Literatur : Endlich Tauwetter

Peter van Gestels Roman einer Freundschaft

Rolf Brockschmidt

„Es war Mitte Februar. Der Krieg war schon fast zwei Jahre vorbei. Mein Vater hatte keine Arbeit, der Winter war eisig kalt und alle Grachten waren zugefroren. Die dicke Schneeschicht auf dem Eis war hart und grauweiß. Weil ich oft hinfiel, hatte ich blutigen Grind auf den Knien.“ Der Ton ist gesetzt in Peter van Gestels wunderbarem Roman „Wintereis“, der in Amsterdam spielt. Man denkt unwillkürlich an den Hungerwinter 1944/45, doch diese fürchterliche Zeit scheint überwunden, wenngleich man von normalen Verhältnissen noch weit entfernt ist. Der zwölfjährige Thomas erzählt seine Geschichte, eine traurige Geschichte, denn er hat seine Mutter bei Kriegsende durch Typhus verloren, der Vater gibt den komischen Kauz, der sich als Schriftsteller versucht, breughelhafte Figuren als Freunde hat, aber sonst passiert nicht viel im Hause Vrij.

Van Gestel verleiht Thomas einen schnoddrigen Ton, ein Lausbub in den Straßen von Amsterdam, der schlürft und schmatzt, immer versucht, den Kasper zu machen und witzig zu sein, der sich aber auch nach Wärme und Liebe sehnt. Thomas verschwendet keine Zeit an komplizierte Sätze, er redet kurz, knapp und witzig. Er sehnt sich nach seiner Mutter und erträgt die Zuneigung seiner Tante, die sich mit um ihn kümmert: „Vor einiger Zeit hat sie mir sogar Unterhosen gestrickt und von einem ganzen Tag Jucken in der Schule bin ich schließlich krank geworden.“

Thomas fühlt sich zu dem gleichaltrigen Piet Zwaan hingezogen, einem schweigsamen, geheimnisvollen Jungen, der unheimlich viel weiß, in einem vornehmen Haus wohnt und eine wunderbare schwarzhaarige Kusine namens Bet hat, die sogar zwei Jahre älter ist als die Jungen. Und dann ist da noch Liesje Overwater, der blonde Rauschgoldengel aus der Klasse, nach der Thomas auch verrückt ist. Aber Bet rührt an etwas aus der Vergangenheit, an die Den Textstraat, in der vorher sein Freund Piet Zwaan gewohnt hatte, doch Thomas Vater hatte davon nie mehr erzählt. Zwaans Eltern sind tot. Zunächst liegt ein Geheimnis über dieser Vergangenheit, über die niemand spricht. Als die Freunde einmal zum Bahnhof gehen, wehrt sich Zwaan, er mag keine Bahnhöfe. Vergeblich hat er dort „auf die Züge aus dem Osten gewartet.“ Zwaan war sechs Jahre alt, als er seine Eltern zum letzten Mal gesehen hat.

Van Gestel erzählt sehr sensibel die Geschichte dieser Freundschaft zwischen dem Halbwaisen Thomas und dem Juden Zwaan. Van Gestel macht kein Aufhebens darum, eher beiläufig streut er die schreckliche Vergangenheit ein, über die zunächst keiner reden will. Aber Thomas, Bet und Zwaan finden zueinander, überwinden die Mauer des Schweigens und fassen Mut für eine neue Zukunft. Van Gestels Stärke sind die geschliffenen Dialoge, schnoddrig, geistreich aber auch einfühlsam im Ton, jeder hat seine Geheimnisse, jeder hat seine Geschichte. Und allmählich offenbart Zwaan, wie er untergetaucht ist, wie er die Zeit mit Büchern totgeschlagen und dabei das Gehen fast verlernt hat. Die wachsende Freundschaft zwischen den Dreien erlaubt es ihnen, wieder Zuversicht zu fassen und diese diffuse Übergangszeit zwischen Krieg und Wiederaufbau zu überwinden. Ein historischer Roman mit leisen Zwischentönen.

Peter van Gestel:

Wintereis. Aus dem Niederländischen und mit einem Nachwort von Mirjam Pressler. Beltz & Gelberg, Weinheim 2008. 336 Seiten. 17,90 Euro. Ab zwölf Jahren.

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