Literatur : Ein Volk von Volksfeinden

Orlando Figes gibt den Opfern des Stalinismus Namen und Stimme – vor allem den Frauen und Kindern

Bernhard Schulz

Jewgenia Ginsburg, Ehefrau eines hohen Parteifunktionärs und überzeugte Bolschewistin, lebte nach der Verhaftung ihres Mannes 1938 in beständiger Furcht vor Repressalien. Ihre Schwiegermutter riet zum Untertauchen. „Aber ich will doch vor der Partei mein Recht vertreten“, wies Jewgenia das Ansinnen zurück: „Wie kann ich, eine Kommunistin, mich vor der Partei verstecken?“

Es ist eines der Rätsel des Stalin’schen Terrors, dass es unter den Millionen überzeugter Kommunisten der in immer neuen „Säuberungen“ dezimierten Partei keinen Widerstand gab. Im berüchtigten „Haus am Ufer“, dem abgeschotteten Wohnkomplex für die Elite der Sowjetmacht an der Moskwa, herrschte in den Jahren des sogenannten Großen Terrors 1936–38 die nackte Angst. „Die Bewohner schienen sich versteckt zu haben, als rechneten sie mit einer Katastrophe“, erinnert sich 2005 der Sohn des Alt-Bolschewiken Ossip Pjasnizki, 1938 als „faschistischer Spion“ hingerichtet: „Plötzlich fuhren dann mehrere Autos in den Hof, Männer in Uniform und Zivil sprangen heraus und schritten auf Hauseingänge zu – jeder kannte den Weg zu ,seiner’ Adresse.“

Orlando Figes, der 49-jährige englische Historiker, hat diese und Hunderte anderer Stimmen gesammelt und zu dem 1000-Seiten-Buch „Die Flüsterer“ geordnet und verdichtet, das die bislang im Schatten gebliebene Seite des Sowjetsystems aufhellen will: die der privaten Schicksale, der namenlosen, alltäglichen Opfer des Regimes. Figes, der vor zehn Jahren mit seinem Panorama der bolschewistischen Herrschaft, „Die Tragödie eines Volkes“, Furore machte und vor fünf Jahren mit „Nataschas Tanz“ eine brillant geschriebene Kulturgeschichte Russlands vorlegte, hat sich in seinem neuen Buch die gigantische Aufgabe gestellt, aus zahllosen schriftlichen wie mündlichen Quellen ein Bild des Terrors und des Leidens zusammenzusetzen, geordnet in neun chronologische Kapitel von der Oktoberrevolution bis zu Putin.

1937/38 wurden, ausweislich der Akten des NKWD – des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten einschließlich der Geheimpolizei –, 681 692 Verdächtigte wegen „Staatsverbrechen“ erschossen. Ihnen müssen Hunderttausende weiterer Opfer der Deportationen und Inhaftierungen hinzugerechnet werden. Doch Figes schreibt nicht die politische Geschichte des Terrors. Ihm geht es um die Schicksale, die sich hinter den astronomischen Zahlen verbergen.

Es sind bewegende Schilderungen. Figes gibt den bislang übersehenen Opfern eine Stimme: den Frauen und Kindern, den weitverzweigten Familien, die das Unglück der zunächst verhafteten „Staatsfeinde“ in Sippenhaft zu teilen hatten, in Verbannung und Lager, bis zur eigenen Verurteilung und Hinrichtung. Wie es in Lagern zuging, in denen Mütter und Kinder, Neugeborene zumal, zusammengepfercht waren, hat die Ukrainerin Hawa Wolowitsch, 1937 im Alter von 21 Jahren in den Gulag gesteckt, in dem erschütterten Bericht über das kurze Leben ihrer aus Sehnsucht nach Liebe geborenen Tochter Eleonara überliefert. Die Kleine starb, abgemagert und mit blauen Flecken von Schlägen der „Pflegerinnen“ übersät, im Alter von 16 Monaten. Ihre Mutter fand sie in der Leichenhalle, „nackt zwischen toten Erwachsenen“.

Das drückende Schicksal von Millionen war die gesellschaftliche Ausstoßung, die vollständige Entrechtung als Angehörige von „Volksfeinden“ oder „Kulaken“, ein Begriff, der alsbald jeden umfasste, der sich der Kollektivierung auch nur im Ansatz widersetzte. Hunderttausende verwaister Kinder streunten durch die Straßen, während die Zahl der in Kinderheimen – die eher Straflagern glichen – registrierten Minderjährigen allein in Zentralrussland auf über 600 000 anschwoll. Daneben gab es eine unbekannte Zahl von halblegal beschäftigten Kindern, die eines für ihr Leben gelernt hatten: ihre Abkunft von „Volksfeinden“ und NKWD-Häftlingen zu verleugnen.

