Erzählungen : Menscheln im Hotel

Eigenwillig bis zur Selbstauslöschung: A. L. Kennedy kommt mit ihrer formidablen Erzählsammlung "Was wird" nach Berlin.

Meike Feßmann
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Meisterin der Shortstory. Die Schottin A. L. Kennedy liest am kommenden Sonnabend in den Berliner Sophiensälen aus ihrem Werk. -Foto: laif

Ein Mann und eine Frau taumeln durch die Straßen von New York, drei Tage sind sie schon auf Reisen, die Müdigkeit sitzt ihnen in den Knochen, es ist, als ob der Bürgersteig unter ihren Füßen schwankt, mal prallen sie zusammen, mal treibt es sie auseinander, „sie können sich nicht entscheiden, was unerträglicher ist“. Auch der Leser taumelt mit ihnen durch eine Geschichte, in der es nur ein paar Indizien gibt, aus denen er zusammensetzen kann, was hier erzählt wird: das Ereignis einer Existenzvernichtung, ganz gewöhnlich, und doch vollkommen unerhört, wenn man mitten drin steckt.

Zwölf Geschichten, die um einen novellistischen Kern kreisen, ohne auch nur eine Sekunde lang die Ruhe einer Novelle auszustrahlen, versammelt der neue Erzählungsband von A. L. Kennedy. Die 1965 geborene Schottin ist die vielleicht außergewöhnlichste Autorin ihrer Generation, eigenwillig bis zur Selbstauslöschung. Ganz gewiss aber ist sie die Meisterin einer neuen Form der Short Story: runtergehungert bis aufs Skelett vollständiger Nüchternheit, durchlässig bis ins Mark, mit Nervenbahnen, die Botschaften von Verlusten funken.

Da gehen Ehepartner und Lebensgefährten verloren, da werden Kinder vermisst, auch Haustiere, da werden Zähne gezogen, noch bevor die Zahnfee kommen kann, Perspektiven und Ersparnisse werden vernichtet, Häuser gepfändet, ganze Gliedmaßen verschwinden im Kriegseinsatz. A. L. Kennedys Figuren sind Versehrte, körperlich und seelisch zugerichtet von einer Realität, die sich hier einmal nicht ins Mediale verflüchtigen darf oder ins Allgemeine, sondern gleichsam zur Rede gestellt wird: Zeig mir, wie du bist, und ich sage dir, was dir fehlt.

„Was wird“ versammelt Geschichten von einer Dringlichkeit, die keine Ausweichbewegung erlaubt. Es gibt kein Außerhalb, keine Transzendenz, alles ist Realität. Und doch gibt es manchmal die Hoffnung auf ein Glück, das in den Synapsen haust. Wie immer bei dieser Autorin, hat es mit Berührung zu tun, konkret von Haut zu Haut, aber auch im übertragenen Sinn des Sich-Öffnens und der Hingabe. Wo so etwas möglich ist, schießen den Menschen Tränen in die Augen.

So geht es dem Mann, der mit seiner Frau durch New Yorks Straßen taumelt. Für ein paar Tage dürfen sie die Wohnung eines Freundes nutzen, ihr Haus in Chicago haben sie durch die Finanzkrise verloren. Sie müssen zurückziehen nach Großbritannien zu ihren Eltern, gescheitert in Amerika. Krampfhaft versuchen sie Halt zu finden, aneinander, an ein paar Gewohnheiten, an letzten Genüssen. Wie schön wäre es, einen Kaffee zu trinken, aber keiner traut sich, das vorzuschlagen, beide hoffen, der andere würde sich etwas wünschen. Doch da ist nur noch Angst, und sei es vor einer Herzattacke, die schon der kleinste Schluck Kaffee auslösen könnte. So spült es sie in ein japanisches Restaurant, viel zu teuer für Leute, die weniger als gar nichts haben. Die Atmosphäre von Reinlichkeit und vorgetäuschter Zuneigung genügt, um in ihm ein Zittern und Weinen auszulösen, das an die Stelle der riesenhaften Traurigkeit tritt, die er nicht zulassen kann. In einem Anflug von Stolz sagt er zu seiner Frau: „Ich bin zweihundertfünzigtausend Dollar wert.“ Nämlich dann, wenn sie seine Organe einzeln verkaufen würde.

