Literatur : Flunkern, zocken, lieben

Richard Morgièves Hommage an den Papa

Tanja Langer

Der kleine Mann von hinten, der Richard Morgièves Roman den Titel gegeben hat, ist ein Filou, ein polnischer Jude – und der Vater des Erzählers. Als solcher ist er aber nur noch eine vage Erinnerung. Wie Morgièves Vater nahm er sich das Leben, als der Sohn 13 Jahre alt war, wenige Jahre nach dem Tod der Mutter. Der Junge, der sich hier als Erwachsener erinnert, spricht von sich selbst fast immer als vom kleinen „Miette“, als handle es sich um seinen jüngeren Bruder. Von den Eltern sagt er „mein Vater“ und „meine Mutter“, was manchmal für eine überraschende Komik und ein andermal für bestürzende Traurigkeit sorgt.

Morgiève, Jahrgang 1950, springt in seine Geschichte und stürzt sich auf das Karussell, als das er sich die erste Begegnung, die 1942, mitten im Krieg, wild ausbrechende Liebe seiner Eltern Stéphane und Andrée und überhaupt ihr ganzes Leben vorstellt. Die Mutter ist schön, der Vater beliefert Kollaborateure, Partisanen und Nazis gleichermaßen, er ist ein Gauner und Zocker – und bleibt es.

Seinem Aufstieg als Geschäftsmann folgt der Niedergang. Das Leben, das er sich als permanentes Fest vorgestellt hat, offenbart bald seine Leere. In diesem Moment verlangsamt der Autor das Tempo und malt die ganze Verzweiflung aus, vor der diese amour fou sich ereignet. Im Grunde handelt der Roman davon, dass man glücklich sein kann mitten im Unglück, dass das Unglücklichsein unter Umständen selber glücklich macht, wenn man es mit einer Handvoll geliebter Menschen teilen kann.

„Mit uns zu ziehen hieß sich auf Treibsand niederzulassen“, heißt es einmal, Doch für Miette, das Kind, und den Erzähler scheint es nichts Schöneres zu geben, als zu beobachten, wie der Vater flunkert, lügt und sich erfindet. Morgièves „Kleiner Mann“ zeigt uns: Zwischen Irrsinn und Poesie, zwischen Klamauk und leisen Momenten geht es weniger um Wahrheit – es geht vor allem um Lebendigkeit. Tanja Langer

Richard Morgiève: Kleiner Mann von

hinten. Roman. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schäfer und Claudia Steinitz. Claassen, Berlin 2008. 232 S., 18 €.

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