Figes hat viele Zeugnisse solcher verfemter Kinder gesammelt, die sich, als „Trotzkisten“ beschimpft, tagtäglich ihrer Haut erwehren mussten. Eindrucksvoll beginnt Figes sein Buch mit der Geschichte der 1923 geborenen Antonina Golowina, die mit acht Jahren die Verbannung der Familie als „Kulaken“ teilen musste und nach der Rückkehr – die nicht mehr bedeutete als die Grauzone zwischen Lager und Überwachung – in der Schule beständiger Demütigung ausgesetzt war. Sie sei eine „elende Kulakin“, wurde sie immer wieder von Lehrern vor versammelter Klasse beschimpft: „Man hätte euch alle verrotten lassen sollen!“

Das Foto der 18-jährigen Antonina von 1943 zeigt ein herbes, ernstes, doch entschlossenes Gesicht: entschlossen, gesellschaftliche Anerkennung trotz ihrer „beschädigten Biografie“ – so der gängige Terminus – zu erlangen. Aus Antonina wurde eine mustergültige Komsomolzin; später errang sie sogar einen Studienplatz durch das riskante Verschweigen ihrer Biografie. Ein Leben lang schwieg sie – um erst im hohen Alter nach dem Ende der Sowjetunion zu erfahren, dass auch ihre beiden Ehemänner, mit denen sie nie über die Familien gesprochen hatte, Kinder von „Volksfeinden“ waren, in Lagern und „Sondersiedlungen“ aufgewachsen. Es ist einer der für den Zusammenhalt der stalinistischen Gesellschaft wichtigsten Befunde Figes’, dass die Ausgestoßenen nicht etwa zu Rebellen wurden, sondern im Gegenteil zu Anhängern des Systems, in dem einen würdigen Platz zu finden ihr lebenslanges Bemühen blieb.

Der Alltag war mühsam genug. In den Städten mussten sich ganze Familien jeweils ein einziges Zimmer in einer zwangsbelegten „Komunalka“, einer Gemeinschaftswohnung, teilen, dem idealen Betätigungsfeld für die allgegenwärtigen Spitzel und Zuträger des NKWD, aber auch für nachbarschaftliche Auseinandersetzungen, die jederzeit zu Denunziationen führen konnten. Figes zeichnet die Zimmerbelegung einiger Familien sogar im Schaubild auf. „Die moralische Sphäre der Familie ist das Hauptthema dieses Buches, in dem untersucht wird, wie Familien auf die Zwänge des Sowjetsystems reagierten“, so der Autor. Die von ihm erschlossenen Quellen allerdings stammen von jenen, die sich mitteilen wollten, statt – wie Millionen – dumpf durchs Leben getrieben zu werden.

Eine Zentralfigur des Buches ist der regimetreue Schriftsteller Konstantin Simonow (1915–1979), ein „proletarischer Schriftsteller“ nach eigener Stilisierung. Tatsächlich entstammte er einem verfemten Adelsgeschlecht – und dichtete umso willfähriger, was Parteifunktionäre ihm abverlangten. Mit Stalin- und Leninpreisen dekoriert, verkörperte er die neue Elite des Regimes. An ihm, der „all die moralischen Konflikte und Zwiespältigkeiten seiner Generation“ verkörperte, hätte Figes die Bedingungen allerdings genauer herausarbeiten können, die das Terrorsystem Stalins sowohl ermöglichten als auch stabilisierten. Es ist zu wenig, die seelische Verkrüppelung des ganzen Volkes zu konstatieren und im Übrigen auf die bevorzugte Versorgung des Millionenheeres der Bürokratie zu verweisen. Frühere Untersuchungen, etwa in dem vorzüglichen Sammelband „Stalinistische Subjekte“ (Chronos Verlag, Zürich 2006, 556 S., 44,80 €), bieten eine differenziertere Sicht auf die Normen und Handlungen der loyalen Sowjetbürger.

„Das Leben ist schöner geworden, Genossen, das Leben ist fröhlicher geworden“, rief Stalin 1935 aus – ein Wort, das mit der (vorübergehenden) Aufhebung der Lebensmittelrationierung schlagartig populär wurde. Kein anderes Wort klingt höhnischer in den Ohren, hat man das Buch von Orlando Figes gelesen. Sein Opus steht von nun an den Zeugnissammlungen Solschenizyns zur Seite, als Innenansicht des allumfassenden Gulag, in den Stalin die Sowjetunion verwandelt hatte.

Orlando Figes:

Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter.

Berlin Verlag, Berlin 2008. 1036 Seiten, 34 Euro.

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