Feminismus reloaded : Die coolen Alphamädchen

Wer braucht denn heute noch Feminismus – wir haben doch eine Bundeskanzlerin? Falsch gedacht, sagen die Journalistinnen und Bloggerinnen Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl – denn das mit der Gleichberechtigung ist ein bisschen komplizierter. In ihrem Buch "Wir Alphamädchen" plädieren sie für einen neuen Feminismus, der Spaß macht und sexy ist.

Sylvia Vogt
Feminist
Foto: Flickr

In dem wirklich richtig coolen Blog maedchenmannschaft.net gibt es in der Rubrik "Boys we like" dieses Foto (links): "Feminists get all the chicks", lautet der Bildtitel bei Flickr. "Righty-right, boys" - so der Kommentar von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl, den Blog-Betreiberinnen.

Jetzt haben die drei Journalistinnen aus München ein Buch geschrieben. "Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht", heißt es - und die Episode mit dem hübschen Feministen ist durchaus bezeichnend. Die Autorinnen finden es an der Zeit für einen neuen Feminismus, und zwar einen, der Spaß macht und bei dem die Männer dabei sind, gern auch beim Sex. "Feministinnen sind heute eher für viel Sex und für guten Sex. Weil sie ihre Körper mögen und deswegen gern spaßige Dinge damit anstellen", schreiben sie.

Aber Sex ist natürlich nicht alles. Es geht auch um die Diktate der Schönheitsindustrie, um Verhütung, Abtreibung, Muttermythen und die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. Um die Frage, warum Frauen höchstens trotz Kindern Karriere machen können - wenn sie Glück und Krippenplätze haben. Während Karriere-Männer ganz selbstverständlich Kinder haben, sogar viele, wie wir jetzt wieder in den sehr entlarvenden Interviews lesen konnten, die jüngst im SZ-Magazin erschienen sind.

Und vor allem um die Frage, warum sich die jungen Frauen eigentlich von diesen Männern, die ihre Kinder "jederzeit telefonisch ins Chefzimmer durchstellen lassen", jetzt auch noch einreden lassen sollen, dass sie Schuld daran sind, wenn Deutschland den Bach runtergeht.

Ärzte verdienen weniger - wegen Frauen

Und fängt man erstmal damit an, genauer hinzuschauen, wird klar: trotz Bundeskanzlerin und Überfliegerinnen in der Schule ist das alles noch gar nicht so weit her mit der Gleichberechtigung. Frauen und Männer werden noch immer unterschiedlich bezahlt - für die gleiche Leistung. Wenn Frauen ein Berufsfeld erobern, sinkt das Lohnniveau für alle. Seit mehr Frauen Ärztinnen sind, verdienen Mediziner insgesamt weniger. Nach dem Motto: Wenn das sogar Frauen können, kann es nicht so viel wert sein.

Alte Rollenklischees werden wieder hervorgeholt und die Frauen an ihre vermeintliche Bestimmung erinnert - die irgendwo zwischen Herd, Hausaufgabenbetreuung und Teilzeitjob liegen soll. Mit pseudowissenschaftlichen Studien à la "Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören" werden Vorurteile zementiert. Dabei sind die Unterschiede zwischen Frauen untereinander und zwischen Männern untereinander größer als die zwischen den Geschlechtern.

Und so räumen die Alphamädchen-Schreiberinnen auf mit den Klischees. Anders als der alte 70er-Jahre-Feminismus sind die Männer dabei aber nicht der Feind. Vielmehr sind die Autorinnen der Meinung, dass auch die Männer davon profitieren können. "Sie bekommen Freundinnen, die finanziell auf eigenen Beinen stehen, die sie bei Familienfragen mitreden lassen, die niemals fragen ‚Findest du mich zu dick?'".

Natürlich erfinden die drei das feministische Rad nicht neu. Bei vielen Themen - wie Abtreibung, Verhütung und sexueller Gewalt kommen sie zu ähnlichen Antworten wie ihre kämpferischen Vorgängerinnen. Aber das macht nichts. Denn sie wenden sich gerade an junge Leserinnen, die von all dem vielleicht noch gar nichts mitbekommen haben. Und sie schreiben ohne Umschweife, mit spürbarer Begeisterung und vielen guten Hinweisen, wie es tatsächlich anders und besser gehen kann.

Spagat zwischen Porno und Sexismus

Überhaupt, der 70er-Jahre-Feminismus mit Alice Schwarzer an der Spitze. Der kommt im Buch nicht besonders gut weg. Zu dominant ist die Emma-Herausgeberin, ihre Positionen zu weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der Jungen - wie zum Beispiel bei der Verteufelung der Pornografie. Haaf, Klingner und Streidl sind für Pornos - wenn sie gut gemacht sind. Sie sind gegen alle Diktate, die Frauen vorschreiben, wie sie sich zu verhalten oder zu kleiden haben oder was sie im Bett tun.

Doch genau hier setzt auch eine leise Kritik an. Denn auch das Buch selbst ist voller Imperative. Sei cool, sei schlau, sei schön, hab guten Sex, hab viel Sex. Ganz schön viele Anforderungen für eine allein. Und der Tipp, um der Karriere willen doch lieber mit tieferer Tonlage zu sprechen, ist ein echter Aufreger. Zu Recht kritisieren die Autorinnen, dass Frauenmagazine und Werbung jede Woche etwas am Frauenkörper zu mäkeln haben und immer neue Problemzonen erfinden - nur um dann selbst die weibliche Stimme zu einer solchen zu erklären.

Auch der Spagat der Autorinnen zwischen "Sexismus nein, gute Pornos ja" ist angesichts der Übermacht der Mainstream-Pornografie schwierig. Nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen, die teilweise in der Sexindustrie herrschen. Wer an Pornos Spaß hat und dabei auf neue Ideen kommt - wunderbar. Auch Frauen mögen nicht nur Blümchensex im Dunkeln, ganz klar. Aber dass auch die Bilder der Mainstream-Pornos mit ihren digital bearbeiteten Monstertitten und Riesenschwänzen eine Macht ausüben und oft ein problematisches Frauenbild transportieren, sollte nicht verschwiegen werden. Immer mehr Mädchen wollen mittlerweile ihre angeblich unästhetischen Schamlippen operativ verändern lassen - und kommen dafür mit Fotos von Pornodarstellerinen zum Schönheitschirurgen.

Aber jetzt Schluss mit der Spielverderberei und stattdessen auch noch ein paar Imperative: Lest dieses Buch! Diskutiert! Und macht mit beim Feminismus! Auch die Jungs, es lohnt sich.


Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. 256 Seiten. Hoffmann und Campe, 19,95 Euro.

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