Erzählwerk : Rosas Rückkehr

Wieder zu entdecken: Alfred Döblins Epos "November 1918 - Eine deutsche Revolution".

Ulrike Baureithel

„Es herrscht Ordnung in Berlin: Die Reichen haben zu Fressen, und die Armen hungern.“ Dieses drastische Bild legt Alfred Döblin einem USPD-Abgeordneten in den Mund, als er sich 1941 an seinem Pariser Schreibtisch, von gut meinenden Freunden gerade so am Leben erhalten, an die Revolution von 1918 erinnert: „aus Mangel an Gegenwart“ und getrieben vom „Wunsch, historische Parallelen“ zur aktuellen Misere zu finden.

Döblins monumentales Werk „November 1918“ war ein weitgehend vergessenes Buch, solange die saturierte Bundesrepublik vom Elend nur entfernt wusste. Der dicke Novembernebel, den der Autor über das revolutionäre Berlin und sein Personal legte, war lange Zeit zu dicht und zu christologisch, als dass das Buch im befriedeten Weststaat hätte ankommen können oder in den Nachwehen von ’68 zu heroischen Anleihen getaugt hätte. Erst mit der Wende rückte Döblins Revolutionsepos zumindest wissenschaftlich wieder ins Blickfeld, und eine anlässlich des 90. Jahrestages der Novemberrevolution erschienene, lesefreundliche Neuausgabe im S.-Fischer-Verlag, die die Rückkehr Döblins in den Verlag einleitet, in dem er bis 1933 publizierte, erlaubt nun nicht nur Kennern ein Lektüreabenteuer der besonderen Art.

Erzählt werden auf über 2000 Seiten die räumlich und kalendarisch genau abgesteckten Ereignisse vom November 1918 bis zum Januar 1919, die mit dem Meuchelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht enden. Die historisch verbürgten, auf sorgsamem Quellenstudium beruhenden Geschehnisse und der Auftritt historischer Persönlichkeiten werden verschränkt mit dem Schicksal von drei fiktiven Haupt- und einer Unzahl von Nebenfiguren, die ein barock anmutendes Welttheater bespielen.

Brennpunkt ist das revolutionäre Berlin, doch Döblin nähert sich den Ereignissen konzentrisch von der Peripherie her. Seine Erzählung setzt ein am 10. November in einem elsässischen Dorf, mit der Zeitung von vorgestern. Während man in Berlin bereits die Republik ausgerufen hat, ist die Revolution bei den kleinen Leuten in der Provinz noch gar nicht angekommen. Doch selbst in Berlin trennen nur wenige Straßenzüge die „Spitzengeschichte“ vom alltäglichen Gang, in den Fabriken wird gearbeitet, in den Cafés getanzt, und im Milljöh werden Geschäfte geschoben: faszinierende Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen.

Stellt der Autor am Schicksal des Kriegsneurotikers Becker, seines Freundes Maus und der Krankenschwester Hilde exemplarisch den Umgang mit Schuld und Wertezerfall vor, ist das von Döblin im Exil vergegenwärtigte Berlin – diese „Häuserwucherung, die sich flach und düster in der sandigen Mark ausbreitete“ – einziger Garant für Beständigkeit. Mochte die Revolution die alte Ordnung hinwegfegen, mögen die Menschen „krabbeln und zappeln“: Die Berliner Straßen und Plätze „stehen am Vormittag des 22. November 1918 bewegungslos herum, friedlich, wie es ihre Natur ist“.

Als Döblin 1937 „Bürger und Soldaten“, den ersten Band des gigantischen, erst 1943 abgeschlossenen Projektes, in Angriff nahm, dachte er „an die ferne Stadt und prüfte im Geist, wodurch alles gekommen war“. Was, so die Kardinalfrage des Romans, war im Nebelnovember 1918 schiefgelaufen, dass sich 15 Jahre später ein sich revolutionär gebärdendes barbarisches Regime hatte an die Macht bringen können?

Sie in Form des historischen Romans zu beantworten, war nach 1933 nicht ungewöhnlich. Doch im Unterschied etwa zu den beiden Mann-Brüdern, die weit in die Geschichte zurückgriffen, blieb Döblin hart am Geschehen, dort, wo es wehtat. Während die bedrängten Intellektuellen im Exil noch Gräben zuschütteten und Stege für die ersehnten Volksfronten verlegten, war Döblins Abrechnung mit der Sozialdemokratie wenig bündnisgeeignet. Mit dem Ordnungspolitiker Ebert, der der Revolution in den Rücken fiel, indem er per Geheimdraht mit der Obersten Heeresleitung in Kassel paktierte, ging er ebenso scharf zu Gericht wie mit den Ententemächten, ihren Wilson als „nützlichen Idioten“ im Gepäck. Einzig „Karl und Rosa“, die dem dritten Band den Titel leihen, finden Gnade. Welcher Anständige hätte diesen Toten 1937 auch Dreck nachgeworfen?

Dieses gleichzeitig tragische und komische, erzähltechnisch hochambitioniert angelegte Panorama jenes kleinen, aber entscheidenden Ausschnittes deutscher Geschichte verdient auch ohne Jubiläum seine Wiederentdeckung. „Sie sind die größten Esel des Jahrhunderts“, beschimpft Döblin das aufständische Personal von 1918, „sie glauben in Deutschland Revolution machen zu können“. Die ist 70 Jahre später dann einfach über das Land gekommen.

Alfred Döblin: November 1918.
Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen und vier Bänden. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2008. Pro Band zwischen 400 und 800 Seiten, jeweils 17,90 € bis 19,90 €. – Unter dem Titel „Alfred Döblins Rückkehr“ stellen Klaus Staeck, Stephan Döblin und Jörg Feßmann das Epos in Anwesenheit des Bundespräsidenten am Donnerstag um 19.30 Uhr in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz vor. Günter Lamprecht liest daraus.

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