Ernst Nolte : Verliebt in die eigene Exzentrik

"Die dritte radikale Widerstandsbewegung": Ernst Nolte setzt seine Auseinandersetzung mit den ideologischen Diskursen des vergangenen Jahrhunderts fort.

Jacob Heilbrunn

Nichts reizt einen Historiker mehr, als eine von allen geteilte Einschätzung infrage zu stellen und so eine Debatte auszulösen. War Konrad Adenauer ein deutscher Patriot? Oder hat er nicht eigentlich Deutschlands Interessen verraten, als er sich auf Kosten der Wiedervereinigung für die Westintegration einsetzte? Ist Deutschland in den Ersten Weltkrieg hineingeschlittert oder hatte Kaiser Wilhelm schon immer ein neues deutsches Reich im Kopf, das sich von Ungarn bis zur Ukraine erstrecken sollte?

Wenn es um das „Dritte Reich“ geht, ist der Einsatz um ein vielfaches höher – und kein deutscher Historiker war in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreicher und hartnäckiger im Auslösen von Kontroversen über die Nazi-Vergangenheit als Ernst Nolte. Von der Linken wird er geschmäht, seit er es wagte, festzustellen, dass den russischen und deutschen Totalitarismus mehr verband als unterschied. In der Folge setzte er jedoch zunehmend absonderliche Thesen über Juden, die Russische Revolution und Hitler in der Welt, stets aufbereitet in der kühlen Sprache der Wissenschaft.

Mit dem Buch „Die dritte radikale Widerstandsbewegung“ setzt Nolte seine Auseinandersetzung mit den ideologischen Diskursen des vergangenen Jahrhunderts fort. Nolte, dessen metaphysischer Zugang zur Geschichte über Fakten hinaus auch gewagte Theorien einschließt, hat ein Ziel: Er will Hitler in einem positiveren Licht erscheinen lassen und dem Holocaust den Status der Einzigartigkeit nehmen. Hitler, scheint Nolte zu denken, wurde ungerecht behandelt. Der von den Historikern missverstandene Kerl verdiene Gerechtigkeit, und Nolte will sie ihm zuteil werden lassen kann.

Das tut er, indem er sich einen von ihm bevorzugten rhetorischen Dreh zunutze macht – den des oberflächlichen historischen Vergleichs. Er vertritt die These, dass der Nazismus wie der Islamismus anti-westliche Bewegungen seien, die sich gegen ihre kommunistischen oder jüdischen Feinde wehren (die meistens ohnehin eine Gruppe sind). Genauso wie Hitler, der die Ängste vor Kommunisten, die den Reichstag anzünden, ernst nahm, und der selbst Angst vor einer jüdisch gelenkten bolschewistischen Revolution hatte, meint Nolte, unterstützte Ajatollah Chomeini Terrormaßnahmen gegen die brutalen marxistischen Volksfedajin. Beide Männer wehrten sich lediglich.

Das Problem dieses Arguments liegt darin, dass es jedes Handeln eines Diktators zu rechtfertigen vermag, das als Akt der Selbstverteidigung die eigene Macht stabilisiert oder ausweitet. So argumentierte auch Hitler selbst, als er eroberte, um das jüngst Eroberte zu verteidigen. Und: Wenn Hitler den Kommunismus wirklich als Hauptfeind sah, warum griff er dann England und Frankreich an, während er mit Stalin ein Abkommen schloss?

Nolte betont immer wieder das Ausmaß jüdischer Macht. Die zionistische Bewegung verkörpert für ihn eine bösartige Kraft, die zur Gründung des Staates Israel führte. Nolte setzt den Zionismus mit dem Nazismus gleich, mit dem Argument, dass es bis 1938 klar war, dass sich „zwei andersartige und dennoch nicht unähnliche Nationalismen gegenüberstanden und dass noch nicht ausgemacht war, welcher von beiden sich als die zukunftsvollere Gesellschaftsform erweisen würde“. Die Nürnberger Gesetze, die „Reichskristallnacht“ – im Grunde nichts anderes als der Zionismus? Es hätte die zionistischen Führer, die alles gaben, um jüdische Flüchtlinge aus dem Europa der Nazis zu retten, vermutlich überrascht zu hören, dass sie sich gerade in einem offenem Wettkampf mit den Nationalsozialisten darüber befinden, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen würde.

