Fluchthelfer : Wut und Instinkt

Ina Boesch untersucht, warum Menschen zu Fluchthelfern werden. Die Schweizer Ethnologin und Historikerin leistet zur Problematik europäischer Asylpolitik einen überraschenden Beitrag.

Angelika Brauer

Die Prognose des Uno-Hochkommissars für Flüchtlinge ist düster. Wegen der Finanzkrise und des verlangsamten Wirtschaftswachstums, so António Guterres, werde die Zahl der Menschen in Not weiter zunehmen. Verglichen mit den Milliarden, die von den Regierungen zur Rettung der Banken bereitgestellt werden, seien die 1,8 Milliarden Dollar, die die Flüchtlingshilfe (UNHCR) beansprucht, eine „Kleinigkeit“. Zur angemessenen Versorgung reiche die Summe keineswegs aus. Man könnte das zuspitzen: Warum werden Banken gerettet statt Menschen? Warum sind Grenzen offen, aber nur für das Kapital? Tatsache ist, dass die Armut weltweit wächst. Immer mehr Menschen entschließen sich, ihr Land zu verlassen, in dem durch Korruption und Krieg, leer gefischte Küsten und Agrarsubventionen kein menschenwürdiges Leben mehr möglich ist. Sie bezahlen Schlepper, steigen in schäbige Boote – und kommen zu Tausenden um.

„Als Nieves die erste Leiche am Strand von Los Lances entdeckt, verliert sie die Fassung. Noch jetzt, viele Jahre später, werden ihre Augen feucht.“ Für die Geschichtslehrerin Nieves García Benito wird der schockierende Augenblick im Oktober 1988 zum Auslöser ihres Engagements. Seitdem hat sie vielen illegalen Immigranten geholfen, die erschöpft an der von Helikoptern, Langstreckenradaren und Wärmebildkameras bewachten Küste Spaniens stranden.

Nieves ist die Hauptfigur in der ersten von fünf wahren Geschichten, die Ina Boesch erzählt. Die Schweizer Ethnologin und Historikerin leistet zur Problematik europäischer Asylpolitik einen überraschenden Beitrag: In einer eigensinnigen Mischung aus Reportage und Interview porträtiert sie Menschen, die sich als Fluchthelfer einsetzen. Sie will wissen, warum sie das tun. Die naiv klingende Frage „Warum haben Sie sich als Fluchthelfer betätigt?“ lässt sie nicht los, seit ihr die Mutter mit wegwerfender Geste erzählte: „Ach, das war nichts“, „zu wenige ... man hätte viel mehr Juden aufnehmen müssen“. Warum also gibt es Menschen, für die es selbstverständlich ist, zu helfen, während so viele andere die Grenze der Gleichgültigkeit nicht überschreiten?

Eine eindeutige Antwort ist nicht zu erwarten. Geld spielt jedenfalls keine Rolle. Im Gegenteil. Dieter Thieme und Detlef Giermann wollten nicht nur diejenigen „rüberholen“, die für gefälschte Pässe und ausgetüftelte Einzeltouren bezahlen konnten. Als sie in den sechziger Jahren gezwungen sind, für ihre immer aufwendiger organisierte Fluchthilfe aus der DDR ein Honorar zu verlangen, wünschen sie sich an den Anfang zurück: Man öffnete einen Kanaldeckel, um die Flüchtlinge gleich gruppenweise durch den Untergrund in den Westen Berlins zu schleusen. „Wir waren gegen die Diktatur, und daraus entwickelte sich dann die Hilfe.“ Wäre es doch so einfach. „Vielleicht liegt es auch an unserem Naturell.“

Dieter Thieme benutzt ein längst vergessenes Wort. Es erinnert an den Instinkt, der keinem Moralphilosophen zur Begründung reicht. Aber auch Artur Radvansky gibt sich damit zufrieden: „Wenn du ein Kind ertrinken siehst, springst du ins Wasser und holst es heraus. Du denkst nicht, dass auch du ertrinken könntest. Das ist ein Trieb.“ Für den Juden, der 2078 Tage in Konzentrationslagern überlebte, ist es nicht leicht, sich an die kurze Zeit davor zu erinnern. 1939 war das, als er in seinem Elternhaus Flüchtlinge beherbergte, sie in der Nacht durch Stollen führte und ihnen so aus der besetzten Tschechoslowakei nach Polen verhalf – aus einem Instinkt heraus. Aus Pflicht gegenüber dem Nächsten. Aus Liebe zum Menschen.

Auf der Suche nach einer Antwort liegt die Spur zur Religion nahe. Ina Boesch nimmt sie in jeder Geschichte auf, obwohl der Umweg kaum weiter führt. Die typischen Gemeinsamkeiten der Fluchthelfer sind anderer Art. Vor allem haben sie Mut. Sie lassen sich von Strafandrohungen nicht einschüchtern. Durch ihre Zivilcourage gelingt es, auch anderen die Augen zu öffnen und das Netzwerk der Gleichgesinnten zu erweitern. Eine bezeichnende Szene wird nur am Rande erzählt: wie ein Kantonspolizist, „Befehl ist Befehl“, aufgerüttelt durch ein flammendes Plädoyer, sich selbst überprüft. Mit der Einsicht, dass sein Gehorsam zur Lage nicht passt, konnte er auch einen Ermessensspielraum zur Rettung der gefährdeten Menschen entdecken.

Wer sich als Fluchthelfer einsetzt, schaut nicht weg. Was er sieht, beurteilt er selbst. Wenn er handelnd Konsequenzen zieht, ist er seiner Sache sicher. Er weiß und fühlt, dass er das einzig Richtige tut. Gesetze sind zweitrangig, die Dogmen der Religion nicht nötig. „Ich bin auch der Überzeugung“, sagt beispielsweise Anne-Marie Im Hof-Piguet, die sich als skeptische Individualistin bezeichnet, „dass keine Religion die Menschen glücklich machen kann. Das ist die große Illusion: Jede Religionsgemeinschaft hat gedacht, wir sind die beste. Aber jetzt sehen wir, dass alles relativ ist. Nicht aber die Menschenrechte.“

Sie werden immer wieder verletzt. Anni Lanz sucht das „baselstädtische Ausschaffungsgefängnis“ drei Mal pro Woche auf, um selbst zu sehen, wie man dort mit den Inhaftierten umgeht. Mögliche Verstöße wird sie öffentlich machen. Die Schweizer Menschenrechtsaktivistin versteht ihr Engagement nicht nur humanitär, sondern vor allem politisch. Eine Einstellung, die sie mit Nieves García Benito teilt. Denn auch Nieves, die ihre Emotionen in Wut verwandelt und den tausendfachen Tod ertrunkener Immigranten als „Mord“ bezeichnet, erklärt ihren Einsatz als politischen Protestakt.

Ina Boesch: Grenzfälle. Von Flucht und Hilfe. Fünf Geschichten aus Europa. Limmat-Verlag, Zürich 2008. 275 S., 23,80 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar