Essayband : Essen ist das halbe Leben

Wozu ist man eigentlich auf der Welt? Nils Minkmar erzählt in seinem Essayband persönliche Geschichten aus der Normalität.

Gerrit Bartels

Die Frage ist natürlich: Leben wir wirklich in einer Zeit, die so schnellen und so radikalen Veränderungen unterworfen ist wie keine andere Zeit zuvor? Oder müssen sich nicht schon seit Ewigkeiten die Menschen auf immer wieder Neues und Ungewohntes einstellen? Nils Minkmar, Feuilletonredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, behauptet in seinem Buch „Mit dem Kopf durch die Welt“ Ersteres. Er ist der Überzeugung, dass Menschen, die 1630 gelebt haben, sich problemlos auch hundert oder zweihundert Jahre später zurechtfinden würden. Wer aber im ersten Drittel des vergangenen Jahrhundert gestorben wäre, hätte dreißig, vierzig Jahre später arge Probleme: „Die Frauenbewegung, die Deindustrialisierung, der Massenkonsum sowie der völlige Kursverfall des Militärs, der Kirche und der Vaterlandsliebe würden ihn gleich wieder umhauen.“

Und überhaupt: Die Weltherrschaft von Google, das Leben mit SMS, E-Mail und DSL-Flatrates, ja, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen – wer hätte das alles vor zwanzig, dreißig Jahren für möglich gehalten? Minkmar muss solche Behauptungen machen und solche Fragen stellen, schließlich übt er sich in der Form des Essays, will er mal mehr, mal weniger spielerisch den zahlreichen Wandlungen und Verwandlungen unserer Gesellschaft der letzten Jahre auf die Spur kommen. „Personal Essays“ nennt er die Texte seines Buches, „ganz persönliche Geschichten aus der Normalität“.

Weshalb er sich die Welt genauso aus seiner Biografie heraus erklärt, wie er ihr mit den Mitteln der Reportage beizukommen versucht. Das saarländische Dudweiler ist da eben nicht nur der Ort, in dem zwei tief in den militanten Islamismus verstrickte junge Deutsche gelebt haben, sondern wo auch er, Nils Minkmar, herkommt und in der Grundschule erstmals einen Lehrer erleben musste, „der es mit der Religion wirklich ernst meinte. Seitdem ist in meinem Hirn die Erwähnung religiöser Themen und Begriffe immer mit dem Bild einer ziemlich scheußlichen grüngrauen Kirche und der unsympathischen Figur eines strengen katholischen Geistlichen verbunden, der meinen Klassenkameraden Religionsunterricht erteilt, während ich, davon befreit, in der letzten Reihe Blätter vollmale“.

So geht es hier dann von Dudweiler nach Amman, wo Minkmar sich einen Tag vor dem 11.9.2001 aufhält, so trifft er in seiner Heimatstadt nicht nur einen Friseur oder befreundete, in Algerien geborene Familienväter, sondern eben auch so unterschiedliche Persönlichkeiten wie den Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan oder die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali. Und so ist die Politik zum einen eine große, leere, gespenstische PR-Show, wie Minkmar als akkreditierter Journalist beim Bush-Besuch in Deutschland feststellt, und dann wieder eine echte, durchaus respektable Profession, die Figuren wie seinen Landsmann Oskar Lafontaine hervorbringt, von dem Minkmar ein tiefenscharfes und alles andere als schmeichelhaftes Porträt zeichnet. Immer wieder wechselt der manchmal besorgte, manchmal humorvolle, manchmal in sich ruhende, aber immer kluge Essayist seine Perspektiven, unternimmt er in sieben Kapiteln Expeditionen in die „Kerngebiete des Normalen“, zu denen Politik und Religion gehören, aber auch „das Verhältnis des normalen Mannes zu seinem Sitzplatz und der Welt überhaupt sowie Wohnungsumzüge“.

Als digital abgeschottet, immer kampfbereit und doch zunehmend irritiert beschreibt Minkmar den modernen, mitten in Leben und Beruf stehenden Mann, dem vielleicht genau die Erdung fehlt, die der Autor in der Obhut seines französischen Großvaters erfahren hat. In dem schönsten Abschnitt seines Buches porträtiert er diesen Großvater, der den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hat, der ein wackerer Sozialist war, dem vor allem aber das Essen über alles ging: „Es sagte ihm etwas über sich selbst, wie er sein Leben lebte, was war und noch kommen würde, es gab dem Tag und der Woche und dem Jahr eine Struktur, die zugleich in Genuss aufgehoben war.“

Wer in einer Familie mit so einem Großvater aufwächst, weiß, worauf es ankommt. Und der ist dann auch in der Lage, das moderne Leben anhand eines Streits um die richtige Zubereitung von Pommes (Tiefkühlware oder Kartoffeln schälen und in Streifen schneiden?) zu hinterfragen, im posthumen Auftrag des Großvaters, versteht sich: „Kann man als Frau Karriere machen und Kinder haben? Darf der Beruf die Verpflegung beeinträchtigen? Wozu ist man eigentlich auf der Welt?“ Um zu essen, um zu genießen, hätte der Großvater natürlich geantwortet.

Und sein Enkel würde ergänzen: um ihre gesellschaftliche und politische Komplexität, aber auch ihren irren Dadaismus besser zu verstehen. Um ihre „beschleunigte Unübersichtlichkeit“ vielleicht etwas zu verlangsamen und ein klein wenig mehr Übersicht zu schaffen. Mit seinem Buch ist Minkmar das sehr gut gelungen.

Nils Minkmar: Mit dem Kopf durch die Welt. Ganz persönliche Geschichten aus der Normalität. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt/Main 2009. 224 Seiten, 17,95 €.

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