Ernö Szép : Dekadenz des Herzens

Ein ungarischer Dandy ist zu entdecken: Ernö Szép ergibt sich der "Liebe am Nachmittag".

Wilfried F. Schoeller

Im Untergang einer Welt blühen ihre Nuancen auf, die Spieler, die kühlen Beobachter und die ruinösen Existenzen ergreifen das Wort. Sándor Márai und Antal Szerb, die ungarischen Elegants vor allem der Zwischenkriegszeit, fanden mit ihren Büchern posthum bei uns höchste Bewunderung. In ihrem Gefolge taucht nun ein dritter im Bunde auf: Ernö Szép, ein Flaneur aus jener Gilde, die sich von Franz Hessel bis zum Spanier Ramón Gómez de la Serna den Dingen im Stummfilm des Vergehens widmete. Der ungarische Spaziergänger und Dandy ist einem winzigen Kreis vor allem durch seine Miniaturen „Sünden“ (1928) oder den Roman „Lila Akazien“ (1922) bekannt und manche seiner zauberischen Feuilletons lassen sich in verjährten Kulturzeitschriften aufspüren.

Ernö Szép ist ein geistreicher Melancholiker, ein Virtuose der seelischen Ambivalenzen und der Selbstironie. Er hat als 18-Jähriger in Budapest seinen ersten Gedichtband veröffentlicht; er schrieb einige Theaterstücke, viele Feuilletons, Glossen und vier Romane. Er wurde nach der Okkupation Ungarns als Jude ins Arbeitslager gesteckt und wäre ins Gas geschickt worden, hätte ihn nicht der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg mit einem Schutzpass gerettet. Szép konnte nach Schweden emigrieren, aber er starb bereits mit 59 Jahren, wenige Jahre danach.

Der Ich-Erzähler Mihály in „Die Liebe am Nachmittag“ ist eine der Spiegelexistenzen Ernö Széps: ein Schriftsteller, der mit hellwachen Augen, einem melancholischen Herzen und einem kaleidoskopartigen Geist an einer Wahrnehmungsprosa arbeitet. Als Mittvierziger hat er das Gefühl, dass sich die Welt von ihm entferne; das Begehren erscheint ihm als „sensibler Prozess“. Er stammt aus der Schule der Décadents und ihm steht noch die Modekrankheit der Jahrhundertwende zur Verfügung: Neurasthenie, das Nervengebrechen. Katastrophennachrichten der zwanziger Jahre tauchen wie nebenbei auf: Banken gehen pleite, Spekulanten treiben ihr Unwesen, immer mehr Menschen verarmen. Mihály mustert die Raubtierwesen an der Börse und die Erfolgsmenschen im Literaturbetrieb. Er improvisiert sich durch die Tage und ironisiert sich selbst als einen „Rothschild der Mittellosigkeit“.

Mihály verwickelt sich in die gleiche Kalamität wie schon der Erzähler in „Lila Akazien“. Einerseits ist er im erotischen Dienst einer verheirateten Frau, die sich die Liebe am Nachmittag abholt wie andere Patiencen legen. Sie bleibt ohne Namen, wird nur „Cinq-Fleurs“ nach der Marke ihres Parfums genannt. Andererseits sieht er sich mit einer jungen Unschuld konfrontiert. Die 19-jährige Schauspielschülerin Iboly steigt ihm nach, aber er vermag mit ihrer unbedingten Schwärmerei zunächst wenig anzufangen. Er will ihr zu verstehen geben, dass er für sie keine Verwendung hat, aber dann lässt er sich von Ibolys Enthusiasmus doch verführen. Der Vorsatz, sie von ihrer Jungfernschaft zu erlösen, beherrscht ihn schließlich, aber die Ausführung des von ihr so sehr ersehnten Liebeswerks schiebt er hinaus, bis er die Schwelle des Überdrusses überschritten hat. Er pflückt die Blume, deren Name für den Frühling steht, nicht, obwohl sie für ihn aufblüht.

Sein Alltag funktioniert im Stundentakt der Vergeblichkeit: Der Morgen gilt dem Schreiben, der Nachmittag seiner Amoure mit der Dame, den Ablenkungen, die das Budapester Lustrevier mit ausgedehnten Spaziergängen und Caféhausbesuchen bietet, der Abend dem Theater und den Salons sowie dem Kino. In 43 Vigilien, nächtlichen Schreibexerzitien, notiert dieser Ich-Erzähler eben jene Abenteuer, Verstrickungen und Daseinsniederlagen. Budapest mit seinen Straßen, Plätzen, Ausflugslokalen, der Margareteninsel, der Donau ist der Raum seiner Flanerie. Seine Nuancenkunst hat der Übersetzer Ernö Zeltner mit einiger Gewandtheit nachgezeichnet, auch wenn, wegen des großen zeitlichen Abstands, der uns von den mondänen Riten und den illusionistischen Sprachgebärden der untergegangenen Monarchie trennt, vieles im heutigen Deutsch nicht mehr zugänglich sein kann. Und manchmal stören ungelenke Saloppheiten: ein Modesatz wird zum „modischen Sager“ ein Grammophon nennt sich „Musikmaschine“. Doch fallen sie im Ganzen kaum ins Gewicht.

Mihály meditiert über die Kasuistik des Lebens unter dem Banner des Misslingens. Iboly hat, bei der Schlussaufführung der Schauspieleleven mit der Hauptrolle bedacht, keinen nennenswerten Erfolg, die Dame keinen in ihrer Ehe und der Schriftsteller keinen dauerhaften mit seiner Literatur. Eine seiner selbstironischen Sottisen bezieht er auf sein Herz, „das nur noch so klein wie Rest-Ungarn ist“. Sein Journal intime ist auch das Panoramabild einer verschwindenden Welt. Am Schluss wird die Fahne des bürgerlichen Erwerbssinns gehisst. Mihály verkuppelt die unverwendete Iboly an den Inhaber einer gut gehenden Metzgerei. Aber als er sie entsorgt hat, sehnt er sich doch auch wieder nach ihr… In seinem Nachtbuch über die Distanzen im amourösen Reigen gibt es keine Erlösung des Herzens. Ernö Széps Roman „Die Liebe am Nachmittag“, 1935 in Ungarn erschienen und nun erstmals auf Deutsch, könnte zur Gründungsurkunde seines Nachruhms in Deutschland werden.

Ernö Szép: Die Liebe am Nachmittag. Roman. Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner. dtv, München 2009. 300 Seiten, 14,90 €.

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