Erwin Wickert : Das doppelte Leben

Zeitzeuge eines Jahrhunderts: zum Tod des Diplomaten und Schriftstellers Erwin Wickert.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag erinnerte er daran, dass man ihn einen Zentauren genannt hat, nach jenem antiken Fabelwesen, das halb Pferd, halb Mensch ist. Die Doppelexistenz als Diplomat und Schriftsteller, sie war nicht immer leicht für ihn. „Aber immer dann, wenn ich im Auswärtigen Dienst auf Menschenschicksale traf, die mich bewegten, drängte es mich, sie auch literarisch darzustellen.“ Und immer wieder ließ sich Erwin Wickert, Vater des Fernsehjournalisten Ulrich Wickert, vom Auswärtigen Amt fürs Schreiben beurlauben.

Biografie eines Unerschrockenen und Widersprüchlichen, eines Zeitzeugen, der Jahrhundertgeschichte und -politik hautnah erlebte: als Abenteurer und Diplomat, als Redenschreiber des Außenministers, als Pionier, Publizist und Politikberater, der mit seiner „Friedensnote“ von 1966 eine aktivere Ostpolitik einforderte, die Willy Brandt später fortsetzen sollte. Erwin Wickert, 1915 im Brandenburgischen geboren, studierte in Berlin, reiste quer durch die USA, jobbte dort als Tellerwäscher und promovierte in Heidelberg in Kunstgeschichte, bevor er 1940 als erster Rundfunkattaché des Auswärtigen Diensts nach Schanghai ging und einen NS-Propagandasender aufbaute.

Nach dem Krieg wandte er sich verstärkt dem Schreiben zu, kehrte jedoch von 1955 bis 1980 in den diplomatischen Dienst zurück. Seine Arbeit, unter anderem als Botschafter in London, Bukarest und Peking, trug stets literarische Früchte; er schrieb Sachbücher über China nach Mao, verfasste historische Romane, Hörspiele und Memoiren. Sein Buch „China von innen gesehen“ von 1982 wurde ein Bestseller. Vertraut ist vielen auch Wickerts Lust an der Kontroverse, sei es in der 68er-Auseinandersetzung mit Sohn Ulrich um Rudi Dutschke, sei es in seinen zahlreichen Briefwechsel, sei es im P.E.N., den er 1995 verließ, im Dissens’ beim Streit um den Friedenspreis für Annemarie Schimmel.

Ein erfülltes, unruhiges Leben: Am Mittwoch ist Erwin Wickert mit 93 Jahren in Remagen-Oberwinter (Rheinland-Pfalz) gestorben, wo er bis zuletzt wohnte. Tsp

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