Flüchtlingsschicksale : Meer der Verzweiflung

Jeden Sommer ertrinken Hunderte afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer. Gabriele del Grande notiert ihre Tragödien.

Philipp Lichterbeck
Fluechtlinge
Zuhause bleiben ist jeden Tag wie ein bisschen Selbstmord. -Foto: dpa

Der Tod an den Rändern Europas ist eine Alltagserscheinung, auch dieses Jahr, auch diesen Sommer. „Sechs Erwachsene, neun Babys sterben vor Spanien“ (10.7.), „Vier Tote bei Flüchtlingskatastrophe“ (13.7.), „Flüchtlingsschiff gekentert: sieben Tote“ (29.7.): So stand es zuletzt in den Zeitungen, Ähnliches konnte man bereits in Vorjahr lesen – wie in all den Jahren davor.

Mehr als 12 500 Leichen hat man seit 1988 an den EU-Grenzen gefunden, die meisten im Meer. Auf jeden aufgelesenen Toten, so schätzt das Flüchtlingswerk der UN, kommen noch einmal rund 45 versunkene Leichen. Einer halben Millionen Toten zum Trotz bleibt Europa seltsam gleichgültig. Begriffe wie „Flüchtlingsdrama“ artikulieren Bestürzung; die im gleichen Atemzug erwähnte „Invasion aus Afrika“ relativiert sie wieder. 1,82 Milliarden Euro lässt sich die EU die vollständige Militarisierung ihrer Grenzen kosten. Sie zwingt die Bootsflüchtlinge zu noch weiteren, noch gefährlicheren Fahrten.

„Ein Afrikaner zählt in Europa einfach weniger“, sagt Gabriele del Grande. Der 26-jährige Journalist hat angesichts der Katastrophe eine ungewöhnliche Reise unternommen. Auf eigene Faust und Rechnung ist er kreuz und quer durch Afrika gefahren, traft Hunderte von Emigranten, sprach mit ihnen über ihre Ängste und Vorhaben und dokumentierte ihre Routen. Über seine Erlebnisse hat Gabriele del Grand ein kleines, erschütterndes Buch geschrieben. Es heißt „Mamadous Fahrt in den Tod“, ist zugleich Reisebericht, Grabrede und Anklageschrift.

Zu Besuch in Berlin, erzählt der gebürtige Toskaner von seinen Erfahrungen und seinem Engagement. Wenn er spricht, wägt er jedes Wort und lacht selten. Vielleicht gehört sich das so für einen Kronzeugen des Massensterbens.

Aufgebrochen war er vor drei Jahren, nachdem er gerade begonnen hatte, in Bologna für die Nachrichtenagentur „Redattore Sociale“ zu arbeiten. Einer seiner Berichte handelte von jungen Afrikanern in Italien. Sie waren so alt wie del Grande selbst und hatten ungeheuerliche Odysseen hinter sich. Doch sie sprachen nie darüber, keiner hatte sie je danach gefragt. Gabriele del Grande kaufte sich ein Ticket Rom–Casablanca, einfacher Flug.

Monatelang ist er unterwegs. Er reist von Marokko durch die umkämpfte Westsahara nach Mauretanien, in den Senegal, nach Mali, Niger, Algerien und Tunesien. Er gibt sich als Tourist aus, um nicht das Misstrauen der Behörden zu erregen. Er fährt tagelang in schrottreifen Bussen durch die Wüste, schläft in billigen Unterkünften, wird an Grenzen festgesetzt, zahlt Bestechungsgelder, sieht überfüllte Gefängniszellen, schaut in die eiskalten Gesichter von Menschenschmugglern, wird für einen Geldfälscher gehalten und trifft Hunderte von Menschen auf dem Weg nach Norden. Nach wenigen Wochen hat er mehrere Packen Papier vollgeschrieben.

Drei Monate braucht del Grande, um zu sortieren, was er erlebt hat, ein kleiner Verlag macht ein Buch daraus. Kein EU-Funktionär, kein Beamter der Grenzschutzagentur Frontex, kein Politiker kommt darin zu Wort. Es sprechen nur die Auswanderer des 21. Jahrhunderts, es ist ein Chor von Erniedrigten.

Sie singen Epen vom Aufbruch, von Hoffnungen, von jahrelangen Wanderungen durch Wüsten, Berge und Wälder. Berichten von Hunger und Durst, von Fieber, Durchfall und Delirium. Erzählen von Zäunen und Zellen, von Schlägen, Schüssen und Vergewaltigungen, von Mord und Korruption. Erinnern sich an meterhohe Wellen, faustgroße Lecks und achtlos vorüberfahrende Fischtrawler. „Tief in dieser Düsternis“, sagt Gabriele del Grande, „verbirgt sich oft etwas Unbändiges und Kraftvolles: Ein Wille, sich durch nichts aufhalten zu lassen. Außer dem Tod.“

Da ist zum Beispiel die Geschichte der vierzig Frauen und Männer, die aus halb Afrika kommen und nun an der Küste Marokkos zusammen ein Boot bauen: aus Holzresten, mit Nägeln und Teer. 800 Euro haben sie an die Menschenschlepper gezahlt, kaum einer hat je das Meer gesehen. Sie harren wochenlang im Sand aus, immer in Angst vor den marokkanischen Militärs, die sie deportieren könnten. Dann bringen die Schlepper einen alten 20-PS-Motor.

Einem der Flüchtlinge wird ein Kompass in die Hand gedrückt: Immer nach Westen, mon ami, 100 Kilometer bis Gran Canaria. Sie quetschen sich auf das drei Meter lange Boot. Sie klammern sich an ihre Grigris, Talismänner aus Leder und Muscheln, die sie von den Medizinmännern ihrer Dörfer bekommen haben. Es geht los. 500 Meter vom Ufer entfernt: Die erste hohe Welle, das Schiff kentert, fast keiner kann schwimmen, fast alle ertrinken. Nie wird man in ihren Dörfern erfahren, was mit ihnen passiert ist.

Andere Flüchtlinge kommen ein klein wenig weiter, ihr Schicksal ereilt sie erst auf hoher See. Weil die Schlepper das Benzin mit Wasser verdünnt haben, weil das Boot undicht ist, weil das Trinkwasser zu Ende geht, oder weil man nach Tagen auf offener See ganz einfach wahnsinnig wird. Manchmal steht einer auf und wirft sich ins Meer.

Wäre Gabriele del Grandes Buch ein Bild, es wäre ein Gemälde von Goya, in seiner schwärzesten Periode. „In Afrika hat sich eine Kultur der Verzweiflung und des Fatalismus ausgebreitet“, sagt er. „Sie ist zu einer Kultur der Gleichgültigkeit vor dem Tod geworden.“ Wenn man die Menschen vor dem Meer warnt, dann sagen sie: Zu Hause bleiben ist wie jeden Tag ein bisschen Selbstmord. Wir verrotten. Wegen unserer verkommenen Oberschichten. Und wegen eurer Waffenlieferungen. Wegen eurer subventionierten Agrarprodukte, die auf unsere Märkte geschleudert werden. Wegen eurer Fischfangflotte, die unsere Küsten plündert.

Nur vier Prozent der Ausländer in Spanien stammen aus dem Afrika südlich der Sahara. Die EU-Innenminister sprechen dennoch gerne von einem „nie da gewesenen Druck“. Sie lassen Hubschrauber und Boote patrouillieren, installieren Kameras, inhaftieren Flüchtlinge monatelang und schieben sie ab. Die neue italienische Regierung hat die Einreise ohne Papiere gerade erst von einer Ordnungswidrigkeit zu einem Verbrechen hochgestuft, das mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft werden soll. „Die Europäer vergessen schnell“, sagt del Grande, „dass sie sich in den letzten 500 Jahren zu Millionen auf dem Planeten breit gemacht haben.“ Und er glaubt: „Kein Abwehrgesetz wird einen Flüchtling von seinem Ziel abbringen.“ Wer einmal diesen Schmerz und diese Energie erlebt habe, der wisse, dass Menschen, die nichts zu verlieren haben, bis zum Äußersten gehen.

Am Ende seiner Reise, nach 18 000 Kilometern, steht del Grande auf dem Friedhof von Agrigent, Sizilien. Auf den Gräbern vor ihm sind fünfstellige Nummern verzeichnet. Darunter liegen die Opfer eines der schwersten Schiffsunglücke im Mittelmeer: 2006 rammte ein Boot der italienischen Küstenwache einen Flüchtlingskahn, 50 Afrikaner ertranken, ihre Namen wurden nicht identifiziert.

Gabriele del Grande hat sie alle herausgefunden, er hat ihre Familien kennengelernt, hat in die fassungslosen Gesichter von Eltern, Kindern und Ehefrauen geblickt. Er sagt: „Es ist kein Drama. Es ist das größte Verbrechen unserer Zeit.“

„Mamadous Fahrt in den Tod“ von Gabriele del Grande ist im Loeper Literaturverlag erschienen (220 Seiten, 14,90 €) Seine Internetseite fortresseurope.blogspot.com ist eine internationale Referenz, wenn es um die Zahl der Opfer an den EU-Außengrenzen geht.

Gabri ele del Grande wurde 1982

in Lucca in geboren. Er war 23 Jahre alt, als er für seine Recherche über Flüchtlinge auf eigene Faust nach Afrika

aufbrach.

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