Fachbuch : Musik braucht der Mensch

Mozart, Verdi, Wagner und die anderen: Hans Neuenfels hat mit "Wie viel Musik braucht der Mensch?" ein hellhöriges Buch über die Oper geschrieben.

Christine Lemke-Matwey
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Die Hure. Szene aus Neuenfels' "Traviata" an der Komischen Oper. -Foto: M. Rittershaus

Als der bayerische Komponist Johann Simon Mayr, ein früher Held der italienischen Oper und vergessener Zeitgenosse Beethovens und Rossinis, am 21. November 1845 in Bergamo auf dem Sterbebett liegt und sich und sein Dasein „rückwärts liest“, lässt er die Gedanken sachte schäumen: „Meine Freude, mein Stolz war es, mit der Sprache der Noten etwas preiszugeben, wofür ich mich sonst geschämt hätte. Ich konnte lachen, wenn ich wollte, vor allem weinen, wozu mir oft zumute war, überhaupt Gefühle zeigen, Leidenschaften, Hass und Rache, bedingungslose Hingabe und Unterwerfung, deren Folgen ansonsten nicht abzusehen gewesen wären, und – nicht zu vergessen – ich beherrschte, was ich tat.“ Kunst als Mittel, so hat Hans Neuenfels es an anderer Stelle einmal formuliert, „das eigene Chaos durch Umzingelung zu bändigen“. Musik als Überlebensspeise und Droge.

Wenn Neuenfels dem Tonsetzer solche Worte in den Mund legt, dann ist es mehr als die Lust an der eigenen „Fahrlässigkeit“, am buchstäblichen Dahinfahren, mehr als Todesangst und Todessüchtelei, was diese beiden Künstler verbindet. Der Komponist und sein Regisseur (im Juni wird Neuenfels Mayrs „Medea in Corinto“ an der Bayerischen Staatsoper vorstellen), der Autor und das von ihm inständig imaginierte, erträumte und so erst authentische, fassliche Geschöpf: eine siamesische Gemeinschaft. „Wie viel Musik braucht der Mensch?“, unter diesem Titel hat Neuenfels seine Schriften Über Oper und Komponisten nun gebündelt (in der neuen „Edition Elke Heidenreich“ bei Bertelsmann), und natürlich ist die Frage rhetorisch gemeint.

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