Literatur : Es ist die Sprache

Razzien oder Toleranz? Zwei Bücher zur Herausforderung Integration

Boris Peter

Furchteinflößende Zahlen geistern durch die Integrationsdebatte: Von 30 000 Zwangsverheiratungen alljährlich ist die Rede, auch von 4000 Übertritten zum Islam. Dass die Angaben gänzlich aus der Luft gegriffen sind, hat Martin Spiewak kürzlich in der „Zeit“ aufschlussreich dargelegt. Für ihn sind die falschen Zahlen Beleg dafür, dass über die Muslime hierzulande weithin Unkenntnis herrscht. Ein entscheidender Grund: Deutsche Islamforscher beschäftigen sich lieber mit der Sufi-Literatur im alten Persien als mit den Muslimen nebenan. Zu den wenigen Ausnahmen zählte Spiewak den Ethnologen Werner Schiffauer.

Als Mitherausgeber des Migrationsreports, der alle zwei Jahre erscheint, analysiert Schiffauer die Auswirkungen der präventiven Sicherheitspolitik auf Muslime. Neben eindeutig extremistischen Gruppen („Kalifatsstaat“) werden auch Organisationen wie die Islamische Gemeinde Deutschlands und Milli Görüs vom Verfassungsschutz observiert, obwohl sich innerhalb dieser Verbände ein Richtungswechsel vollzogen habe, meint der Migrationsforscher. Nach eigener Aussage bekennt man sich zum Grundgesetz und distanziert sich von Gewalt. Nötig wäre es, diesen Anspruch sachlich zu überprüfen. Stattdessen werden Informationen in den veröffentlichten Verfassungsschutzberichten höchst selektiv wiedergegeben, kritisiert Schiffauer. So wird der Versuch dieser Gemeinden, in der Jugendarbeit islamisches Selbstbewusstsein zu fördern, als anti-integrationistisch verurteilt. Wenn jedoch in denselben Gemeinden gleichzeitig dafür geworben wird, die Kinder auf deutsche weiterführende Schulen zu schicken, bleibt dies in den Berichten unberücksichtigt. Widersprüchliche Aussagen werden nicht als Ausdruck innerer Auseinandersetzungen gewertet, sondern als Doppelzüngigkeit denunziert. Nach Ansicht Schiffauers spiegelt sich darin der Zwang wieder, mit der Aufnahme einer Organisation in den Verfassungsschutzbericht zugleich zeigen zu müssen, dass diese Aufnahme gerechtfertigt ist.

Die Einschätzung des Verfassungsschutzes bleibt nicht ohne Folgen: In manchen Bundesländern wird nicht nur Funktionären, sondern auch einfachen Mitgliedern die Staatsbürgerschaft verweigert – mitunter sogar rückwirkend. Zudem konstatiert Schiffauer eine deutliche Zunahme von Großrazzien. Dabei wurden Moscheebesucher in martialisch durchgeführten Aktionen mitunter über Stunden festgehalten und demütigenden Kontrollen unterzogen. Der Ertrag der Polizeieinsätze war eher dürftig und beschränkte sich auf vereinzelte Verstöße gegen das Asylrecht sowie Verkehrsdelikte.

Dass die deutsche Sprache die entscheidende Voraussetzung für Schulerfolg, eine berufliche Karriere und damit für das Gelingen von Integration überhaupt darstellt, ist unstrittig. Doch ist unklar, welche Konsequenzen dies für die Herkunftssprache hat. Soll man dem Beispiel der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin-Wedding folgen, die Türkisch, Arabisch und Albanisch aus Klassenzimmern und Pausenhof verbannt hat? Oder soll man diese Sprachen vielmehr als Unterrichtsfächer anbieten? Nicht nur der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner befürwortete unlängst bilinguale Programme. Viele Sprachwissenschaftler sehen in der Förderung der Muttersprache nicht nur ein Zeichen der Anerkennung einer fremden Kultur. Sie sei auch elementare Grundlage für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache.

Die These wird von Hartmut Esser angezweifelt. Der renommierte Soziologe hat zahlreiche Studien ausgewertet, die sich mit der Wechselwirkung von Sprache und Integration befassen. Am Beispiel hispanischer Kinder in den USA zeigt er auf, dass Bilingualität ihnen keine Vorteile bringt. Asiatische Kinder schneiden sogar deutlich schlechter in der Schule ab, wenn sie zusätzlich zum Englischen an ihrer Herkunftssprache festhalten.

Zudem bestreitet der Soziologe, dass die Beibehaltung der Muttersprache für das Selbstbewusstsein förderlich sei. Stattdessen habe eine aktuelle Studie über türkische Kinder in den Niederlanden gezeigt, dass sprachliche Assimilation zu gesteigertem Selbstwertgefühl und geringeren psychischen Problemen führe.

Dass die empirischen Ergebnisse die Bedeutung von Bildung, Einreisealter und ethnischer Dichte für die Zweitsprachkompetenz belegen, ist dagegen weniger überraschend, wie Esser einräumt. Durch die hohe Konzentration in Kindergärten und Schulen fehle es bei den Kindern an sprachlichen Vorbildern und Anreiz, die deutsche Sprache gründlich zu erlernen. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Nur wenn man auch den einheimischen Kindern Zugeständnisse abverlangt, meint Esser. Er rät deshalb zur „Zulassung bestimmter ethnischer Mischungen in den Vor- und Grundschulen oder den Verzicht auf die Meidung ,problematischer’ Schulen“. Zumindest Letzteres wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Michael Bommes, Werner Schiffauer (Hrsg.): Migrationsreport 2006. Fakten – Analysen – Perspektiven. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2006. 276 Seiten, 24,90 Euro.

Hartmut Esser: Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2006. 580 Seiten, 54,90 Euro.

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