Fackelkopf : Bruno Preisendörfer: Schwarz auf Weiß

Retrolook im Web 2.0: Der Schriftsteller Bruno Preisendörfer und sein Magazin "Fackelkopf".

Lea Hampel
Preisendoerfer
Dichterstube. Bruno Preisendörfer in seiner Neuköllner Wohnung. -Foto: Mike Wolff

Die Wände der zwei Zimmer im fünften Stock eines Mietshauses in Neukölln sind bis zur Decke mit Klassikern, Nachschlagewerken und historischen Fachbüchern vollgestellt. Auf dem Boden liegt ein Teppich, der einst ein Muster hatte. In der Ecke auf einem Holzgestell ein aufgeschlagener Bildband, in die Bücherwand eingebettet ein Stehpult, vor dem Fenster zum Hof die dunkelrote, alte Ledercouch. Und natürlich, der Schreibtisch. Eine Dichterstube wie aus dem Bilderbuch.

Es ist ein alter Schreibtisch, aus dunklem Holz, mit wenigen Stiften darauf – und einem Laptop. Genau hier beginnt sie, die Realität des Schriftstellers von heute. Auf dem Bildschirm flimmern aktuelle Börsenzahlen. Im Jahr 2009 lebt der freie Autor nicht mehr nur von Stipendien und Mäzenen, er muss sich auch mit Anlagemöglichkeiten auskennen. Zumindest, wenn er auch eine praktische Seite hat – wie Bruno Preisendörfer.

Man kann diesen Pragmatismus nicht nur an Preisendörfers bequemen Turnschuhen und den Hosenträgern erkennen oder an der Tatsache, dass er bereits seit 1988 in seiner Neuköllner Wohnung lebt. Die hatte er schon, als er nach seinem Germanistik-, Politik- und Soziologiestudium seine Doktorarbeit schrieb und die heute noch ruhig ist und eine niedrige Miete hat. Die praktische Herangehensweise durchzieht auch seine literarische Arbeit. Zwei Arten von Büchern schreibt Preisendörfer, die für die Seele und die für den Geldbeutel. Bekannt geworden ist der Autor und ehemalige „Zitty“-Redakteur durch  Romane wie „Die letzte Zigarette“ oder sein aktuelles Buch, „Manneswehen“, das als maskulines Pendant zu Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ gehandelt wird. Echtes Herzblut steckt er in Werke wie den wunderbaren, bisher weniger erfolgreichen Erzählband „Die Beleidigungen des Glücks“ sowie in „Randsinn“, den Roman, den er gerade schreibt und für den er ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats hat. Beide Arten von Büchern schreibt er gerne, beide haben ihren Sinn, ihre Qualität. In der Betriebswirtschaft nennt man das „Querfinanzierung“.

Ähnlich entstanden ist auch sein neuestes Projekt, „Fackelkopf“ oder genauer: www.fackelkopf.de. Das sei, betont der 52-Jährige, „kein Internetmagazin, sondern ein Magazin im Internet“. Nicht dass Preisendörfer großer Fan der neuen Medien wäre. Dass „Fackelkopf“ online erscheint, liegt vielmehr daran, dass „intellektueller Querulantismus in Druckform nicht mehr finanzierbar ist“, wie er im Editorial ankündigt. Per Internet dagegen ist die Verbreitung simpel, die Druckkosten fallen ebenso weg wie die Abhängigkeit von Lektoren oder Redakteuren. Außerdem kann Preisendörfer Tonlage und Sachverhalte selbst bestimmen. Der Aufgabe des Intellektuellen, wie er sie begreift, der Diskursstörungsfunktion, kann er im Internet leichter nachkommen.

Was nicht heißt, dass der „Fackelkopf“ ein Hitzkopf wäre, der schnell und spontan Kommentare abfeuert. Dem Ideal gedruckter Magazine nacheifernd und schon im Titel die „Fackel“ zitierend, jene berühmte von Karl Kraus herausgegebene Zeitschrift , überarbeitet Preisendörfer jeden Text mehrfach, bevor er ihn online stellt. „Bloß nicht aus Zeitnot dummes Zeug schreiben.“

Nicht nur hier widerspricht er einem Grundprinzip des Web. Die Texte erscheinen im Wochenrythmus. Und die Sprachkolumne „Babel & Co.“ oder „Hi Hitler“ sind weniger eine Blog-Rubrik im Sinne des Web 2.0. als vielmehr eine Reminiszenz an die klassische Tageszeitungskolumne, wie Preisendörfer sie einige Jahre auch im Tagesspiegel veröffentlichte. Dieser anachronistischen Herangehensweise entspricht die Optik: schwarze Schrift auf rein weißem Hintergrund hat Preisendörfer sich ausgesucht, einige wenige Wörter sind rot oder blau eingefärbt. Ein Retrolook. Nicht weil er Webdesign ablehnt – er beschäftigt eigens einen Techniker –, sondern als Signal. Inhalte sind wichtig, Fotos und grafischer Schnickschnack überflüssig. Alles, was das Internet als Medium vom Druck unterscheidet, Links, Querverweise, Aktualisierungen, hat Preisendörfer von seiner „Fackelkopf“-Seite verbannt. Das internettypisch Subjektive lehnt er ab, ihm geht es um „Sachverhalte und Geschichten“, wie er es nennt.

Das Paradoxe an seiner Art, das Internet zu nutzen, ist Preisendörfer bewusst. Er strebt sogar an, „eine Marktlücke damit zu füllen“. In ihm streiten sich der Intellektuelle und der Pragmatiker, wenn er einerseits die günstige Möglichkeit der Textverbreitung schätzt und zugegeben „geil auf Publikum“ ist, andererseits lieber „50 intelligente Leser als 500 Deppen“ hat. Deshalb träumt Preisendörfer davon, eines Tages einen festen Abonnentenstamm zu haben, der sein Magazin online lesen kann und dafür einen bestimmten Betrag zahlt. Ein neuer Abonnent hätte erst Zugang, wenn ein anderer abspringt. Er will Leser, keine User.

Und das, obwohl Preisendörfer selber eifrig das Internet nutzt, zumindest in der ersten Wochenhälfte. Da googelt er, schaut Dinge bei Wikipedia nach, „selbstverständlich quellenkritisch“; seine Lieblingsseite „Art and Letters Daily“ besucht er jeden Morgen. Mails ruft er trotzdem nur zweimal täglich ab – „ich gehöre noch nicht zu den Nerds, oder wie die heißen, die den ganzen Tag vor dem Computer hängen. Ich bin schließlich kein Netz-Heini.“ Betont er und ordnet sich einer Spezies zu, die er längst für ausgestorben hält: den Intellektuellen. Deshalb verbringt er die zweite Wochenhälfte auf dem Land im Haus seiner Freundin, um zu schreiben. In der internetfreien Zeit entstehen seine Bücher. Das Handy schaltet Preisendörfer nach Feierabend aus, der Fackelkopf bleibt dann sich selbst überlassen. Ein Kontaktformular gibt es nicht auf der Website. „Wer mich erreichen will, muss sich Mühe geben“, sagt Preisendörfer. Oder einfach googeln.

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