Finanzkrise : Mein Leben als Broker

Noch ein Finanzkrisen-Roman: Paul Torday erzählt vom hoffnungslosen Leben des Charlie Summers.

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Der englische Titel von Paul Tordays neuem Roman lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „The Hopeless Life of Charlie Summers“. Im Deutschen hat man ihm die Hoffnungslosigkeit erlassen und das Buch schlicht „Charlie Summers“ getauft. Einholen wird ihn die Hoffnungslosigkeit aber doch. Charlie Summers, der eine Hauptrolle spielt und doch nur als Nebenfigur in Erscheinung tritt, ist vom Schicksal arg gebeutelt. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen und wurde von einem Vater großgezogen, der sein Leben lang von dem Gedanken getrieben war, auf Seitensprungwegen von der englischen Königsfamilie abzustammen. Etwas von der Vergeblichkeit dieser Herkunftssehnsucht hat sich an seinen Sohn vererbt: Ausnahmslos alle Unternehmungen von Charlie Summers sind zum Scheitern verurteilt.

Er ist zwar ein umtriebiger Geist, dazu ein kleiner Gauner und Hochstapler, aber sein Ehrgeiz führt ihn regelmäßig in die Pleite. Als er japanisches Hundefutter, das er auf dilettantische Weise selber zusammenmischt, an den Mann bringen will, geht auch das schief: Die Hunde müssen sich nach dem Genuss des Futters reihenweise erbrechen.

Charlie Summers ist ein Unglücksrabe wie er im Buche steht, und er findet irgendwie keinen Einlass in die snobistische englische Welt, die der 1946 geborene Brite Paul Torday aus eigener Anschauung kennt und in seinem Roman quasi ironisch gespreizt beschreibt. Im Mittelpunkt seines Romans steht aber eine andere Figur als der Titelheld: Hector Chetwode-Talbot, genannt Eck, ist Tordays Erzähler. Er hatte weitaus bessere Startbedingungen als Charlie Summers, war Offizier der Royal Army und hat zudem ein paar einflussreiche Bekannte. Nachdem er bei einem Afghanistan-Einsatz an seine eigenen Grenzen geraten ist und die der Genfer Konventionen überschritten hat, hängt er das Gewehr an den Nagel und lässt sich von dem gewieften Immobilienspekulanten Bilbo Mountwilliam anwerben, der in der Londoner City einen Hedgefonds betreibt. Ecks Aufgabe ist es, dem risikofreudigen Bilbo ebenso risikofreudige Kunden zuzuführen. Viel verstehen muss Eck vom Geschäft zum Glück nicht – gute Manieren, Begabung zum Small Talk und überzeugendes Auftreten genügen vollauf.

Die Lebenswege von Charlie Summers und Hector Chetwode-Talbot kreuzen sich in Südfrankreich; die beiden sind sich in ihrem Äußeren frappierend ähnlich, ansonsten verbindet sie nicht allzu viel. Es wird weitere Begegnungen geben, die vornehmlich einem Hang zum Mitleid und einer gewissen Neugierde Ecks zu verdanken sind. Dass ihn das Los von Charlie Summers beschäftigt, hat mit den Parallelen zu tun, die Eck zunehmend in ihrer beider Hochstaplerkarrieren entdeckt: Die werden umso kenntlicher, je düsterer die Wolken über der City sich zusammenziehen. Die große Finanzkrise des Jahres 2008 stürzt natürlich auch Mountwilliam in den Abgrund. Windige Geschäfte, in die Eck verwickelt war, ohne sie zu durchschauen, fliegen nach und nach auf. Sogar seine Afghanistan-Vergangenheit holt den tief Gestürzten wieder ein. Nur gut, dass seine Großcousine Harriet da ist, der er das ganze Buch hindurch den Hof gemacht hat und die ihn schließlich doch erhört. Am Ende steht im übrigen das bescheidene simple life auf dem Landsitz, von dem wahrscheinlich so mancher Banker nach dem September 2008 geträumt hat. Und Charlie Summers bekommt noch eine Märtyrerrolle, die seinem Leben einen gewissen Sinn abtrotzt – ein über das ganze Buch hinweg hübsch vorbereiteter Clou, der zumindest einem der beiden ungleichen Brüder Charlie und Eck ein Happy End beschert.

Nun ist das also ein sehr akuter, durchaus unterhaltsamer Gesellschaftsroman mit skrupellosen Brokern, naiven Anlegern und schrulligen Engländern, aber das Lesevergnügen wird ein bisschen getrübt durch die etwas zur Belanglosigkeit tendierende Sprache, die manche schöne Beobachtung entwertet – die Übersetzung mag daran nicht ganz unschuldig sein. Auch der Erkenntnisreichtum ist nicht allzu hoch: Dass die Old-School-Gauner strukturell den New-Economy-Halunken in den Finanzdistrikten gleichen, wenn sie auch um einiges sympathischer sind, ist keine allzu aufregende Neuigkeit. Paul Torday hindert das aber nicht daran, sie genüsslich immer wieder auszuspielen.

Überhaupt scheint sein Glaube an die Aufnahmefähigkeit des Lesers begrenzt: Der Autor traut ihm weder viel Erinnerungsvermögen noch Kombinationsgabe zu. So wird alles immer wieder zu Tode erklärt und wiederholt, bis es auch der unaufmerksamste Leser begriffen hat. Einer der Höhepunkte an Redundanz ist die Beschreibung der blassen Harriet am Grab ihres Verlobten – die darf man fast wortwörtlich im Abstand von sechzig Seiten gleich zwei Mal lesen.

Es scheint zur Zeit unter Gegenwartsautoren einen Wettlauf um den am schnellsten geschriebenen Finanzkrisen-Roman zu geben. Bodo Kirchhoff hat den mit „Erinnerungen an meinen Porsche“ bereits vor einem Jahr erschienen, um Längen gewonnen. Bei Kirchhoff spürte man, auch wenn das Buch um einen durch die Finanzkrise in die Impotenz getriebenen Spekulanten mit sehr heißer Nadel gestrickt war, eine gewisse Souveränität im Umgang mit kolportagehaften Stilmitteln. Der als Unternehmer tätige Paul Torday, der mit den Büchern „Lachsfischen im Jemen“ und „Bordeaux“ durchaus heitere und gar nicht so dumme Unterhaltungsromane vorgelegt hat, kann zwar mit wenigen Strichen kauzige, ganz eigene Charaktere zeichnen, aber bei „Charlie Summers“ hat ihm die Hand ein bisschen gezittert.

Nicht jeder Aktualitätsdruck heiligt bescheidene literarische Mittel.

Paul Torday: Charlie Summers. Roman.

Aus dem Englischen von Thomas Stegers.

Berlin Verlag, Berlin 2010. 287 Seiten, 22 €.

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