Fotografie : Das Schöne und das Biest

Wo Berlin klassisch wird: Der Fotograf Gerrit Engel entwirft einen neuen Kanon herausragender Bauten

Christian Schröder

Im Arbeitszimmer des Fotografen Gerrit Engel hängt eine Berlin-Karte, in der rote, gelbe und blaue Fähnchen stecken. Die Position der Nadeln mit ihrem geschweiften Anhang erinnert an einen Fischschwarm, der von Spandau aus entlang der Ost- West-Achse in die Stadtmitte vordringt. Während im Norden und Süden, in Reinickendorf, Tempelhof oder Neukölln, nur wenige Stellen markiert sind, drängen sich die Fähnchen zwischen Alexanderplatz und dem Brandenburger Tor zum dichten Klumpen.

Es sind Dutzende von Fähnchen, und jedes steht für ein herausragendes Bauwerk. Blau markiert waren ursprünglich alle Gebäude, die Engel bereits aufgenommen hatte, rot solche, die er noch fotografieren, und gelb diejenigen, die er noch einmal aufsuchen wollte. Eigentlich müssten jetzt alle Punkte blau sein, „aber irgendwann gingen halt die Fähnchen aus“, lacht Engel. Das enzyklopädische Unternehmen, an dem der Fotograf drei Jahre lang gearbeitet hat, ist abgeschlossen, sein monumentaler, schlicht „Berlin“ betitelter Bildband erscheint in diesen Tagen.

Das Buch ist nicht nur eine Art architektonischer Vermessung einer Metropole, die zwar viele bedeutende Einzelbauten, aber eben kein geschlossenes Stadtbild besitzt, von klassischer Schönheit ganz zu schweigen. Sondern es erzählt, passend zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls, ganz nebenbei auch von den Brüchen und Wechselfällen in der Biografie dieser Stadt. Denn Engel folgt allein der Chronologie, sein Bildband beginnt mit der um 1230 entstandenen Nikolaikirche und endet 233 Fotografien weiter mit David Chipperfields Galeriehaus am Kupfergraben aus dem Jahr 2008.

Dazwischen kommt es immer wieder zu überraschenden Koinzidenzen und Konfrontationen. Natürlich fehlen die tourismusträchtigen Highlights nicht – die Staatsoper, das Brandenburger Tor oder Schinkels Neue Wache –, doch Engel zeigt auch Bauten, die noch in keinem Architekturführer zu finden waren. So folgt auf Stülers Alte Nationalgalerie von 1876 der ein Jahr später entstandene Wasserturm an der Knaackstraße in Prenzlauer Berg, dessen Hochbehälter von ehemaligen Werkswohnungen gesäumt wird. Der Unité d’habitation, Le Corbusiers berühmter Wohnmaschine im Westend, steht das Verwaltungsgebäude des Rotaprint-Werks im Wedding gegenüber, ein Musterbeispiel expressiven Sichtbeton-Brutalismus aus dem Jahr 1959, das bislang allenfalls Experten kannten.

Im frühen 19. Jahrhundert, Berlins vielleicht bedeutendster Bauepoche, bestachen klassizistische Musterbauten wie Schinkels Elisabethkirche oder das heutige Maxim-Gorki-Theater durch ihre zurückhaltende Eleganz. Kaiserzeitliche Repräsentationsgebäude wie das Postmuseum an der Leipziger Straße künden mit ihrem überbordenden Dekor von wilhelminischem Größenwahn. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Berlin zum Experimentierfeld der Moderne, mit Bruno Tauts Großsiedlungen, den expressionistischen Villen Erich Mendelsohns und dem Backsteinfunktionalismus von Fabrikgebäuden und Abspannwerken.

Und in den Jahren der Teilung, auch das lernt man beim Blättern durch dieses Buch, waren sich die Architekten im Osten und Westen der Stadt weitaus näher, als sie damals zugegeben hätten. Die himmelstürmenden Rasterfassaden vom Haus des Lehrers am Alexanderplatz (1964) und des Europacenters (1965) unterscheiden sich kaum voneinander, nur dass sich im Westen auf dem Dach ein Mercedesstern als ultimatives Konsumobjekt um sich selber dreht, während im Osten der Mosaikfries „Unser Leben“ den Sieg des Sozialismus schildert. Menschen tauchen kaum auf in diesen Fotos, milchig-graues Licht lässt die Details und Farbnuancen der Gebäude erstrahlen.

Gerrit Engel, der 1965 im Bergischen Land geboren wurde, in München und New York Architektur und Fotografie studierte und seit 2001 in Berlin lebt, fotografiert ausschließlich bei bewölktem Himmel. „Das Gesicht eines Menschen würde ich ja auch nicht in der prallen Sonne ablichten, wenn seine Nase einen enormen Schlagschatten wirft“, sagt er. Engel porträtiert Häuser tatsächlich wie Individuen und entdeckt dabei die jeweils spezifische Schönheit. Diese Haltung erinnert an Bernd und Hilla Becher, die in ihren Fotoserien Fördertürme oder Fachwerkhäuser wie Skulpturen aussehen lassen.

Seit dem Erfolg seines 2006 erschienenen Bildbandes „New York“ ist Engel ein gefragter Mann. Gerade arbeitet er an einem Buch über den Abriss des Palastes der Republik. Dabei fand er heraus, was ihn an der gegenwärtigen Architektur in Berlin vor allem stört: „Dass ängstlich in die Vergangenheit geblickt wird, anstatt an zeitgemäßen Visionen zu arbeiten.“

Gerrit Engel: Berlin, Schirmer/Mosel Verlag, München 2009, 278 Seiten, 78,– €. Das Buch wird am 28. Mai in der Buchhandlung König an der Museumsinsel (Burgstr. 27) vorgestellt, 20 Uhr.

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