Literatur : Florentiner im Geiste

Karen Michels porträtiert Aby Warburg

Gregor Dotzauer

Sein Ruhm als Begründer der Ikonologie ist längst über die Universitäten hinausgedrungen. Doch sogar unter Kulturwissenschaftlern hat sein Name immer noch etwas von einem Codewort für Eingeweihte. Aby Warburg – „Jude von Geburt, Hamburger im Herzen, Florentiner im Geiste“, wie er sich selber nannte – ist als Denker, der im Schlangenritual der Pueblo-Indianer die unauslöschliche Bedrohung der Vernunft durch das Irrationale erkannte und in astrologischen Handbüchern Aufschluss über die Kunst der Renaissance suchte, seltsam ungreifbar geblieben. Das hat sicher damit zu tun, dass er keine abgeschlossene Lehre vertrat, sondern eine Methode. Aber auch damit, dass der Zugang zu Warburg (1866– 1929) bisher vor allem über seine fein ziselierten, aus vielen kleinen Beobachtungen zusammengepuzzelten Schriften führte oder über die 500 Seiten von Ernst H. Gombrichs „intellektueller Biografie“.

Eine ebenso gut lesbare wie knappe und verschwenderisch schön ausgestattete Einführung in sein Werk und Leben hat nun die Kunsthistorikerin Karen Michels vorgelegt. Sie hat viele Jahre am Hamburger Warburg-Haus gearbeitet und betrachtet die dort eingerichtete Kulturwissenschaftliche Bibliothek zu Recht als „Warburgs eigentliches Lebenswerk“. Um sie zu betreten, muss man unter den Buchstaben für „Mnemosyne“, die Schutzgöttin des Gedächtnisses, hindurch, die auch seinen „Bilderatlas“ schützen sollte.

„Im Bannkreis der Ideen“ zeichnet ein empathisches Porträt dieses schwierigen, psychisch labilen Privatgelehrten und seines Kreises. Es erzählt, wie er mit und gegen seine Bankiersfamilie den Traum von einem Bücherpalast verwirklichte, in dem alles versammelt sein sollte, was die „grenzpolizeiliche Befangenheit“ der Wissenschaften auflöst. Genie, erklärte Aby Warburg, ist „Gnade und zugleich bewusste Auseinandersetzungsenergie“. Dieses Buch rückt beide Aspekte ins rechte Licht. Gregor Dotzauer

Karen Michels:

Aby Warburg. Im Bannkreis der Ideen. Mit einem Vorwort von Martin Warnke. Verlag C. H. Beck, München 2007.

128 Seiten, 19,90 €.

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