Ethnologie : Von Bildungsbürgern und Indianern

Ein Expeditionstagebuch aus dem Nachlass des Amazonasforschers Theodor Koch-Grünberg und eine Studie zur Geschichte deutscher Völkerkundler am Amazonas: Gleich zwei neue Publikationen widmen sich der ethnologischen Amazonasforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Sven Werkmeister

Ein Expeditionstagebuch aus dem Nachlass des Amazonasforschers Theodor Koch-Grünberg und eine Studie zur Geschichte deutscher Völkerkundler am Amazonas: Gleich zwei neue Publikationen widmen sich der ethnologischen Amazonasforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.



„Die ersten wilden Indianer: Endlich haben wir sie! Zwar noch nicht fest, aber es ist alle Hoffnung vorhanden, sie fest zu bekommen und eingehend studieren zu können.“ –

Als Theodor Koch am 9. Juli 1899 im brasilianischen Tiefland des Rio Xingú, einem Zufluß des Amazonas, freudig den lang ersehnten Fund von „Indianerzeichen“ in sein Forschungstagebuch notiert, liegen bereits vier Monate entbehrungsreicher Reise durch unwegsames Gelände hinter den Expeditionsteilnehmern. Bereits im Dezember 1898 war der studierte Altphilologe aus dem hessischen Grünberg in Hamburg aufgebrochen, um als Photograph die völkerkundliche Expedition des Leipziger Geographen Hermann Meyer zu begleiten. Zusammen mit zwei weiteren deutschen Forschern, achtzehn brasilianischen Gehilfen sowie über fünfzig Maultieren, vollbepackt mit Nahrungsmittelvorräten, Tauschwaren, Waffen und der in Dutzenden von Eisenkisten verstauten Reiseausrüstung, setzte sich der Expeditionstrupp dann im Frühjahr 1899 schließlich von Cuiaba im brasilianischen Hinterland in Bewegung. Primäres Ziel der deutschen Forscher war die völkerkundliche Erforschung der Menschen im größtenteils noch unbekannten Zuflußgebiet des Rio Xingú. Sprachaufnahmen und das Anlegen umfangreicher Sammlungen „ethnographischer Objekte“ versprachen als wissenschaftliche Pionierleistung in der terra incognita des brasilianischen Urwalds Ruhm und Anerkennung im Heimatland.

Ethnologie und Abenteuer

Das nun in einer reich bebilderten, von Michael Kraus sorgfältig ausgeführten Edition erstmals veröffentlichte Forschungstagebuch dieser Reise gibt nicht nur einen interessanten Einblick in den Alltag ethnologischer Feldforschung um die Jahrhundertwende, es bietet auch zahlreiche Hinweise auf die Interessen, Verfahren und Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit in der Gründerzeit der Ethnologie. Wissenschaftlicher Wissensdrang und positivistischer Sammeleifer vermengen sich in den Aufzeichnungen aus dem Nachlaß des später unter dem Namen Koch-Grünberg auch über Fachkreise hinaus bekannt gewordenen Amazonasforschers mit Abenteuerromantik und Entdeckerehrgeiz. „Die ersten wilden Indianer“ – das exemplarische Zitat ruft jenen Faszinationswert des Unbekannten, Fremden auf, der sich auch in zeitgenössischen Abenteuerromanen – beispielsweise bei Karl May – findet, und führt ihn doch zugleich zurück auf das Interesse am wissenschaftlichen Studienobjekt: „Es ist alle Hoffnung vorhanden, sie festzubekommen und eingehend studieren zu können.“

Scheitern als Chance?

Die Forschungsarbeit gestaltete sich allerdings weit schwieriger als erwartet. Nicht nur flüchteten die von Koch erhofften „wilden Indianer“, noch bevor es zu einem direkten Zusammentreffen kam, tiefer in den Wald. Auch die deutschen Forscher waren während der gesamten Reise meist zu sehr mit sich selbst und den Widrigkeiten des Expeditionsalltags beschäftigt als daß sie Zeit für ausgiebige Studien der angetroffenen Ethnien gefunden hätten: „Haben alle 3 Malaria. – Starker Druck im Kopf, Kopfschmerzen, ungeheure Mattigkeit, Schwindelanfälle […] Wenn wir nur erst einmal aus diesem Irrgarten heraus wären.“ (22.6.1899) Die gesamte Reise stellt sich dar als Serie von Unglücksfällen, Bootsuntergängen, Hunger, Krankheit und den immer wieder ausbrechenden Streitigkeiten unter den Expeditionsteilnehmern. Michael Kraus interpretiert den Mißerfolg dieser ersten Expedition Theodor Kochs, die mit nur wenig neuen Erkenntnissen für die ethnologische Amazonasforschung zurückkehrte, im begleitenden Kommentar der Edition optimistisch als „Lehre[…] für die zukünftige Forschung“. Den Expeditionsbericht, der dieses gescheiterte Forschungsunternehmen detailiert beschreibt, liest Kraus als Dokument eines einsetzenden Lernprozesses, der sich produktiv auf die spätere Arbeit Kochs, der bis 1924 drei weitere Forschungsreisen ins Amazonasgebiet unternahm, ausgewirkt habe.

Amazonasforschung im Kaiserreich

Eine aufschlußreiche Ergänzung zum vorliegenden Forschungsbericht ist denn auch die parallel erschienene Dissertation des Herausgebers zur deutschen ethnologischen Amazonasforschung 1884–1929. Sie beleuchtet den wissenschaftshistorischen und sozialgeschichtlichen Kontext der frühen Amazonasexpeditionen, zu deren Protagonisten neben Koch und Meyer vor allem Karl von den Steinen, Paul Ehrenreich, Konrad Theodor Preuss, Max Schmidt und Fritz Krause gehörten. Michael Kraus zeigt anhand einer umfangreichen Aufarbeitung von in großen Teilen unveröffentlichtem Archivmaterial nicht nur die institutionellen Hintergründe der frühen ethnologischen Amazonasforschung, die sich zunächst nicht im akademischen Betrieb der Universitäten, sondern als Netzwerk von Forschern und interessierten Laien an Museen und in völkerkundlichen Gesellschaften etablierte. Er arbeitet auch detailiert die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Expeditionen hinsichtlich ihres Reiseverlaufs, ihrer personellen Zusammensetzung, dem methodologischen Vorgehen und der Beziehung zu den fremden Menschen am Amazonas heraus.

Gemeinsame theoretische Grundüberzeugung der ethnologischen Forschung zur Zeit des Kaiserreichs war die Annahme eines evolutionistischen Stufensystems, das auch den Menschen am Amazonas einen festen Platz in der Geschichte menschlicher Kulturentwicklung zuwies. Die Klassifizierung der fremden Menschen als „Leutchen der Steinzeit“ und „naive Naturkinder“ formulierte dabei deutlich den Überlegenheitsanspruch der eigenen Kultur, der auch in den direkten Begegnungen mit den Amazonasbewohnern immer wieder drastisch zum Ausdruck kam. Kraus versucht in seiner Studie, diese zeitgenössischen Hierarchisierungen zu relativieren, und konstatiert, „insgesamt eine Wendung hin zu einer positiveren Beschreibung fremder Völker bzw. speziell der Indianer des südamerikanischen Tieflandes“. Er betont die Ansätze der Forscher, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und zivilisationskritisch die eigene Position zu reflektieren.

Goethe im Urwald

Den Blick der Forscher auf die Fremden interpretiert Kraus mit Verweis auf die soziale Herkunft der Amazonasreisenden als fundiert im bürgerlichen Bildungsideal. Die deutschen Ethnologen, in deren Reisegepäck sich neben ethnologischer Fachliteratur auch die Texte von Goethe und Schopenhauer befanden, trugen – so die zentrale These Kraus’ – das Weltbild des Bildungsbürgers und dessen Werte und Moralvorstellungen in den Urwald. Keine kategorische Trennung von ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘ lag dem Indianerbild der deutschen Forscher demnach zugrunde, die Verschränkung von Aufwertung und Abwertung der Indianer, die die Berichte der Forscher bezeugen, erweist sich vielmehr als „implizite Reproduktion der Bürgerwerte“ von Ordnung, Sauberkeit und Ehrlichkeit. Ob man damit aber den deutschen Ethnologen wirklich ein „überwiegend positives Indianerbild“ bescheinigen kann, wie Kraus es tut, bleibt fraghaft. So ist es charakteristisch für die Argumentation der gesamten Studie, wenn Kraus die regelmäßige Bezeichnung der Fremden als ‚Kinder‘ zu einer „Anerkennung der Wesensgleichheit“ von Europäern und Indianern aufwertet. Die in den letzten Jahren auch innerhalb der Ethnologie diskutierten kritischen Befragungen der Fachgeschichte werden zwar immer wieder zitiert, jedoch nur, um ihnen regelmäßig – zumindest für den Kontext der Amazonasforschung – zu widersprechen. Auch wenn dem Insistieren auf Ambivalenzen und Widersprüche grundsätzlich zuzustimmen ist, hätte man sich vom Ethnologen Kraus doch einen ausgewogeneren – und das heißt hier: kritischeren – Blick auf die eigene Fachgeschichte gewünscht. Mit der Veröffentlichung des ersten Forschungstagebuchs Theodor Kochs, dem weitere Editionen aus dem Nachlaß folgen sollen, bleibt es nun anderen überlassen, die Thesen Kraus’ am Text selbst zu überprüfen.

Theodor Koch-Grünberg: Die Xingu-Expedition (1898–1900). Ein Forschungstagebuch. Hg. v. Michael Kraus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2004, 507 S., 68 schw.-w. Abb. auf 32 Taf., 34 Skizzen u. 1 Karte, 99,- Euro.

Michael Kraus: Bildungsbürger im Urwald. Die deutsche ethnologische Amazonienforschung (1884–1929). Marburg: Curupira 2004, 539 S., 68 schw.-w. Abb., 25,- Euro.

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