehen.“

Man kann sich, wie Epstein, damit trösten, dass hartnäckige Leser seit jeher einer wählerischen Minderheit angehören – und dass die Figur des Schriftstellers, der zurückgezogen seine Arbeit verrichtet, nicht plötzlich durch die Kommunikationssperrfeuer der sozialen Netzwerke infrage gestellt wird.

Das Vereinzelungsmedium Buch und das Mitmachmedium Netz treten jedenfalls in eine Spannung, die unsere Vorstellungen von heimlicher Lesergemeinschaft und Isolation vor dem Bildschirm neu definiert. Daran wird auch das vielfach als Ende des Partizipations-Web 2.0 hingestellte iPad mit seiner geschlossenen, über kostenpflichtige Apps gesteuerten Architektur nichts ändern. Denn so wenig E-Books das gedruckte Buch abschaffen werden, so wenig wird innerhalb der elektronischen Welt die industriell kontrollierte Anwendung den freien, auch illegalen Download ersetzen.

Was immer geschieht: Es gibt keine einheitlichen Interessen der Buchbranche, nicht unter Verlagen, oft wahrscheinlich nicht einmal in ein und demselben Haus. Während manche der Ausdehnung ins Multimediale entgegenfiebern, um neue Märkte zu erschließen, sorgen sich andere um den Stellenwert des reinen Texts. Apple spricht mit Verlagen über einen eigenen Bookstore nach dem Vorbild von iTunes, und Amazon beeilt sich, gegen die Zahlung ungewöhnlich hoher Tantiemen, mit Autoren Exklusivverträge über die elektronische Verwertung ihrer Bücher abzuschließen: Ian McEwan hat schon eingeschlagen.

Bibliotheken mit ihrem öffentlichen Auftrag haben noch einmal andere Interessen. Was es bedeutet, eine auch Filme einbeziehende Deutsche Digitale Bibliothek innerhalb eines europäischen Verbundes einzurichten, ist zurzeit jedoch weder der Politik klar noch den mit dem Renommierprojekt Befassten. Polemisch gesagt: Rapidshare und andere Filehoster, auf denen Dateien unter Umgehung des Copyrights hochgeladen werden können, übernehmen faktisch die Rolle der Bibliotheken. Sie sind dem Markt entzogene Nebenumschlagplätze, Orte eines Schwunds, den keine einstweilige Verfügung und keine Vertreibung von Servern aufhalten wird – außer man errichtet eine weltweite Internet-Diktatur.

Das alles findet in anarchischer Gleichzeitigkeit statt, die die Allgegenwart der entlegensten Texte ebenso umfasst wie den Datenklau und die akribische Aufzeichnung unserer kulturellen Konsumgewohnheiten. Die Unschuld, mit der man sich schlicht einen Leser nennen durfte, ist dahin. Sie widerspricht auch allen soziologischen Zuschreibungen. Man hat höchstens noch die Wahl, ob man, in den Begriffen der ACTA-Studie, ein „moderner Medienscanner“ oder ein „anspruchsvoller Informationseeker“ sein will, den Web-Milieus von United Internet Media zufolge, ein „smart independent“, ein „fast materialist“ oder eher ein „senior traditionalist“. Womöglich zählt man nach der Medien-Nutzer-Typologie MNT auch zu den „jungen Wilden“.

Das Bedrohliche solcher Worthülsen ist weniger die Transparenz privater Gewohnheiten. Es ist die Tatsache, dass sie Wirklichkeiten nicht nur abbilden, sondern hervorbringen. Das Netz treibt die Parzellierung der Gesellschaft in werblich erfassbare Zielgruppen gnadenlos voran. Die Idee einer verbindenden Kultur, die nicht nur Unterhaltungsbedürfnisse befriedigt, sondern auch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat, liegt jenseits dieser Entwicklung. Auch die Wertschätzung vergangener kultureller Leistungen dürfte schwinden.

Der Yale-Informatiker David Gelernter scrhieb in der „FAS“ vom 28. Februar: „Je mehr wir über das Jetzt lernen, desto weniger wissen wir über das Damals. Das Internet steigert das Informationsangebot ins Unermessliche, lässt aber das Aufnahmevermögen des menschlichen Geistes unverändert. Der Effekt der Jetzigkeit gleicht dem der Lichtverschmutzung in Großstädten, die es unmöglich macht, die Sterne zu sehen. Eine Flut von Informationen über die Gegenwart schließt die Vergangenheit aus.“ Man kann das, mit Georg Simmel, die ewige „Tragödie der Kultur“ nennen, wenn ihre Konsequenzen, „der Starkult, der Einfluss von Meinungsumfragen, die schwindende Bedeutung geschichtlichen Wissens, die Uniformität der Meinungen unter Akademikern und anderen gebildeten Eliten“, so Gelernter, unsere Gegenwart nicht direkt bestimmen würden.

Wie also den Blick durch die Jetzigkeit hindurch auf die Sterne richten? Der amerikanische Soziologe Steve Fuller behauptet, dass die meisten Probleme nicht gelöst würden, indem man noch mehr Kommissionen beschäftigt und Geld in die Forschung steckt, sondern darauf vertraut, Antworten in vorhandenen Studien zu finden, die nur darauf warten, jenseits eines falsch verstandenen Expertentums in ihren Ansätzen zusammengeführt zu werden. Fullers Haltung ist klar: Wir verstehen nichts mehr, weil wir im Grunde längst zu viel wissen.

Das E-Book hat das Zeug, diese unheimliche Dialektik von Orientierung und Desorientierung durch die umfassende Verfügbarkeit unserer Hervorbringungen auf eine neue Spitze zu treiben. Noch ist nicht ausgemacht, welche Tendenz dabei die Oberhand gewinnt.

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