Edzard Reuter : Schöngeist anderer Art

Der langjährige Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter schreibt über "Begegnungen und Begebnisse" - und über sich.

Gerd Appenzeller

Kann man ein sehr persönliches Buch schreiben, ohne sich selbst in den Mittelpunkt der Schilderungen zu stellen? Edzard Reuter, der langjährige Daimler-Benz-Chef, hat in seinem 79. Lebensjahr ein Buch über „Begegnungen und Begebnisse“ vorgelegt, in dem er mit großem Einfühlungsvermögen über das Zusammentreffen mit Politikern, Künstlern und Weggefährten berichtet. Prominente sind dabei, wie der Prager Reformpolitiker Alexander Dubcek, der frühere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky oder die von der RAF ermordeten Hanns-Martin Schleyer und Alfred Herrhausen – alles zeitgeschichtliche Persönlichkeiten, denen Reuter, der Homo politicus, in jenen Jahren begegnet ist, in denen er an der Spitze des wichtigsten deutschen Unternehmens stand. Aber wir begegnen auch dem Segler Jochen Schümann – Reuter selbst hat, in seinem Urlaubsdomizil am Bodensee, sein Boot bei keinem Wetter im Hafen gelassen. Oder dem Maler Günter Scharein und dem Graphiker Kurt Weidemann – auf der Kunstbegeisterung Reuters konnte mancher aufstrebende junge Künstler seine Existenz mit aufbauen.

Sich selbst nimmt Edzard Reuter dabei völlig zurück. Er lässt seinen Gestalten allen Raum, ihr Leben zu entwickeln und uns durch seine Worte nahe zu kommen. Gehässige Zeitgenossen aus der Riege sich bedeutend fühlender Manager haben Reuter in der Vergangenheit gerne abfällig als Schöngeist bezeichnet. Das hat ihre eigene intellektuelle Leistung nicht erhöht. Die bei aller Ausdruckskraft und Formulierfreude stets klare, sprachliche Präzision Reuters straft die Beckmesser Lügen. Ja, er ist ein Schöngeist, aber eben anders, als jene meinten.

Reuters Interesse gilt besonders Menschen, deren Leben über lange Strecken einer Gratwanderung glich – zwischen Erfolg und Scheitern, Glück und Depression, Vitalität und Selbstzweifeln. Der Autor ist ehrlich genug, durch den Blick auf andere auch einen Blick auf sich selbst zu erlauben – man denkt eben gerne über Dinge nach, die einem nicht völlig fremd, ja, die einem eigen sind. Sein eigener Lebensweg – vom türkischen Exil an der Seite der vor den Nazis flüchtenden, sozialdemokratisch engagierten Eltern bis zum Ehrenbürger Berlins 1998 – durchmisst ja auch alle Höhen und Tiefen.

Das Buch beginnt und endet mit einem Frauenschicksal. Anne Schuster, am Beginn des Buches, ist eine Kunstfigur, freilich biographisch zusammengesetzt aus Lebensschicksalen vieler Frauen, die Ende des 19. Jahrhunderts an der amerikanischen Westküste ihren vom Goldrausch besessenen Männern und Söhnen nachfolgten und deren Wolkenkuckucksheimen begehbare Böden einzogen. Das Buch endet mit einem Lebensbild von Hanna Reuter, seiner Mutter. Eine Frau, die ihr Leben an der Seite des langjährigen Berliner Stadtrats Ernst Reuter (und Gründers der Berliner Verkehrsbetriebe, BVG) und späteren Regierenden Bürgermeisters völlig dem in der Öffentlichkeit als Lichtgestalt wahrgenommenen Mann unterordnete.

Edzard Reuter, der einzige Sohn der beiden, hat mit seinem Buch auf ganz eigene Art den Eltern – und ein wenig auch sich selbst – ein Denkmal gesetzt. Wer, mit 79 Jahren, ein solches Thema wählt, sagt damit auch in gewisser Weise danke.







– Edzard Reuter:
Der schmale Grat des Lebens. Begegnungen und Begebnisse. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2007. 350 Seiten, 19,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar