Frankfurter Buchmesse : Der große Aderlass

Yan Lianke erzählt in seinem Roman „Der Traum meines Großvaters“ von einem chinesischen Aids-Skandal, der bis heute verschwiegen wird. In China wurde das Buch verboten: Es sei "der Ehre des Landes abträglich".

Jens Mühling
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"Der Traum meines Großvaters" ist eindringlich und anschaulich erzählt.

Das Unheil beginnt, wie so oft, mit einer Verführung. Eines Tages taucht ein Funktionär auf im kleinen Dorf Dingzhuang, der die Bewohner am Fluss versammelt und eine Grube im feuchten Ufersand ausheben lässt. Die Grube läuft mit Wasser voll. Mit einer Reisschale lässt der Funktionär Wasser aus der Grube schöpfen, doch sofort füllt sie sich erneut. Man schöpft und schöpft, doch immer wieder dringt neues Wasser aus dem Ufersand nach. „Habt ihr das kapiert?“, ruft schließlich der Funktionär den Dorfbewohnern zu. „Das Wasser in der Grube erschöpft sich genauso wenig wie das Blut in eurem Körper, wenn ihr es verkauft!“

Fragende Blicke. Offene Münder. „Ob ihr arm bleibt oder reich werdet“, fährt der Funktionär fort, „das hängt allein von euch ab. In den anderen Kreisen verkaufen sie längst wie verrückt ihr Blut, so dass jetzt in den Dörfern ein schmuckes Haus neben dem anderen steht, während hier bei euch in Dingzhuang immer noch kümmerliche Strohhütten das Aussehen des Dorfes prägen, obwohl doch die Kommunistische Partei euch seit Jahrzehnten führt und der Sozialismus seit Jahrzehnten aufgebaut wird.“

Über die Aids-Epidemie wird bis heute kaum offen geredet

Mit dieser Verführungsszene lässt Yan Lianke seinen Roman „Der Traum meines Großvaters“ beginnen. Was hier stattfindet, ist die Anbahnung eines diabolischen Deals, der in den 90er Jahren tatsächlich traumatische Konsequenzen für Yan Liankes Heimatprovinz Henan hatte. Zur Herstellung von Blutkonserven ließen sich damals zahlreiche Bewohner der ärmlichen Region zu bezahlten Blutspenden überreden. Das lukrative Geschäft wurde zunächst von staatlichen Stellen betrieben, bevor kriminelle „Bluthändler“ auf den Plan traten, die die Dorfbewohner mit in jeder Hinsicht unsauberen Methoden zum Aderlass trieben. Die Folge war eine verheerende Aids-Epidemie, die in Henan ganze Landstriche entvölkert hat – und über deren Hintergründe in China bis heute kaum offen geredet werden kann.

Yan Lianke dürfte geahnt haben, auf welches Wagnis er sich einließ, als er diesen Skandal zur Grundlage eines Romans machte. „Der Traum meines Großvaters“ ist die Geschichte einer Familie, deren Mitglieder auf vielfältige Weise in den organisierten Blutraub verstrickt sind. Da ist zunächst der tote Ich-Erzähler, der seine Geschichte aus dem Grab heraus rekapituliert: An ihm, dem unschuldigen Sohn des mächtigsten „Blutchefs“ der Region, rächen sich die Dorfbewohner, als „das Fieber“ die ersten Opfer fordert. Weil der Vater selbst sich dem Zugriff der infizierten Bauern entwindet, sinnt wiederum der Großvater des Ich-Erzählers auf „Blutrache“: Er will den eigenen Sohn töten, um das Gesicht der Familie zu retten.

Bereits Yans zweiter Roman, der in China nicht mehr erhältlich ist

Der Autor dieses blutrünstigen Sittengemäldes galt in China nach seinen ersten schriftstellerischen Erfolgen keineswegs als Oppositioneller: Mit dem Lao-She- und dem Lu-Xun-Preis wurden Yan Lianke die beiden bedeutendsten literarischen Auszeichnungen der Volksrepublik verliehen. Erst mit seinem Roman „Dem Volk dienen“, einer sinnesfrohen Travestie auf Maos Kulturrevolution, fiel Yan in Ungnade – und „Der Traum meines Großvaters“ ist nun bereits sein zweiter Roman, der in China nicht mehr erhältlich ist. Nachdem das Buch zunächst unbeanstandet in Druck gegangen war und mehrere zehntausend Exemplare verkauft hatte, besannen sich die Zensoren offenbar eines Besseren: Der Verlag zog den Roman zurück, da er, so die Begründung, „der Ehre des Landes abträglich“ sei.

Mit der Thematisierung eines tabuisierten Aids-Skandals ist dieser Akt der Zensur freilich nur ansatzweise erklärt. Ausschlaggebend dürfte eher gewesen sein, was Yan dem Thema über sein unmittelbares Erschütterungspotenzial hinaus abzugewinnen weiß. Denn die Aids-Welle, die nach und nach das Dorf Dingzhuang entvölkert, ist in „Der Traum meines Großvaters“ nur das Symptom eines sehr viel umfassenderen Übels.

Bis über den Tod hinaus setzt sich diese Ausweidung des Grauens fort

Als „das Fieber“ von Dingzhuang Besitz ergreift, stürzt es das gesamte Dorf in einen todessüchtigen Taumel. Unter den infizierten Bewohnern festigen zwei ehrgeizige Emporkömmlinge ihren Einfluss, indem sie Lebensmittel und andere staatliche Zuwendungen als Währung ihrer Macht missbrauchen. Auch mit den eigentlich kostenlosen Särgen, die die Lokalregierung den Opfern der Aids-Welle zur Verfügung stellt, entsteht schnell ein schwunghafter illegaler Handel, bei dem einige wenige die Not der erkrankten Mehrheit für ihre Zwecke ausnutzen. Bis über den Tod hinaus setzt sich diese Ausweidung des Grauens fort, als schließlich windige Heiratsvermittler auf den Plan treten, die posthume Ehen zwischen verstorbenen Aids-Kranken stiften und dafür Provisionszahlungen von deren Familien kassieren.

Es ist diese allumfassende Ökonomie des Todes, die das eigentliche Skandalon dieses verstörenden Romans ausmacht. Yan Lianke beschreibt Chinas Adaption des Kapitalismus als entgrenzten Irrsinn, der noch den heiligsten Lebenssaft – Blut – zum wachstumstreibenden Rohstoff degradiert. Den Worten des Autors zufolge beschreibt das Buch die Situation „eines Landes, das aus dem Traum der kommunistischen Utopie erwacht ist, nur um der neuen Utopie des kapitalistischen Wohlstands nachzujagen“. Es ist ein Befund, den man in dieser abstrahierten Form gewiss nicht zum ersten Mal hört – doch selten wurde er eindringlicher veranschaulicht als hier.


- Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 364 Seiten, 22,90 €.

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