Literatur : Eine amerikanische Familie

Thriller-Autor Peter Abrahams hat mit „Was geschah in Echo Falls?“ einen Jugendkrimi geschrieben – er macht Lust auf mehr

Ulrich Karger

Nach dem Zahnspangentermin beim Kieferorthopäden sollte Ingrid eigentlich von Mom oder Dad abgeholt und zum Fußballtraining gefahren werden. Als die Zeit knapp wird und noch immer kein Auto der Eltern vor der Praxistür steht, macht sich die Dreizehnjährige unerlaubt zu Fuß auf den Weg. Sie läuft in die falsche Richtung und landet weit entfernt von ihrem Ziel in einem schäbigen Viertel von Echo Falls. Dort trifft sie auf eine Frau, die von den Kindern Müll-Katie genannt wird. Katie lädt Ingrid zu sich in ihre schmuddelige Wohnung ein, um von dort aus ein Taxi zu rufen. Wenig später stellt sich dreierlei heraus: Der Trainingstermin auf dem Fußballplatz ist längst abgesagt worden, Ingrid hat ihre Fußballschuhe bei Katie vergessen, und sie ist die Vorletzte, die Katie lebend gesehen hat. Der Letzte war Katies Mörder …

Peter Abrahams, Autor zahlreicher Thriller für Erwachsene, legt mit „Was geschah in Echo Falls“ sein erstes Jugendbuch vor. Dem Autor gelingt es darin von Anfang an sehr überzeugend, aus der Perspektive Ingrids das Leben einer angehenden Jugendlichen in einer amerikanischen Kleinstadt einzufangen und daraus Honig für eine spannende Kriminalgeschichte zu saugen.

Dad als Finanzberater der reichsten Familie des Bundesstaates und Mom als Immobilienmaklerin repräsentieren mit ihren zwei Kindern, einem Haus und zwei Autos das Bilderbuchidyll einer gut situierten amerikanischen Durchschnittsfamilie, deren Status provisions- beziehungsweise erfolgsabhängig ist.

Das spiegelt sich auch in dem widerspruchsbeladenen Ehrgeiz Ingrids, die ihre schulischen wie ihre kulturellen Ambitionen als ständigen Wettbewerb begreift. Deswegen darf sie aber ihren lakonisch ironiegeladenen Protest gegen die verinnerlichten Erwartungshaltungen auch nur in der Innenschau formulieren. Das gibt nicht nur den üblichen Eifersüchteleien auf den älteren Bruder eine etwas andere Konnotation als hierzulande, sondern zeigt sich ebenso in Ingrids Herangehensweise an das Fußballtraining, ihr Engagement für das Erlangen der Hauptrolle in dem Theaterstück „Alice im Wunderland“ oder wie sie sich nach ihrem missglückten Fußmarsch immer mehr Ortskenntnisse über Echo Falls aneignet.

Demgegenüber steht eine sehr große Fürsorglichkeit der Erwachsenen, die das Treiben von Kindern zu jedermanns Sache zu machen scheint – auch zu der des nahezu allgegenwärtigen Polizisten Strade. Doch gerade diesem durchaus freundlichen Beamten kann sich Ingrid nicht anvertrauen, hat sie sich doch heimlich ihre bei Katie vergessenen Fußballschuhe nachts wiedergeholt und damit den gekennzeichneten Tatort verändert. Nun sieht sie sich gezwungen, immer weitere Heimlichkeiten aufzutürmen, bis sie selbst den Fall nach Art des von ihr hoch geschätzten Sherlock Holmes zu lösen vermag. Abrahams spürt bis zuletzt sehr stimmig der Denk- und Handlungsweise seiner grenzüberschreitenden Heldin nach. Ihr allein ausgetragener Konflikt wird für sie immer mehr zu einer lebensbedrohlichen Zerreißprobe, die den Leser erst auf der letzten Seite aufatmen lässt. Darüber hinaus tragen der selbstironische Grundton, aber auch die anderen, den Blickwinkel Ingrids ausfüllenden Protagonisten viel zum Unterhaltungswert dieser Geschichte bei – darunter der mürrisch schießwütige Opa und ein zugelaufener, äußerst eigenwilliger Hund.

Am Ende ist gewiss nicht nur die Wahrnehmung der Heldin geschärft, die genaues Beobachten und das Überwinden von Vorurteilen als überlebensnotwendig erkennt.



Peter Abrahams:

Was geschah in Echo Falls? Roman. Aus dem Amerikanischen von Anne Wilsberg. Bloomsbury Verlag, Berlin 2007. 351

Seiten. 16,90 Euro.

Ab zwölf Jahren.

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