"Flieh mit dem Löwen" : Verzweifelte Gauner

Vom staatsnahen Autor zum Slapstick-Virtuosen: Benito Wogatzkis Weg aus der DDR.

Steffen Richter

BerlinWer Benito Wogatzki noch aus DDR-Zeiten kennt, dürfte über seine plötzliche Verwandlung erstaunt sein. Waren seine Romane „Romanze mit Amélie“ oder „Das Narrenfell“ nicht sozialistische Alltagssatiren, vergleichsweise bieder und durchaus parteilich? Nun jedenfalls hat derselbe Wogatzki ein krachbuntes Buch geschrieben, das zwischen alle Register fällt. Am ehesten könnte man es als einen Gesellschaftsroman mit hohem Thriller- und Comic-Anteil bezeichnen, als Feuerwerk an Sprachwitz und skurrilen Einfällen. Vielleicht ist es sogar ein verspäteter Wenderoman, der zwar in DDR- Erfahrungen wurzelt, aber eine viel größere Geschichte erzählt: eine über das Chaos zwischen den Ordnungen, über Verrat und Schuld.

Derzeit kann man Benito Wogatzki in seinem Wochenenddomizil auf einem Pachtgrundstück im märkischen Sand bei Ludwigsfelde treffen. Hier allerdings verbringt er nur wenige Wochen im Jahr. Seit längerem lebt er mit seiner Frau in der Provence. Dort kann man sich Wogatzki allerdings kaum vorstellen: ein Berliner in Sprache und Gestus, geradeheraus, mit preußischem Witz. Der Roman, den er jetzt geschrieben hat, überrascht ihn selbst. Vermutlich habe sich „einiges angestaut“. Immerhin war er 16 Jahre nicht präsent im literarischen Betrieb, kein Buch, kein Interview. In den Wendemonaten war er überzeugt: „Man kann jetzt so schnell nichts klären.“

Wogatzki galt als „staatsnah“ – zu Recht. Manfred Jäger, ein ausgewiesener Kenner der DDR-Literaturszene, beschrieb ihn sogar als „schlicht-dogmatisches Gemüt“. Sitzt man Wogatzki gegenüber, ist nichts davon zu spüren. Sicher, mit seinem Geburtsjahr 1932 gehört er zur Generation von Heiner Müller oder Christa Wolf, jener also, die es mit dem Sozialismus ernst meinten. Dabei ließ sich Wogatzki den Mund nicht verbieten. Am Ende der DDR waren ein Dutzend Spitzel auf ihn angesetzt. Auch Überwachung ist eine Form von „Staatsnähe“. 1989, sagt er, habe er ein „ungeheueres Gefühl der Freiheit“ verspürt.

Zu dieser durchaus exemplarischen DDR-Biografie gehört eine Familiengeschichte, die wie ausfabuliert klingt. Wogatzkis Vater floh als Jude vor den Nazis nach Belgien: Erst nach seinem Tod hat sein Sohn wieder von ihm gehört. Die Mutter folgte einem arabischen Philologen nach dem Krieg nach Marokko. Später zogen sie in den Irak, wo Wogatzkis Schwester einen irakischen Offizier heiratete, der von Saddams Regime umgebracht wurde. Bevor diese Schwester in die USA ging, hat Wogatzki sie Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal getroffen. Da reiste er als Reporter zu einem Jugendtreffen nach Bagdad, geschickt von der FDJ-Zeitschrift „Forum“.

Die gern beschworene „Aufbruchszeit“ der Fünfziger hält auch Wogatzki für die beste der DDR. Schließlich konnte er – in Berlin ausgebombt und auf dem Land bei Wiepersdorf aufgewachsen – sein Abitur an der Arbeiter-und- Bauern-Fakultät in Potsdam machen. Danach studierte er in Leipzig Journalistik. Dass er zum „Journalisten neuen Typs“ ausgebildet wurde, kommentiert er heute ironisch. Vom „Forum“ ging er zum Fernsehen. Dort verfasste er Drehbücher für Filme, aber auch für eine Tierarzt-Serie. Wie er so etwas nur tun könne, mokierte sich Hermann Kant damals. Doch der Mangel an Berührungsängsten kam Wogatzki nach der Wende zugute. Für das ZDF („Mordslust“), für SAT1 („Schwester Stefanie“) oder RTL hat er etliche Folgen geschrieben.

Als die politische „Reinrederei“ beim DDR-Fernsehen unerträglich wurde, flüchtete er sich in den siebziger Jahren in den Roman. Und zum Roman ist er jetzt zurückgekehrt. Die Praxis als Drehbuchschreiber ist „Flieh mit dem Löwen“ deutlich anzumerken. Die Dialoge sitzen, die Bilder sprechen für sich. Oberflächlich betrachtet, ist das Buch eine aberwitzige Kriminalgeschichte um eine abgerichtete Serienmörderin und Glücksritter aus Ost und West. Es gibt jede Menge Slapstick und groteske Szenen, wie etwa jene Jubeldemonstration, die als Endlosschleife vor einem greisen Staatschef vorbeigeführt wird.

Eingebettet ist dieses „verzweifelte Gaunerspiel“in eine verschachtelte Konstruktion. Unzählige Abschweifungen treiben anarchische Blüten zur vietnamesischen Zigaretten-Mafia, einem kurzsichtigen Berufskiller oder einem Hauptkommissar, der ein Fotoalbum mit Verbrecherporträts anlegen möchte. Der Ton des Spektakels lässt sich am besten als ironisch gebremstes Pathos beschreiben. Wenn es das Gegenteil von Altherrenprosa gibt, heißt es „Flieh mit dem Löwen“.

Untergründig aber geht es hier um sarkastisch camouflierte Verletzungen politischer und persönlicher Art, um Liebesunfähigkeit, Täuschungen und darum, wie ein Staat ein Individuum korrumpieren kann. Im Unterweltszenario einer „Dante Disko“ deklamiert ein Schauspieler: „Schmach über die Bande! / Die ohne Lob gelebt und ohne Schande / Die, ohne gegen Gott sich zu empören, / ihm treu nicht, sondern unparteiisch waren!“ Die Verse aus der „Göttlichen Komödie“ könnten zum Motto für Wogatzkis Buch taugen. Denn das handelt vom Sich-Einlassen. Davon, Irrtümer zu begehen und Wunden davongetragen. Glücklich, wer wie Wogatzki frei von Rechthaberei, aber auch von Verklärung oder Bitterkeit davon erzählen kann.

Benito Wogatzki: Flieh mit dem Löwen. Roman. Das Neue Berlin, Berlin 2007. 464 Seiten, 19,90 €.

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