Erzählung : Zwiebeln im Morgengrauen

Alternativer Realismus: Die schauerlich-schönen Gedichte des Iren Matthew Sweeney.

Katharina Narbutovic

An Matthew Sweeneys Ende der Welt begann der Atlantik gleich vor der Haustür. Die Fischkutter waren Punkte weit draußen am Horizont, die Wellen leuchteten nachts grün, und Schiffswracks moderten am Meeresgrund. Der Strand war nichts als ein Haufen Kiesel, und es gab ein Haus mit einem Dutzend eiskalter Schlafzimmer darin, wo ab und an ein freundliches Gespenst am Fußende eines Bettes auftauchte.

Hier ist Matthew Sweeney aufgewachsen: in der Grafschaft Donegal im äußersten Nordwesten Irlands, einem rauen, menschenleeren Gestade, das von Hochmooren, steilen Klippen und heftigen Stürmen, vom Fischfang und vom Meer geprägt ist, das regelmäßig seinen Tribut fordert.

Gesunkene Schiffe und U-Boote, Gerippe am Meeresgrund, Schädel, in denen Tintenfische und Krebse schlafen, Fischer, die ertrunken sind, weil sie nicht schwimmen können, aber auch Geister, Spukgestalten, Schlachter, die nächtens aus dem Grabe wiederauferstehen, um Blutwurst oder Leberfrikadellen zuzubereiten: Sie bevölkern Matthew Sweeneys schaurig-schöne Gedichte voller schwarzem Humor. Was nicht nur der Allgegenwart des Todes im Leben der Menschen von Donegal geschuldet ist, sondern ebenso Matthew Sweeneys Studium in London und Freiburg sowie seiner intensiven Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und seinem besonderen Faible für Büchner, Kleist, Trakl, Kafka, Grass, Böll: „Die Tradition, in der ich verwurzelt bin, die irische Tradition“, sagte Matthew Sweeney einmal, „ist offen für das, was ich als ,Alternativen Realismus’ bezeichne, dafür, die Grenzen des Realismus zu überschreiten. Und sie lädt dazu ein, Komisches und Ernstes zu vermischen. Dann entdecke ich auf einmal an einer anderen Ecke genau das Gleiche, nur mit einem Anstrich von Düsterkeit – europäischer Düsterkeit.“

Beide Traditionslinien haben Eingang in Matthew Sweeneys vortrefflich von Jan Wagner übersetzte Gedichte „Rosa Milch“ (Berlin Verlag, Berlin 2008, 128 Seiten, 16 €) gefunden, in denen er mit wenigen Strichen von unerhörten Begebenheiten sowie den Abgründen des Alltags erzählt: vertrackte Geschichten wie im titelgebenden Gedicht, in dem ein Abt und seine Mönche dem Wunder der „Rosa Milch“ auf der Spur sind; wie in „Die Türen“, wo in einem verlassenen Haus die Figuren auf den alten Porträts einen plötzlich anblicken, die Schlösser in den Türen von allein zuschnappen und man sich als Leser in einem verschachtelten System wie von M. C. Escher wiederfindet, ohne je zu begreifen, wie man da hineingeraten ist; wie in „Sweeney“, in dem einem Mann Federn durch die Poren wachsen, er sich als Krähe auf der Eiche hinterm Haus wiederfindet, sich im Nestbau übt und jedesmal geknickt aufkrächzt, wenn er „jemanden mit einer Flasche Wein“ oder den „indischen Lieferservice“ vorfahren sieht.

Von der Verwandlung eines Mannes in eine Krähe ist es nicht weit zu den rumänisch kolorierten Gedichten Matthew Sweeneys, der wie so viele Iren der Heimat den Rücken gekehrt und in jüngster Zeit vor allem als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin sowie in Timisoara gelebt hat: Auch hier finden sich surrealistisch anmutende Motive wie in „Das verwandelte Haus“, wo Matthew Sweeney knackiges, pralles Gemüse Besitz von einem Haus ergreifen lässt, als habe er eine Variation auf Giuseppe Arcimboldos Gemälde „Der Gemüsegärtner“ im Sinn gehabt. Hinzu kommen neue, üppige Farben, Aromen und Geräusche: das Stechmückengesirre in den heißen, schlaflosen Sommernächten, das Hundegebell und Orgeln von Autoalarmanlagen, der Duft gebratener Zwiebeln kurz vorm Morgengrauen, der einen rauslockt auf den Balkon.

Oft ist es ein hypothetisches „Was wäre wenn“, das in Matthew Sweeneys Gedichten den Einstieg in bestrickende Fantasielandschaften liefert: etwa die Aufforderung, sich vorzustellen, es regneten „die Haare sämtlicher Friseurgeschäfte Chinas auf die Welt hinab“, die zunächst als weiche Büschel auf dem eigenen Gesicht landen, bald aber alles unter sich begraben, bis man sich an den immer weiter herabrieselnden Haaren verschluckt, sie einem das Gedärm verknoten, in die Augen stechen, die Nase verstopfen.

Bei allem Vergnügen am genüsslichen Spinnen von Erzählfäden, bei aller Freude am Skurrilen und Makabren sind die tragischen, ja von Gewalt durchzogenen Momente des Lebens bei Matthew Sweeney immer präsent – auch in den Büchern, die er für Kinder schreibt wie beispielsweise in „Fuchs“, der warmherzigen und doch nichts beschönigenden Geschichte über die Freundschaft zwischen einem zehnjährigen Jungen und einem Obdachlosen. Sweeneys Gedichte und Geschichten sind von großer sprachlicher Klarheit – gepaart mit einer magischen Anziehungskraft, die den Leser in die verschachtelten Gebäude seiner Vorstellungskraft hineinzieht und ihn noch einmal jene wohlig-schaurige Faszination erleben lässt, mit der man als Kind mit offenem Mund den unerhörtesten Schaudergeschichten und dem wildesten Seemannsgarn zuhörte.

Matthew Sweeney und Jan Wagner stellen ihr Buch am Donnerstag um 20 Uhr in der Berliner Literaturwerkstatt vor.

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