Literatur : Ermordung einer Heiligen

Teodora Dimova erzählt von der Gewalt im neuen Bulgarien

Jörg Magenau

Der Ursprung des Romans „Die Mütter“ ist eine schreckliche Tat, die die bulgarische Gesellschaft verstörte. Zwei 14-Jährige töteten eine Mitschülerin, aus Lust am Quälen oder auch nur aus Langeweile. Der Fall ist durchaus mit dem Mord an einem Jugendlichen im brandenburgischen Potzlow zu vergleichen, über den Andreas Veiel einen eindrucksvollen Dokumentarfilm drehte. Das bulgarische Verbrechen ereignete sich allerdings nicht in der Provinz, sondern in einem eher besseren Viertel der Hauptstadt Sofia. Die beiden Mörderinnen kamen aus ganz normalen Familien, aus der Mitte der Gesellschaft.

In ihrem Theaterstück „Die Unschuldigen“ ist Teodora Dimova der Geschichte dieser Jugendlichen schon einmal nachgegangen. Das Stück war in Bulgarien sehr erfolgreich. Dimova, 1960 in Sofia geboren, hat bereits mehrere Dramen geschrieben. Nebenbei arbeitet sie an der Abteilung für Schauspiel im nationalen Radio. Ihr Roman behandelt nun denselben Stoff, legt den Schwerpunkt des Interesses aber auf die Generation der Eltern. Im Vorjahr ist sie dafür in Österreich mit dem „Großen Preis für osteuropäische Literatur“ ausgezeichnet worden. Jetzt liegt das Buch in einer zweisprachigen Ausgabe in der einfühlsamen Übersetzung von Alexander Sitzmann vor.

Teodora Dimova geht mit den Fakten sehr frei um und formt daraus ihre eigene Geschichte. In sieben Kapiteln erzählt sie von sieben Jugendlichen einer Schulklasse, die schließlich gemeinsam ihre Lehrerin töten. All diese Kinder sind 1990 geboren, im Jahr nach der Wende, als „die Freiheit gekommen ist“. Da wuchs eine Generation auf, die früh allein gelassen wurde, weil die Eltern mit dem täglichen Kampf ums Dasein beschäftigt waren. Dimova erzählt von einem Mädchen, dessen Mutter als Gastarbeiterin in Zypern lebt, während der Vater das Geld, das sie von dort schickt, mit seinen Freunden versäuft. Ein anderer Vater ist so heftiger Fußballfan, dass er in dieser Leidenschaft untergeht und darüber auch seine Frau verliert.

Alle Familien zerfallen. Eine Großmutter erleidet einen Schlaganfall und muss von der Enkelin gepflegt werden, während die Mutter teilnahmslos vor der Glotze hockt. Ein anderes Paar, Arzt und Ärztin, lebt getrennt und hat aus praktischen Erwägungen auch das Zwillingspaar aufgeteilt, das doch ohneeinander nicht leben kann.

Nicht nur in dieser Sequenz erinnert Teodora Dimovas Erzählen an die kristallklare Prosa von Agota Kristof. Alle Geschichten handeln von Überforderung und Einsamkeit, von Not und elterlichem Versagen und von der Tapferkeit der Kinder.

Dimova hat einen leisen, poetischen Ton und schreibt doch in mitleidloser Härte. Wer zu Depressionen neigt, sollte dieses Buch mit Vorsicht genießen. Handlungsrahmen ist für alle sieben Episoden der Nachmittag vor dem Finale der letzten Fußballweltmeisterschaft als einem Ereignis, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. In diesem Vakuum kann dann auch das finale Verbrechen geschehen. Dimova schafft es immer wieder, luzide Familiengeschichten über die Jahre hin zu erzählen und das Geschehen jeweils im konkreten Moment des Augenblicks kulminieren zu lassen. Auf jeden Abschnitt folgen kurze Verhöre wie bei der Polizei oder einem Psychologen. Doch es geht darin um Trauminhalte, in denen die Kinder ihr jeweiliges Verhältnis zu ihrer Lehrerin Javora beschreiben. Alle sieben Schüler verehren diese Javora wie eine Heilige. Javora ist eine messianische Figur, die all das bietet, was das Leben verweigert: Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft und Liebe. Sie ist es jedoch, die in der orgiastischen Schlussszene erschlagen wird. Spätestens da bekommt der Roman eine heilsgeschichtliche Dimension. Doch Erlösung ist durch diesen Opfertod nicht zu erwarten. Das Heilige hat keinen Platz in der kaputten Gesellschaft.

„Die Mütter“ ist ein verstörendes Buch, in dem sich viel über osteuropäische Befindlichkeit lernen lässt. Es zeigt in aller Brutalität die Amoral der neuen bulgarischen Gesellschaft, in der alle Gewissheiten und Werte umgekrempelt werden. Weil die Arbeit nichts mehr abwirft und niemand von seinem Lohn allein leben kann, gedeihen Korruption, Lüge und Kriminalität. „Wie soll man in so einem Land seine Kinder erziehen?“, fragt Dimova. Wer will, dass sie erfolgreich sind, muss sie auf Lüge und Betrug vorbereiten. Doch dagegen setzt sie eine tiefe Religiosität und einen pathetischen Glauben an das „Wunder des Wortes“, wie man sie in westlicher Literatur kaum noch finden kann. Das gibt dem Roman seine vibrierende Ernsthaftigkeit und eine Intensität, die unter die Haut geht.

Teodora Dimova: Die Mütter. Roman. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 490 Seiten, 14,90 €

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