Wie dieser Vergleich deutlich macht, übertreibt Nolte grundsätzlich den Einfluss der Juden, um sie so als gleichwertige Kämpfer gegen die Nazis erscheinen zu lassen. Das waren sie nicht. Die Juden waren die unschuldigen Opfer der Nazis, sie wurden weggeschleppt in die Vernichtungslager. Deshalb ist es auch eine von Noltes dreistesten Thesen, wenn er gegen Ende des Buches anführt, dass die Juden und Kommunisten „hinter der Front eine nicht nur aus nationalen, sondern auch aus ideologischen Gründen feindlich gesinnte und teilweise feindlich handelnde Bevölkerung“ verkörperten. Er behauptet, dass bisher der Kontext zu wenig beachtet wurde, in dem Wilhelm Keitels Befehl vom 16. September 1941 stand, für jeden umgebrachten deutschen Soldaten zwischen 50 und 100 Kommunisten zu töten. Keitel könnte sogar, so lesen wir, einer „anti-deutschen Intifada“ gegenübergestanden haben, in Gestalt einer Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Herrschaft in Europa – als ob ein solcher Widerstand nicht vollkommen gerechtfertigt gewesen wäre.

Während sich Nolte dramatisch über jüdische Macht und die vermeintliche jüdische Infiltration des Nahen Ostens auslässt, zeichnet er die arabischen Führer in milden Farben. Zum Beispiel den Großmufti, Amin al Husseini, der die meiste Zeit während des Zweiten Weltkrieges in Berlin verbracht hat: Matthias Küntzel beschreibt, dass der Großmufti ungehalten über Heinrich Himmler war, als der 1943 überlegte, 5000 jüdische Kinder gegen 20 000 deutsche Gefangene auszutauschen. Himmler gab nach und die Kinder kamen in die Gaskammer. Nolte schreibt: „Nun ist es ohne Zweifel richtig, dass al-Husseini von Anfang an der entschiedenste Gegner der zionistischen Einwanderung in Palästina war und dass er alle Kompromisslösungen mit starkem Nachdruck ablehnte. Aber …“

Warum ein „aber“? Der Mufti war eines der größten Hindernisse für einen Frieden im Nahen Osten, kein Freiheitskämpfer für palästinensische Rechte. Hätten die Araber nicht den UN-Plan von 1947 zur Teilung abgelehnt und stattdessen versucht, Israel zu zerstören, hätte es damals einen palästinensischen Staat gegeben. Nolte jedoch lobt den Mufti in höchsten Tönen: „So wurden diejenigen, die schwerstes Unrecht erlitten hatten, abermals von der Weltmeinung ins Unrecht gesetzt, ihrem Großmufti gleich, der schon 1937 von den Engländern verbannt worden war und dessen Einschätzung der zionistischen Pläne sich im Resultat als die allein richtige erwiesen hatte.“

Nolte bildet sich ein, etwas Neues entdeckt zu haben bei dem Versuch, die Unzulänglichkeiten der zionistischen Bewegung hervorzuheben. Noltes Ziel, wieder und wieder, liegt darin, die Vergangenheit zu vermengen und zu verwischen, sie durch seine verzerrte Linse zu brechen, um den Zionismus herunterzustufen auf das Niveau des Nazismus. Der Einzige, den er damit desavouiert, ist er selbst.

Deshalb kann man sich kaum ein Buch vorstellen, das die eigene Trivialität besser verbirgt. Man braucht große Intelligenz, um eine solche Scharade zu konstruieren: einen Haufen von Fußnoten und abstrusen Überlegungen, der sich als authentisches historisches Werk ausgibt, als Ergebnis von vielen dem Lernen und Verstehen gewidmeten Lebensjahren. Früher einmal produzierte Nolte Wissenschaft, aber er ist schon lange abgeglitten in eine akademische Version von Mahmud Ahmadinedschads lauter und unerträglicher Abneigung gegen die Juden. Irgendwann auf diesem Weg hat sich Nolte in seine eigene Exzentrik verliebt, seitdem ersetzt er echte Erkenntnis durch leere Spekulationen. Aber das reicht inzwischen nicht einmal mehr als Provokation. Ernst Nolte ist vielmehr zu etwas geworden, wovor er sich vermutlich am meisten fürchtet – zu einem Langweiler.

– Ernst Nolte: Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus. Landt Verlag, Berlin 2009. 414 Seiten, 39,90 Euro.

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