Frankfurter Buchmesse : Schauer und Tod

Sebastian Barry folgt mit dem Roman „Ein verborgenes Leben“ den Spuren von William Butler Yeats. Es wurde im Frühjahr als "bester irischer Roman" ausgezeichnet.

Hans-Peter Kunisch
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"Ein verborgenes Leben" erzählt auch von den Anfängen des irischen Staates.

Lange bevor er 1923 den Nobelpreis erhielt, sammelte der junge William Butler Yeats Sagen aus Sligo, einer Grafschaft im Nordwesten der irischen Republik, und arrangierte sie zu einer Reihe fantastischer Geschichten mit Hauptfiguren wie Mick Raftery, dem Sänger, oder seiner Geliebten, der schönsten Frau Irlands, Mary Hines aus Ballyfee. Alltägliche Figuren, in ein märchenhaftes Ambiente gestellt. Mary koexistiert mit Elfen; Bauern oder ein schrulliger Warenhausangestellter werden von Yeats zu Mittlern der Geschichten gemacht, die vom „Königreich der Schatten“ erzählen.

Mit seinem Projekt der Verwandlung von „Volksgut“ in Literatur stand Yeats keineswegs abseits, lag ganz in der neoromantischen Stimmung der Zeit, die sich 1893, als „Celtic Twilight“ erschien, vor den Folgen der Industrialisierung zu fürchten begann und sich in Irland mit der Befreiungsbewegung verband. Der randständig wilde irische Westen, der nie ganz von England erobert worden war, bot sich als Zentrum literarischer Selbstsuche, die vor allem von englischstämmigen protestantischen Intellektuellen wie Yeats unternommen wurde, geradezu an.

Sebastian Barrys neuer Roman „Ein verborgenes Leben“, der 2008 für den Booker-Preis nominiert war und in diesem Frühjahr die Auszeichnung „bester irischer Roman“ erhielt, ist deutlich vor dem Hintergrund der schon bei Yeats nur scheinbar verwunschenen Sagenlandschaft erzählt. Yeats’ Wirklichkeitsverzauberung wird fortgesetzt, doch auf einer zweiten, thematischen Ebene geht es um das genaue Gegenteil: Barry bläst den zuerst geschickt evozierten Sternenstaub des Märchenhaften wieder weg.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Roseanne, einer etwa hundert Jahre alten Frau, die in einer psychiatrischen Klinik lebt und heimlich an ihren Erinnerungen schreibt. Zweiter Ich-Erzähler ist ein alter Psychiater, der den Auftrag hat, die Akten der Patienten darauf zu überprüfen, ob sie einst wirklich aus medizinischen Gründen eingeliefert wurden oder entlassen werden könnten. Die Klinik soll abgerissen werden, der Platzbedarf für den Neubau ist noch unklar.

Die Klinik steht in Roscommon, doch Roseanne kommt aus Yeats’ County Sligo, genauer aus der düsteren Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft: „Es gab da einen schwarzen Fluss, der sich durch die Stadt wälzte, und besaß er auch keinen Liebreiz für Menschen wie sie und mich, so doch für die Schwäne (...). Bei Hochwasser ritten sie den Fluss wie dahinjagende Bestien.“ Der Fluss befördert auch den „Unrat zum Meer“. Und manchmal schwimmen Leichen darin, etwa die von „Babys, für die man sich schämte“.

Das Sligo von Barry ist dem von Yeats durchaus verwandt: ebenso geheimnisvoll, aber schwärzer und dabei gleichzeitig vom Licht der Aufklärung beleuchtet, und was Roseanne in der Folge erzählt – im Wechsel mit Dr. Grene, dem Arzt, der die Dokumente kennt und Roseanne zu ihrem Schicksal befragt – führt über ihr quasi-mythisches Alter bis in die Anfänge des irischen Staats zurück. Dieser entstand aus politischen Wirren, in die Roseanne dank einer Geschichte aus ihrer Jugend verwickelt ist: IRA-Kämpfer bringen nachts einen toten Kameraden auf den Friedhof. Roseannes Vater ist der Friedhofswärter und schickt sie zum Pfarrer. Dieser kommt, doch auch ein Kommandant der neuen Staatsarmee taucht auf. Seine Truppe hat den „Terroristen“ erschossen. Er hält die Beerdigung für skandalös, und Father Gaunt nimmt Roseannes Vater übel, dass er ihn in diese Geschichte verwickelt hat. Er entlässt Joe Clear, macht ihn zum Rattenfänger von Sligo und damit noch ärmer. In zunehmender Verzweiflung, die auch Roseannes Mutter trifft, hängt der Vater sich auf.

Geschickt isoliert Barry seine Heldin, die sich ihren Lebensunterhalt von nun an selbst verdienen muss. Als Bedienung im legendären Cafe Cairo von Sligo gerät das hübsche Mädchen über die Gäste immer wieder zwischen die Fraktionen und die dramatische Nacht von damals lässt sie nicht los: Sie heiratet Tom, der ein Anhänger von Eoin Duffy ist, dem irischen Möchtegern-Mussolini, doch auch John Lavelle kommt immer wieder vorbei, der Bruder des Friedhofstoten. Er rettet sie vor einer Vergewaltigung. Als Tom bei einer politischen Veranstaltung in Dublin ist, steigt Roseanne in Gedenken an ihren Vater zu Lavelles Unterschlupf auf den Hügel über der Bucht. Nichts „passiert“, doch Father Gaunt, der schwarze Engel dieser Geschichte, sieht die beiden. Roseannes Ruf ist vertan. Tom verlässt sie, John Lavelle geht nach Amerika. Roseanne lebt in einer Hütte über dem Strand der kleinen Stadt Sligo.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto deutlicher wird, dass sich seine Dramatik mit all ihren stilistischen Schnörkeln wie eine Spirale in die Haut der Hauptfigur frisst. Die Märchenelemente mischen sich mit den bekannt trüben Misshandlungsfakten aus der Geschichte der irisch-katholischen Kirche, was Barry immer wieder vor einem Schauerroman bewahrt. Die Wirklichkeit war schauriger als jeder Schauerroman. Barry erzählt in „Ein verborgenes Leben“ denn auch nicht brav Erfundenes, sondern ergänzt die „wahre Geschichte“ einer Großtante.

Auch die zweite Erzählperspektive, jene des Dr. Grene, die erst allmählich mehr Profil erhält, ist eng mit den Missständen verbunden, die sich nach Erlangung der irischen Unabhängigkeit nicht verbesserten. Grene war ein uneheliches Kind, das nach England geschafft und dort von einer irischen Familie adoptiert wurde. Jetzt ist seine Frau, die er nie recht geliebt hat, gestorben. Kurz vor seiner Pensionierung ist er plötzlich allein. Immer tiefer vergräbt er sich daher in die Geschichte der hundertjährigen Roseanne.

Das größte dramaturgische Kunststück von Barry ist jedoch, wie er beide Geschichten schließlich auf überraschende Weise zusammenführt. Immer wieder befürchtet man, er werde sich im Aufrollen der Lebensverfehlungen seines Personals in Kitsch verstricken, doch zuletzt hält er genau im richtigen Moment inne und gibt seinem Roman genug Zeit, um Unglaubliches möglich erscheinen zu lassen: Dr. Grene entdeckt, dass er Roseannes Sohn ist, doch ob er es wagt, ihr das zu erzählen, bleibt offen.


- Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2009. 392 Seiten, 19,90 €.

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