Eva Illouz : Der Einfluss der Psychoanalyse

Und manchmal hilft der Therapeut ein wenig nach: Eva Illouz' "Die Errettung der modernen Seele" entpuppt sich als ein versteckt kritischer Versuch, den Einzelnen aus den Klauen der Psychoanalyse zu befreien.

Meike Feßmann
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Wie ist dem Ärmsten nur zu helfen? Sigmund Freud. Illustration: Karl Thomas/Superbild_

Wer gelegentlich Romane liest, die vor dem 20. Jahrhundert geschrieben wurden, macht eine seltsame Erfahrung. Er trifft auf Seelenregungen, die er zu kennen meint: empfindsame Reaktionen auf die Wetterlage, die Umgebung, die Atmosphäre eines Raums, Anwandlungen von Glück oder Schwermut, das Spiel der Anziehung und Abstoßung zwischen Menschen, all das in vielfältigen Nuancen. Aber irgendwie wirkt das fremd, ohne Ziel und Zweck. Die Freude einer solchen Lektüre ist meist mit Eskapismus verbunden. Man nimmt sich eine Auszeit von der Gegenwart, bevor man wieder zur Tagesordnung übergeht. Was ist geschehen seit dem 19. Jahrhundert? Und warum hören wir immer den gleichen Psycho-Slang, egal, ob uns die Freundin ihr Herz ausschüttet, das Fernsehen eine überforderte Mutter vorführt, ein Blogger seine Erlebnisse ins Netz stellt oder ob wir selber Rat suchen?

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Illouz, die an der Hebrew University in Jerusalem Soziologie lehrt und zurzeit Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin ist, hat eine schlichte, aber starke These: Der „therapeutische Diskurs“ determiniert alles, was wir über unser Innenleben sagen können. Wir haben gar keine Seele mehr, nur noch eine Psyche oder ein Selbst. Wir sind alle Freudianer, ob wir wollen oder nicht. Wer daran zweifelt, sollte einmal versuchen, einen inneren Konflikt darzustellen, ohne auf psychoanalytisches Vokabular zurückzugreifen.

Dass die Autorin das bedauert, verrät zunächst nur der programmatische Titel. Dort hat die „Seele“ ihren letzten Auftritt. Im Rest des Buches kommt sie nicht mehr vor. Eva Illouz taktiert geschickt. Auf jede „Verdachtshermeneutik“ verzichtend, beginnt sie ihre Untersuchung als Kulturanalyse im Geist des Pragmatismus. Mit dem Pokerface wissenschaftlicher Nüchternheit beschreibt sie den Siegeszug der Psychoanalyse und ihrer Derivate. Die Formel vom „therapeutischen Diskurs“ trägt der Tatsache Rechnung, dass es allzu umständlich wäre, ständig zwischen Psychoanalyse, Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie, Neurologie und so weiter zu unterscheiden. Dem Patienten ist es ohnehin egal. Er ist längst zum Konsumenten geworden.

Wie war es möglich, dass das Projekt eines einzigen Mannes innerhalb weniger Jahrzehnte so viele Anhänger fand? Und wie, dass sich das „therapeutische Weltbild“ in allen westlich orientierten Gesellschaften durchgesetzt hat? Eva Illouz’ Sprache ist nicht frei von Wiederholungsschleifen. Dennoch folgt man ihren Argumenten gern in jeden Winkel. Wie ihre früheren Bücher, „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ und „Der Konsum der Romantik“, ist auch „Die Errettung der modernen Seele“ ein eindrucksvoller Beleg für die Leistungsfähigkeit ihres Fachs. Denn der Kulturwissenschaftler kann und darf alles zugleich in den Blick nehmen: das umwerfende Charisma Freuds, sein überragendes Organisationstalent, seine Fähigkeit, selbst Kritiker noch vor den Karren des eigenen Projekts zu spannen, sein Gespür für die zentralen Fragen moderner Identität, aber auch historische Ereignisse wie seine Vorlesungen 1909 an der Clark University vor der versammelten psychiatrischen und neurologischen Elite. Bereits 1911 wurde die erste amerikanische Psychoanalytische Gesellschaft in New York gegründet. Mit dem Sprung über den Atlantik fand die Psychoanalyse Anschluss an die weiter fortgeschrittene Modernisierungsbewegung und die Populärkultur.

Die Tatsache, dass Freuds Konzepte zugleich auf der Ebene der Theorie und als alltägliche Denkschablonen funktionieren, ist eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Eva Illouz analysiert einleuchtend, welcher Gewaltakt am Ursprung der Psychoanalyse stand, den Freud mit brillantem Stil, geschickter Rhetorik, eigenwilliger Metaphorik und seinem Erzähltalent überspielen konnte. Freuds Coup bestand darin, das Triviale und Alltägliche, das im 19. Jahrhundert noch als völlig belanglos galt, „mit einer Sinnhaftigkeit aufzuladen, mittels derer sich das Selbst formieren“ und letztlich regenerieren kann.

Mag einem Individuum das Dasein in der modernen Welt noch so sehr zusetzen, so kann es sich doch über seine Träume, seine Versprecher, seine Verdrängungsleistung als ein Wesen konstituieren, das der Betrachtung wert ist. Insofern ist Freud das perfekte Pendant zu Marx. So wie jener den Wert des Menschen über die Arbeit konstruierte, gab Freud ihm das kognitive Werkzeug an die Hand, um sein Selbstsein in der häuslichen Sphäre zu denken. Im Zentrum der freudianischen Erzählung steht nicht mehr die Familie als lange Kette chronologischer Überlieferung, sondern die Kleinfamilie mit dem Elternpaar als starker Einheit und den Kindern, die mit einem Elternteil um die Liebe des anderen konkurrieren. Indem er die kleinen Störungen des Alltagslebens in die Nachbarschaft extremer Pathologien rückt, wird der Alltag zwar einerseits zum „glamourösen“ Projekt, andererseits wird jede Normalität ein „hochgradig labiler Zustand“, der förmlich nach der Hilfe von Experten schreit. Der Grundstein zum Psycho- und Ratgebermarkt ist gelegt.

In der Form von Ratgebern, Filmen, Werbung macht sich die Psychologie schnell in der Populärkultur breit. Dass Freud in Hinsicht auf die Sexualität einen Wandel vom Imperativ der Mäßigung zu einer Philosophie des Genusses einleitete, wurde nicht erst von der Studentenbewegung entdeckt. Auch wenn der Feminismus immer wieder in Frontstellung zu Freud geriet, hatte er ihm doch die Entdeckung der weiblichen Lust zu verdanken. Eva Illouz kommt es vor allem auf die Verschränkung von Ökonomie und Gefühlen an. So wie unter der Ägide des therapeutischen Diskurses Metaphern der Rationalität und des Ökonomischen das Gefühlsleben unterwandern, schleicht sich die Emotionalisierung in die Sphäre des Ökonomischen ein. Nur wer seine Gefühle im Griff hat und sie strategisch einsetzt, kann es im Berufsleben zu etwas bringen.

Macht wird neu definiert: als Fähigkeit, seine Gefühle jederzeit unter Kontrolle zu halten. Die Entdeckung der Emotionalen Intelligenz entlarvt Illouz als ein Mittel der Profitmaximierung. Mit Hilfe neuer Normen und Tests können Kandidaten für einen Job so ausgewählt werden, dass die Gefahr des Versagens minimiert wird. Der mittlerweile riesige „pharmazeutisch-gesundheitlich-medial-juridische Komplex“, wie Eva Illouz das mit einem Wortungetüm nennt, erzeugt seit den 1990er Jahren eine Erzählung des Selbst, die von Krankheit und Opferrollen handelt. Darin erkennt die Autorin eine der auffälligsten Transformationen der Öffentlichkeit. Das Gemeinwesen wird zum Ort von Ansprüchen, die kaum noch zu befriedigen sind.

Es liegt in der Struktur der psychoanalytischen Reflexivität, dass sie „Endlosschleifen unbefriedigter Bedürfnisse“ hervorbringt. Auch dass wir über standardisierte Kulturtechniken verfügen, um Intimbeziehungen zu beschreiben, lässt bei allem Bemühen um Nähe diese immer unwahrscheinlicher werden. Sobald die Gefühle verallgemeinerbar sind, wird der Partner austauschbar.

Wie kritisch sich Eva Illouz zu ihrem Gegenstand verhält, merkt man erst im Lauf der Zeit. Dann schmuggelt sie kleine Binnengeschichten ein, die zeigen, dass man mit dem Leben auch dann zurande kommen kann, wenn man nicht immer wieder die eigenen Wurzeln ausgräbt. So wie ein Pianist beim Spielen nicht die ganze Zeit kontrolliert, was er tut, bewährt sich auch bei Gefühlen gelegentlich die Methode, sie vor anderen und sogar vor sich selbst zu verschleiern. Es muss nicht alles ausgesprochen werden.

Mit Peter Sloterdijks „Du musst dein Leben ändern“ und Eva Illouz’ „Die Errettung der modernen Seele“ sind in diesem Frühjahr zwei Bücher erschienen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Sloterdijk, der im ersten Band seiner „Sphären“-Trilogie mit beispielloser Gründlichkeit über die Seele und beseelte Verhältnisse nachgedacht hat, propagiert nun Techniken, die das Selbst befähigen, der krisenhaften Gegenwart standzuhalten. Eva Illouz plädiert dagegen für Abrüstung im Umgang mit sich selbst. Eines aber ist beiden Büchern gemeinsam: Sie suchen nach Formen, mittels derer sich der Einzelne aus den Klauen zweier hoch elaborierter Welterklärungssysteme befreien kann, der Religion und der Psychoanalyse.

Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 412 S., 26,80 €.

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