In allen Geschichten gibt es solche Austausch- und Ersatzverhältnisse. Das kleine Unglück, mit dem die Erzählungen meistens beginnen, ist oft nur die Nachwirkung einer Katastrophe. In der Titelerzählung sitzt ein Mann als einziger Zuschauer im Kino, gerade hat er sich mit der unangenehmen Situation abgefunden, da läuft der Film auch noch ohne Ton. Wir erfahren von seiner Ledertasche, die „wie ein Wachhund in einem fremden Haus“ neben seinem Hotelbett auf ihn wartet. Und während er den Vorführer sucht, erzählt uns A. L. Kennedy die Vorgeschichte, nicht nur, wie er sich am Abend zuvor beim Zubereiten einer Gemüsesuppe in die Hand schnitt und sich seine Frau, empört über das Blut, ins Bett zurückzog, sondern auch davon, dass die gemeinsame Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, an dem er beteiligt war. „Ich vermisse sie auch“, ist der winzige Schlüsselsatz, der uns die Tragödie übermittelt und mit dem Bild zusammengeführt wird, das der Film schließlich zeigt: das Gesicht eines älteren Mannes, der mit einem kleinen Mädchen wie mit einer Tochter spricht.

Der Leser wird in die Geschichten hineingestoßen wie über die Schwelle eines dunklen Raumes, in dem er sich nur tastend orientieren kann. Er wird Teil eines Szenarios, bei dem der Schmerz, aber auch die seltenen Momente des Glücks abrupt eintreten. Kennedys Art zu erzählen erlaubt keine Distanz. Alles ist da und sitzt schon in den Eingeweiden. Gerade noch fragt man sich, warum Peter, der Gemüsehändler, so wütend über die Esoterik- Flyer ist, die an die Pinnwand seines Ladens gehängt werden, da erfährt man wie nebenbei, dass eine junge Frau, in die er sich verliebt hatte, ihn zu sich nach Hause eingeladen hatte. „Sie sah in an und machte ihn zu einem geliebten Menschen – der größte Unterschied der Welt.“ Doch während sie miteinander schliefen, überkam sie die Erinnerung an einen früheren Geliebten. Beim Abschied von der Party hatte sie ihn umarmt. Nun hing sein Geruch in ihrer Nase, und sie konnte Peter nur noch fragen, ob sie es „einfach lassen“ könnten. Kein Wunder, dass er auf die Flyer-Frau, die ihm von der Verbundenheit alles Lebendigen vorfaselt, mit Hass reagiert: „Wir sind nicht alle verbunden. Wir sind Hautsäcke. Wir sind alle voneinander getrennte, denkende Hautsäcke.“

A. L. Kennedy benutzt wiederkehrende Stilmittel, etwa die Kursivschreibung besonders dringlicher innerer Monologe, und verblüfft zugleich mit Einfällen, die ganz auf eine bestimmte Erzählung zugeschnitten sind. „Mit Gefühl“ lässt uns zum Zeugen eines Dialogs werden, bei dem ziemlich schnell klar wird, dass wir in eine intime Situation geraten sind. Ein Mann und eine Frau umwerben einander, auffordernd, tändelnd, ihre Fremdheit auskostend, auf der Suche nach Vorlieben, Reizbarkeiten, Eigenheiten. Noch sind beide gleich auf, alle Signale stehen auf umstandslosen Hotelzimmer-Sex. Alles, was wir erfahren – und das ist der Kunstgriff dieser Erzählung –, erfahren wir in der Form dieses Dialogs, also in der Sprache sexueller Performanz. Es gibt keinen Erzählerkommentar. Der Mann dirigiert die Frau dorthin, wo er sie haben will.

Die Informationen, die wir erhalten, sind gewissermaßen Abfallprodukte seiner Aufreizungsversuche: „Ich sage dir, was wir machen. Okay? Jetzt kriegst du, was du willst. Okay? Du kriegst genau das, worum du bettelst. Also halt jetzt den Mund und zeig mir deine Titten. (...) Leg Hand an dich und zeig mir alles. Entspann dich und zeig’s mir. So ist es recht.“

Am frühen Morgen wird der Mann das Hotelzimmer mit Triumphgefühlen in aller Eile verlassen, während sie aufgelöst zurückbleibt. Die Perfidie dieser Erzählung steckt nicht darin, dass er sie zum Analsex bringt, sondern zur Offenbarung ihrer Gefühle. Weil er ihren ersten Orgasmus mickrig findet, verwickelt er sie in ein Gespräch, das sie weich machen soll. Das klappt gut, denn sie hat an diesem Tag ihre Mutter bestattet (während er eine Super-Performance bei einem Bewerbungsgespräch hingelegt hat). Zum Frühstücken ist dennoch keine Zeit.

Es ist klar, dass die reduzierte Form dieses Erzählens nur über die Evokation von Vorwissen und von Klischees funktionieren kann. Und doch lässt dieser Erzählungsband, von Ingo Herzke treffend übersetzt, das Bekannte weit hinter sich. Jede Geschichte ist wie ein eigener Gegenstand, den man nicht verlieren will. Man ahnt, dass man in seinem Leserleben immer wieder darauf zurückkommen wird.

A. L. Kennedy: Was wird. Erzählungen. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag, Berlin 2009. 220 Seiten, 19,90 €. A. L. Kennedy liest am Samstag, 28.11., im Rahmen des KOOK-Festivals in Berlin in den Sophiensälen, ab 21 Uhr.

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