Frankfurter Buchmesse : Felle verteilen

Noch findet das große Geschäft nicht statt, doch die Spannung steigt: Wer hat die ersten E-Books?

Gregor Dotzauer

Die Überraschung zuerst: Das Internetkaufhaus Amazon, von dem jeder erwartet hatte, es werde seinen in den USA boomenden E-Reader Kindle mit großem Tamtam endlich auch in Europa einführen, ist nicht mal auf der Messe. Und der Sony Reader, dessen Einführung in einer groß angekündigten Pressekonferenz gefeiert werden sollte, kommt erst im Frühjahr 2009 nach Deutschland – nach Frankreich und Großbritannien. Der Witz ist aber auch: Die Branche, die sich in den letzten Monaten über den bevorstehenden Umbruch den Mund fusselig geredet hat, ist keineswegs einem Hype aufgesessen. Amazons Abwesenheit bedeutet nämlich nicht, dass man dort die Entwicklung verschlafen hat, sondern dass man im Gegenteil in aller Ruhe abwartet, bis die Konkurrenz dafür gesorgt hat, dass genügend E-Books zur Verfügung stehen.

Nichts anderes tut Sony als reiner Gerätehersteller gerade in fieberhafter Eile mit seinen Partnern, dem Buchgroßhändler Libri, der auch eine eigene Internet-Plattform hat, sowie die Buchhandelskette Thalia. In 170 ihrer 240 deutschen Filialen – dazu kommen 55 in Österreich und der Schweiz – will der Marktführer Thalia den Sony Reader mit besonders ausgebildetem Personal bewerben und außerdem die konzerneigene Website für den Download einrichten. Der Preis der E-Books soll rund zwanzig Prozent unter dem gedruckter Bücher liegen. Zehn Verlage, unter ihnen Hanser, dtv, Campus, Goldmann und Heyne, haben bereits erklärt, mit von der Partie zu sein. Weitere dürften folgen, nachdem die Branche es versäumt hat, eine eigene Plattform aufzubauen.

Das Augenmerk von Thalia richtet sich dabei auf Bestseller – genau die Stapelware, die auch die Filialen prägt. Solange die Buchpreisbindung auch für digitale Produkte gilt, ist das Thalias gutes Recht. Solange die Verlage ihre Titel, so entlegen sie sein mögen, obendrein selbst vertreiben oder jedem anderen Händler zur Verfügung stellen können, partizipieren sie an einem Geschäft, das sie aus gutem Grund nicht verpassen dürfen. Sobald aber die Preisbindung fällt und Thalia oder Amazon Flatrates für Bücher anbieten würden, kippt das System zugunsten einer Distributionsmacht, die die Verlage jetzt schon zu spüren bekommen: in Form exorbitanter Rabattforderungen und bei der Einmischung in die Covergestaltung.

Noch findet das große Geschäft mit den E-Books nicht statt, aber die Felle werden verteilt. Gut an der jetzigen Situation ist immerhin, dass Amazon anders als in den USA den Markt nicht ungehindert erobern kann. E-Books sind bei Amazon nur im hauseigenen Kindle-Format erhältlich und können auf anderen Geräten nicht gelesen werden. Gemessen an chinesischen Verhältnissen sind das ohnehin alles westliche Sandkastenspiele. In China, dem nächstjährigen Gastland der Buchmesse, lesen neun Millionen Menschen regelmäßig Kolportageromane im Netz – und zwanzig Prozent der Bestseller 2007 existierten ausschließlich in digitaler Form. Gregor Dotzauer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben