Eine Erzählung von Peter Wawerzinek : "Drei Jungen im Eis" - Was die Kälte erzählt

Mensch und Naturgewalt – und die Erinnerung an drei junge Wintertote. Impressionen von der Ostseeinsel Rügen.

Peter Wawerzinek
321436_3_xio-fcmsimage-20100204201305-006001-4b6b1c41c18fe.heprodimagesfotos861201002052oxk4953.jpg
Katastrophe? Was heißt hier Katastrophe? Eisgebirge am Strand von Rügen. -Foto: Sauer/dpa

Das Buch hat einen Pappeinband, der sich leicht nach außen biegt. Die Illustration auf dem Einband lebt von nur wenigen Farben. Eine sparsame Tuschzeichnung, bläulich, gräulich, schwarz und weiß. Im Vordergrund ein Mann mit dem Rücken zum Betrachter, auf seinem Kopf eine dunkle Fellmütze mit Schlappen. Der Mann hält in seinen Fäusten das Fernglas, welches der Betrachter nicht sieht. Aber er ahnt. Denn unterhalb des Beobachters, in Hüfthöhe, sind drei schwarze Figuren, flüchtig gezeichnet. Menschliche Schatten auf einer Eisscholle, neben weiteren Eisschollen treibend. Eines der drei Schattenkinder winkt dem Betrachter zu.

„Drei Jungen im Eis“. Das Buch stammt aus dem Jahr 1960 und ist da bereits in der zehnten Auflage herausgebracht worden; Sachsendruck Plauen. Für Leser von zehn Jahren an. Der DDR-Preis damals 3,80 Mark. Die Kapitelüberschriften, aus der Inhaltsangabe herausgegriffen, erzählen folgende Geschichte, wie Verse eines modernen Gedichts, abgehackt, Schlaglichter: Abseits der Straße / Der Weg nach dem Norden / Hoffnung auf Hilfe / Schwere Entscheidung / Gegen den weißen Tod / Die See ist stärker / Durchbruch / Leuchtzeichen in der Nacht / Einer bleibt stumm / Trüber Morgen / Die erste Spur / Frage ohne Antwort.

Darunter steht folgender Hinweis: „Im Frühjahr 1956 kamen in Lohme auf Rügen drei Kinder im Eise um. Die Erzählung stützt sich auf das Ereignis, doch sind Handlung und Personen mit den tatsächlichen Begebenheiten nicht identisch.“ Das Buch ist rasch gelesen. Mehr als eine Stunde braucht es nicht. Dann ist man durch und weiß am Ende nicht, was die Kinder seinerzeit aufs Eis gelockt haben mag. Sind sie eingebrochen und vom Festland abgeschnitten worden, als sie wilde Enten zu erschlagen suchten, um diese dann für ein paar Pfennige zu verkaufen? Oder handelte es sich wieder einmal um eine dieser kindlichen Mutproben mit unglücklichem Ausgang? Den Schwanenstein einzeln oder um die Wette erklimmen, als Erster oben ankommen oder zusammen Helden des Augenblicks sein?

Den Beweggrund je herauszubekommen, wird mit den Jahrzehnten immer schwerer. Nach so viel Zeit und dem Umstand, dass wichtige Zeitzeugen bereits verstorben sind, ein aussichtsloses Unterfangen. Fest steht, die Jungen sind auf den Stein im Wasser gekrochen, sie haben sich dort sicher untergebracht geglaubt. Ein an Land Gebliebener ist losgelaufen, um rasch Hilfe für sie zu holen. Mehr und mehr Menschen haben sich am Ufer versammelt. Alles in der Kraft dieser Menschen Stehende ist gedacht, gemacht und versucht worden. Immer wieder mal riss der Blickkontakt zu den Jungen ab. Am Anfang war man sich sicher, es zu schaffen. Man hat sich spontan zusammengefunden, um die jungen Menschenleben zu retten, versucht, was unter den widrigen Umständen angegangen werden konnte.

Bei Windstärke zehn. Bei Sturm und Nebel. Mit näher rückender Dämmerung. Unter eisigen, der Rettung zunehmend feindlichen Witterungsbedingungen.

Und all die Anstrengungen mündeten schließlich in Vergeblichkeit. Noch heute fragt sich mancher, was man hätte anders und besser tun sollen. Allein, es konnte nichts unternommen und gegen die Naturgewalt ausgerichtet werden. Die Kinder verloren sich in die finstere Nacht. Sie hauchten ihr Leben im Eiswind aus. Am Tag darauf klebten sie, zu Eis geworden, am großen Stein. Der sie mit der Spitzhacke vom Stein zu befreien hatte, hat inzwischen selbst das Zeitliche gesegnet, ist ja alles lange her. Aber die Geschichte bleibt bis heute in Erinnerung, immer mal wieder wird darüber gesprochen, wenn Februar ist oder Sturmwind heult, frostige Tage kommen oder seltsames Jammern und Jaulen aus dem Dunkel zu vernehmen ist.

Der Wind weht wieder stärker. Aber so richtig Sturm, seit Tagen in den Medien angekündigt, ist das nicht. Die Sicht ist klar. Der Streifen Küste, von meinem Fenster aus endlich in seiner ganzen Pracht zu sehen, steckt bis zum Kap Arkona in einem weißen Schneehemd. Das Meer hat sich mit Schaumfetzen geschmückt. Ein großes Schiff zieht seine Route. Der Hausmeister kommt mit dem Schneeschieber angeschoben. Alles halb so wild. Was die Leute bloß immer haben. Wenn das hier schon das Chaos war, Kinder, da möchte man die Katastrophe sofort nachgeliefert bekommen. Achtundvierzig Stunden, nicht mehr. Und alles war wieder beim Alten. Vierundzwanzig Stunden davon ging nichts. Nur Wind und Schnee und dichte Straßen. Aber dafür doch alle Fassaden, Türen und Fenster, wie vom fleißigen Zuckerbäcker übertüncht.

Sie finden wirklich statt, die Hamsterkäufe, sagt die junge Frau im Dorfladen. Kann man verstehen, sagt sie, wenn man alt genug ist und klüger sein will als vor dreißig Jahren. Da ging die Schneedecke bis unter die Baumkronen. Da musste die Armee ran. Da kamen die Russen hinzu mit ihrer Technik und ihren Mannschaften. Da haben sie auf dem Schneeacker eine Feldbäckerei aufgebaut und Kastenbrot gebacken. Täglich frisch. Heiß gebrochen und in den Mund gestopft. Den Schnee haben sie ins Meer gekippt, und dann hatte es sich.

Heutzutage darf man das nicht. Ist Schmutz drin, kann der Umwelt schaden, sagen die Grünen. Und also wird der Schnee jetzt zu riesigen Bergen auf großen Parkplätzen getürmt und bis zum Tauwetter gewartet. Dass man dann die Schmuddelecken umweltbewusst entsorgen kann.

Drei, vier schwierige Passagen weiß der Busfahrer zwischen Glowe und Sassnitz zu benennen. Wenn sich da zwei große Fahrzeuge begegnen, ist erst einmal Pumpe. Einer muss nachgeben, den Rückwärtsgang einlegen. Wir Busfahrer sprechen uns vorher ab. Wozu gibt es Mobilfunk, sagt er und betont: Er habe in der DDR nix ausgestanden. Da ist man schippen gegangen und hat einen Stempel dafür auf einen Zettel gedrückt bekommen. Den hat man vorgelegt und die Stunden bezahlt bekommen. Ging alles bei VEB. Heute darf er vierzehn Stunden schuften und kriegt trotzdem nur acht bezahlt.

Nebenbei ist er Schallplattenalleinunterhalter gewesen. Hat alle zwei Jahre die Einstufung absolviert. Ist nach Tarif ausbezahlt worden. Und wenn dann mal Hochzeit gewesen ist bei den Genossen, ist der Oberst mit ihm in den Keller runter, hat ihn auswählen lassen und von sich aus reichlich gegeben. Ananas aus der Büchse. Ungarische Salami. Bier im Kasten, das es so nicht zu kaufen gab. Hat er die Hunderter extra rasch zusammen gehabt. War ein ganz anderer Zusammenhalt damals in Zeiten der Bewährung. Hat man sich um den Nachbarn gekümmert, dem Opa, der Oma selbstverständlich den Weg frei geschaufelt. Heute dagegen nur Meckern angesagt, überall. Und dieser verdammte Griff zum Handy. Wir stehen hier bereits vier geschlagene Minuten. Wo bleibt der Bus? Was ist los? Ich will mein Geld zurück. Mal im Vertrauen. Wenn man ein Kind hat, das auf Medikamente angewiesen ist, fährt man mit dem Risikokind doch nicht auf eine Insel. Wo doch die Tage zuvor reichlich vor dem Chaos gewarnt worden ist. So blöde darf man sich doch nicht anstellen, wie es manche Leute drauf ankommen lassen. Und immer müssen andere ran, denen aus ihrer hausgemachten Patsche zu helfen.

Nach dem neuerlichen Schneefall in der Nacht wird es nur wenige Stunden dauern und die Straßen sind wieder frei. Um mehr geht es nie. Freiheit meint hierzulande allein die Straßenfreiheit. Freie Fahrt für freie Bürger. Wer neunzehnhundertneunundachtzig so kindisch gewesen war und wirklich geglaubt hat, es ginge dem Kapitalismus um menschliche Belange, wird sich bis in sein Grab hinein weiter irren. Der Natur ist die Gesellschaftsordnung doch völlig egal. Was das Miteinander von Menschen anbelangt, kann die Gesellschaft Werte setzen. Und diese Werte, die an eine jeweilige Gesellschaftsordnung gebunden sind, bewähren sich erst in den Zeiten der Not. Not stellt eine Gesellschaft dar.

Im Grunde ist die Katastrophe der Test der Natur mit uns Menschen. Taugt die Gesellschaft etwas, so behelfen und helfen sich alle irgendwie gegenseitig und uneigennützig. Taugt eine Gesellschaft nichts, so zieht die gleiche Katastrophe eine Reihe von Klagen, absurdeste Schadensmeldungen, nervende gerichtliche Verfahren nach sich. Das Menschliche bleibt auf der Strecke. Schlimmer als Frost, Sturm und Schnee in Massen ist die Gefühlskälte. Gegen die kommt kein Räumkommando an.

Der Berliner Schrifsteller Peter Wawerzinek („Das Mehr an sich ist weniger“, „Moppel Schappiks Tätowierungen“, „Mein Salzkammergut“) ist bis Ende März Gemeindeschreiber in Lohme auf Rügen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben