Eva Strittmatter : Ringen um Entzückung

Heimat Natur: zum 80. Geburtstag der Dichterin Eva Strittmatter

Richard Pietraß
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Die Weise von Schulzenhof. Eva Strittmatter. Foto: Paulus Ponizak/picture-alliance/Berliner ZeitungBerliner_Verlag

Viele könnten ihre eigene Geschichte mit Eva Strittmatter berichten. Sie könnten Lesungen und ihre Orte erwähnen, von persönlichen Treffen bei Signierstunden und anderen Gelegenheiten, gar von Briefen und Besuchen erzählen. Die meinen lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen und waren ein Wechselbad der Gefühle. Gehörte ich als Berliner Student zu denen, die in der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ die ersten dort gedruckten Gedichte der Strittmatter nicht nur mit glühenden Ohren lasen, sondern sie auch mit Durchschlägen abtippten, mit ihnen Freunde zu erfreuen, bekam diese frühe Begeisterung einen Dämpfer, als ich der Bewunderten, unter freilich besonderen Umständen, leibhaftig begegnete.

Man schrieb August 1973, als (Ost-) Berlin im Zeichen der Weltfestspiele der Jugend und Studenten stand. Zu den Gästen eines in der Kunsthochschule Weißensee flugs eingerichteten internationalen Literaturklubs gehörten Erich Arendt, Günter Kunert und Eva Strittmatter. Jeder dieses erlesenen Dreigestirns las eigene Gedichte und ein Gedicht eines anderen, von ihm besonders geschätzten Dichters. Während Arendt auf Saint John-Perse hinwies und Kunert César Vallejos eindringliches Gedicht über „Die Spinne“, die „vielbeinige Wegfahrerin“ las, kann ich mich an Eva Strittmatters Draufgabe leider nicht mehr erinnern.

Wie heute aber weiß ich noch, wie ich, ganz vorlauter Student, das Wort an sie richtete. Ich bekannte mich als einer, der ihre Gedichte geradezu missionarisch verbreitet hatte, dann aber, mit Erscheinen ihres ersten Bandes „Ich mach ein Lied aus Stille“ irritiert feststellte, mit wie wenig formaler Vielfalt sie auskam. Ob sie künftig ein breiteres Spektrum anstrebe? Was die da schon Berühmte, nach tiefem Luftholen, mir lakonisch erwiderte, blies mich von der Lichtung: Was ich denn wolle. Sie habe eine Auflage von zigtausend Exemplaren.

Natürlich habe ich mir über die Jahre die meisten ihrer Bücher trotzdem gekauft und durchschnauft. Nur Teil ihrer bekennenden Gemeinde mochte ich nicht mehr sein. Sei’s drum. Da runde Geburtstage Zäsuren sind, Kammhöhen, die es gebieten, zurück und nach vorn zu schauen, möchte ich zunächst aus dem jüngsten, im Aufbau-Verlag erschienenen Band „Wildbirnenbaum“ das fast ein Vierteljahrhundert ungedruckt gebliebene Gedicht „Epitaph“ aus dem Jahre 1972 vorstellen, das, wie in Stein gehauen, eine solche Lebenssumme zieht: „Wie eine Larve werfe ich / Einmal all meine Zweifel ab. / Dann will ich Ruhm. Und sei es auch / Spät und an meinem toten Grab.// Ich habe schwer gelebt und viel genossen / Von jenem süßen Bitterbrot / Der Selbstqual und der Selbstverzweiflung. / Und mein Geschwister war der Tod. // Und nur auf eins war mein Verlangen / Gerichtet: Auf die Ewigkeit. / Ich habe mich zu Fels verdichtet: / An mir teilt sich der Strom der Zeit.“

Die nach dem Ewigen Dürstende erlebte sich auch als Umstrittene, deren Selbstbewusstsein nicht immer so unerschütterlich war wie an jenem Weltjugendklubnachmittag. Die von ihren Lesern gefeierte Einzelgängerin ging ihren Weg, suchte ihn nicht als Summe aufgeregter Debatten, denen sie konsequent fernblieb. Mehr, auch mehr als im Gespräch mit Erwin, dem vor ihr etablierten Schriftstellermann, dem sie Tag um Tag ihrer Arbeitskraft schenkte, der sie aber, je nach Familienwetter, lobte oder abtat, suchte sie Rat in der Natur, mit der sie sich, vor ihr, in ihr, besprach: „Ich ringe um die Weltentzückung, aus der heraus ich schreiben kann. Mit den Jahren verstand ich, was die Konstante meines Lebens ist: das Verhältnis zur Natur, die Rührung über ihre Erscheinungen“ , erklärte sie 1996 im Gespräch mit Klaus Trende.

Heimat Natur, Heimat Familie. Die Dichterin als der ausbrechende und doch freiwillig dienende Mit-Mensch, der sich bewusst ist, dass das Hochfliegende, Klärende seiner Gedanken auch von den Pflöcken herrührt, die sie, scheinbar und zeitweise, hindern. – Weltentzückung und Selbstbefragung. Ich meine, dass Eva Strittmatters anhaltende Wirkung sich drei Säulen verdankt: der natürlich-kreatürlichen Weltfreude, dem bekennenden Hunger nach Liebe und dem stoischen Eingedenksein des Todes mit dem Trost der Hoffnung auf Überdauern im Werk. Diese Dreiheit verschmilzt sie in rigoroser Selbstbefragung, bei der sie sich von niemandem übertreffen lässt.

Mein Eva-Strittmatter-Kreis schloss sich vor zwei Wochen, als ich sie, sie war wieder aus dem Neuruppiner Krankenhaus gekommen, 37 Jahre nach unserer schiefen Berliner Begegnung erstmals in Schulzenhof besuchte. Im Stollengespräch mit der inzwischen auf ihren Rollstuhl Angewiesenen und dem ältesten Sohn Ilja bestätigte sich mir das Gelesene. Da saß, mehr als 15 Jahre nach dem Tod des Sohnes Matthes und des binnen drei Wochen nachgestorbenen Mannes, eine tapfere Frau, entschlossen, ihren immer eingeschränkteren Tagen mehr als nur eine letzte Freude abzugewinnen. Im Frühling, auf den sie stärker wartet als auf den 80. Geburtstag, wird sie sich hinausrollen lassen und auf der Zunge wieder ihr großes Gedicht „Besitz“ schmecken, das da endet: „Meine Birke, mein Bach, meine einsamen Wege. / Hier lebe ich mit der Freiheit, zu gehn, / Und bleibe: Ich hab mich noch immer / An der Schönheit des Sandes nicht satt gesehn.“ Wundermächtige Schwester! Wir haben uns an Ihren Gedichten auch noch nicht satt gelesen.

Richard Pietraß, 1946 im sächsischen Lichtenstein geboren, lebt als Lyriker in Berlin. In der Edition Zwiefach ist zuletzt das reich illustrierte Werkbuch „Kippfigur“ erschienen.

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